Weltweite Analyse Hoher Salzkonsum könnte 1,65 Millionen Leben kosten

Welche Folgen hat eine hohe Natriumzufuhr für die Gesundheit der Weltbevölkerung? Um diese Frage zu beantworten, haben Forscher Daten aus 66 Ländern zusammengetragen. Das Ergebnis ist alarmierend.
Grün sind wenige, rot viele: Geschätzte Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen infolge einer zu hohen Natriumaufnahme

Grün sind wenige, rot viele: Geschätzte Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen infolge einer zu hohen Natriumaufnahme

Foto: Quelle: New England Journal of Medicine

Wer seine Liebe zum Salz ergründen möchte, kann einen einfachen Test machen: ungesalzene Chips probieren. Während bei den gesalzenen Konkurrenzprodukten die Hand wie ferngesteuert immer wieder in die Tüte wandert, bleibt bei den ungesalzenen Pendants der Suchtfaktor meist aus.

Viele Lebensmittelunternehmen machen sich dies zunutze, indem sie Fertigprodukte großzügig würzen. Salz steigert das Geschäft - und könnte der Gesundheit enorm schaden, wie eine aktuelle weltweite Analyse zeigt. Laut den Forschern um Dariush Mozaffarian von der Harvard School of Public Health führt eine zu hohe Aufnahme an Natrium - Kochsalz besteht aus Natriumchlorid - jährlich zu mehr als einer Million Todesfälle weltweit.

Für ihre aufwendige statistische Analyse im "New England Journal of Medicine"  sammelten die Forscher weltweit Daten aus 66 Ländern zur Natriumaufnahme. Insgesamt erfassten ihre Informationen rund 74 Prozent der Weltbevölkerung. Die Messungen beruhten hauptsächlich auf Urintests - und nicht auf Aussagen der Versuchsteilnehmer, was sonst zu Verzerrungen der Ergebnisse führt.

Wer hat's bezahlt?

Die Studie wurde mit Unterstützung der Bill and Melinda Gates Foundation erstellt.

Daneben starteten die Forscher zwei umfangreiche Analysen, um die Auswirkungen der Natriumaufnahme einschätzen zu können. Zum einen ergründeten sie mithilfe 107 verschiedener Studien, wie stark die Zufuhr von Natrium den Blutdruck beeinflusst. Zum anderen werteten sie Studien dazu aus, wie wiederum ein hoher Blutdruck das Risiko steigert, an einer Erkrankung der Herz-Kranz-Gefäße zu sterben. Alle Ergebnisse führten die Forscher schließlich zusammen.

99,2 Prozent der Bevölkerung nehmen zu viel Natrium auf

Laut der Analyse nimmt fast jeder Mensch auf der Welt (99,2 Prozent) zu viel Natrium auf. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt eine Zufuhr von 2 Gramm Natrium pro Tag - der weltweite Durchschnitt lag 2010 bei 3,95 Gramm. Die niedrigsten Werte erreichten die afrikanischen Länder südlich der Sahara mit etwas mehr als 2 Gramm pro Tag, die höchsten die Bewohner Zentralasiens mit 5,51 Gramm.

Zusammengenommen habe die hohe Natriumzufuhr zur Folge, dass weltweit 2010 schätzungsweise 1,65 Millionen Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben, weil sie täglich mehr als 2 Gramm Natrium aufnahmen, schreiben die Forscher in ihrer Studie.

Andersherum gedacht könnte laut der Analyse eine Natriumreduktion von 2,3 Gramm pro Tag - das entspricht etwa 5,8 Gramm Salz - den systolischen Blutdruck um 3,82 mmHg (Millimeter Quecksilbersäule) senken. Besonders stark ausgeprägt war der Effekt bei älteren Menschen und bei Personen mit Bluthochdruck. Beide gehören sowieso schon zu den Risikogruppen für Erkrankungen von Herz und Kreislauf.

