Früher war alles schlechter Warum ist Rauchen nicht mehr cool?

Der Tabak-Boom der vorigen Jahrzehnte ist vorbei. Die Jugend wendet sich vom Rauchen ab. Woran liegt das?
Jährlicher Pro-Kopf-Verbrauch von Zigaretten (1976 in Westdeutschland)

Jährlicher Pro-Kopf-Verbrauch von Zigaretten (1976 in Westdeutschland)

Foto: DER SPIEGEL (Quelle: Statistisches Bundesamt)

Sie haben überlebt! Viele Tabakabhängige erklärten deutsche Kneipen für todgeweiht, als sich Rauchverbote in einem Bundesland nach dem anderen durchsetzten. Heute stellen wir fest: Die Kneipen leben noch. Das ist eine gute Nachricht. Eine noch bessere Nachricht: Deutschlands tödlichste Sucht hat Nachwuchsprobleme.

Denn Deutschland gewöhnt sich das Rauchen ab - oder fängt gar nicht erst damit an: Heute erkennt die Jugend in der Kippe keinen Coolness-Faktor mehr. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) stellt bei jungen Leuten einen seit Jahren anhaltenden Rückgang fest. Unter den 12- bis 25-Jährigen rauchen drei Viertel einfach gar nicht. Und damit ist das Gröbste schon geschafft, sagt Marita Völker-Albert von der BZgA: "Wer bis zum Erwachsenenalter nicht mit dem Rauchen beginnt, fängt auch danach nicht mehr an."

Damit geht der wilde Tabak-Boom des vorigen Jahrhunderts zu Ende. Um 1900 waren Zigaretten, Zigarren und Tabakpfeifen noch den oberen Gesellschaftsschichten vorbehalten und blieben meist Männersache. Der erste Weltkrieg demokratisierte das Rauchen, wenn auch erst mal nur bei Männern, im Dritten Reich geriet es kurzfristig aus der Mode, weil die Nazis Schaden am Volkskörper fürchteten.

Es folgten die Fünfziger, Sechziger und mit ihnen die Frauenbewegung und die rauchende Frau. Nun rauchten alle, Arme und Reiche, Männer und Frauen, überall: im Büro, in der Eisenbahn, am Fernsehbildschirm, im Bett. Alles stank, keinen störte es. In den Siebzigern und Achtzigern rauchte jeder Deutsche durchschnittlich 2000 Zigaretten im Jahr, fünfeinhalb pro Tag! 2016 waren es laut dem Statistischen Bundesamt nur noch zweieinhalb Kippen. (Den Pro-Kopf-Konsum errechnen die Statistiker aus dem Gesamtkonsum verteilt auf die ganze Bevölkerung, egal ob Raucher oder Nichtraucher.)

Aber warum so viel weniger? Beruhigen wir unsere nervösen Finger heute lieber mit dem Touchscreen des Handys statt mit einer Zigarette? Ist Rauchen aus der Perspektive junger Menschen eine Sache der Alten?

Unbestritten: Für Raucher ist es in Deutschland in den vergangenen Jahren immer ungemütlicher geworden. Dafür ist nicht eine Einzelaktion, sondern das Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen verantwortlich:

  • Verbote: In vielen Gaststätten und auf Schulhöfen darf nicht mehr geraucht werden. Auch die Werbung für Tabak ist stark reglementiert.

  • Prävention: Mit Aufklärungsarbeit in Schulen sollen Jugendliche von Anfang an davon abgehalten werden, zur Zigarette zu greifen. Das zeigt Wirkung.

  • Stolpersteine: Seit zehn Jahren müssen Raucher am Zigarettenautomaten per Geldkarte nachweisen, dass sie volljährig sind. Und dann bezahlen sie sehr viel mehr als früher - und bekommen Packungen, die mit Warnhinweisen und Schockbildern bedruckt sind.

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Tabakkonsum: Schockbilder auf Zigarettenpackungen

Foto: Daniel Bockwoldt/ dpa

Der BZgA ist aufgefallen, dass Arbeitslose und Auszubildende mehr rauchen als Gymnasiasten und Studenten. Rauchen, einst Privileg der Eliten, dann Vergnügen der Massen, wird zunehmend zum Erkennungsmerkmal der sozial Schwächeren. Der Tabakatlas des deutschen Krebsforschungszentrums zeigt zudem, dass die Menschen im Osten Deutschlands noch öfter an der Fluppe ziehen als im Süden.

Diese Statistik dürfte sich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten langsam entschärfen. Vielleicht wird man dann zurückblicken und den 22. Juli 1992 als symbolisches Datum für den Anfang vom Ende ausmachen. An diesem Tag starb der Marlboro-Mann, Wayne McLaren, im Alter von 52 Jahren. An Lungenkrebs. Friede seiner Asche.

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06.10.2022 04.20 Uhr

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Dies ist die Online-Ausgabe der SPIEGEL-Rubrik "Früher war alles schlechter" von Guido Mingels. Mehr Nachrichten mit Trends zur Verbesserung der Welt gibt es auf der Themenseite: Früher war alles schlechter.

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