Bluthochdruck

Deutschland: Knapp 21.000 Todesfälle

In Deutschland war die durchschnittliche Natriumzufuhr mit 3,6 Gramm pro Tag zwar etwas niedriger als bei der Gesamtbevölkerung, aber dennoch deutlich zu hoch. Hierzulande gab es den Ergebnissen zufolge 2010 knapp 21.000 Todesfälle infolge einer zu hohen Natriumaufnahme, mehr als die Hälfte davon durch Erkrankungen der Herz-Kranz-Gefäße.

Die Daten der Studie können zwar nicht beweisen, dass der Salzkonsum direkt für die Todesfälle verantwortlich ist: Dafür hätten die Forscher mit einer Teilnehmergruppe über Jahre eine direkte Auswirkung etwa eines verringerten Salzkonsums auf die Sterblichkeit untersuchen müssen. Michael Leitzmann, Direktor des Instituts für Epidemiologie und Präventivmedizin der Universität Regensburg, hält die Ergebnisse dennoch für begründet.

"Für den Zusammenhang zwischen der Natriumzufuhr und Bluthochdruck liegt überzeugende wissenschaftliche Evidenz vor. Auch für die Beziehung zwischen Bluthochdruck und Herzkreislauferkrankungen ist die Evidenz überzeugend", schreibt er auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Dementsprechend könne eine gemeinsame Assoziation zwischen Natriumzufuhr, Blutdruckerhöhung und Herzkreislauferkrankungen als solide eingeordnet werden.

"Empfehle reduzierten Salzkonsum für die Gesamtbevölkerung"

"Diese Studie passt ins Bild bisheriger Untersuchungen", sagt auch Martin Middeke, Leiter des Hypertoniezentrums München. Es gebe zwar immer wieder Gegenwind von Leuten, die sagten, dass ein direkter Zusammenhang zwischen einer gesenkten Natriumzufuhr und Todesfällen nicht abschließend bewiesen sei. "Die überwiegende Anzahl der Experten ist aber davon überzeugt, dass Kochsalz ein Risikofaktor für Bluthochdruck und die damit verbundenen Krankheiten darstellt", so der Experte.

Middeke rät jedem dazu, seinen Salzkonsum zu überdenken: "Ich bin der Meinung, dass es Sinn macht, einen reduzierten Salzkonsum nicht nur Menschen mit einem zu hohen Blutdruck zu empfehlen, sondern auch der Gesamtbevölkerung." Optimal ist es laut dem Forscher, den Salzkonsum täglich auf etwa 5 Gramm zu begrenzen - die in der Studie empfohlenen 2 Gramm Natrium entsprechen etwa 4,5 Gramm Kochsalz. "Wer schon so wenig Salz zu sich nimmt, braucht sich nicht weiter einzuschränken", so Middeke. Das sei aber auch in Deutschland die Minderheit.

So können Sie Ihre Salzzufuhr senken

Michael Leitzmann ist Direktor des Instituts für Epidemiologie und Präventivmedizin an der Universität Regensburg. Er rät Folgendes, um die Salzzufuhr zu senken:

+ Verzehren Sie reichlich frisches Obst und Gemüse, denn eine obst- und gemüsereiche Kost enthält viel Kalium und eine kaliumreiche Ernährung zeigt wiederum eine blutdrucksenkende Wirkung.
+ Bevorzugen Sie Vollkornprodukte statt Weißmehlprodukte, weil diese weniger Salz enthalten als Weißmehlprodukte.
+ Meiden Sie Fertigprodukte sowie Lebensmittel, bei denen Salz zur Konservierung verwendet wird wie gesalzene oder gepökelte Fleisch- und Wurstwaren. Auch Käse enthält relativ viel Salz, insbesondere Hartkäse, aber auch Schmelzkäse. Da wäre Frischkäse die bessere Wahl.
+ Bei der Essenszubereitung sollten Sie eher mit Gewürzen und Kräutern statt mit Salz würzen. Beim Essen selbst dann bitte nicht zusalzen. Dabei kann es vorkommen, dass Ihnen bestimmte Speisen zunächst geschmacklos oder fad erscheinen. In diesem Fall sollten Sie die Salzreduktion schrittweise durchführen, damit Sie sich allmählich an den weniger stark ausgeprägten Salzgeschmack der Speisen gewöhnen können.

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