SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

21. April 2015, 13:55 Uhr

Krebs in der Schwangerschaft

"Die Diagnose ist kein Todesurteil für das Baby"

Von

Schwanger und Brustkrebs - abtreiben oder nicht? Früher standen werdende Mütter häufiger vor dieser Frage. Inzwischen können die meisten Betroffenen ihr Kind behalten und sich dennoch behandeln lassen.

Bei der Geburt hat das Baby längere Haare als seine Mutter. Beide sind gesund, und die Mutter sehr glücklich. Ein Happy End, das sie sich hart habe erkämpfen müssen, erzählt Birgit Schneider*.

In der zwölften Schwangerschaftswoche trifft sie die Diagnose wie aus heiterem Himmel: Brustkrebs. "Über die Schwangerschaft müssen wir noch mal reden", sagt der Arzt. Ihr Kind abtreiben lassen? Sie recherchiert tage- und nächtelang, fragt Mediziner aus ihrem Freundeskreis, was die beste Strategie sei. Schließlich findet sie an einer Uniklinik einen Spezialisten, der schon öfter Frauen in ähnlicher Situation therapiert hat.

"Die Diagnose Krebs ist heute kein Todesurteil mehr für das Baby", sagt Matthias. Beckmann, Chef-Gynäkologe an der Uniklinik in Erlangen. "Es ist aber eine besondere Situation und man sollte sich in einem großen Brustkrebszentrum beraten lassen."

Schätzungen zufolge ist eine von 3000 bis 5000 Schwangeren betroffen. Da Frauen heute öfter mit höherem Lebensalter Kinder bekommen und das Krebsrisiko mit dem Alter steigt, werden die Fälle häufiger.

Schwierige Datenlage

Für Nicht-Schwangere gibt es klare Therapie-Vorgaben, basierend auf den Ergebnissen Hunderter hochwertiger Studien. "Mit Schwangeren dürfen aber keine solchen Studien durchgeführt werden, denn man möchte verständlicherweise kein Risiko für das Ungeborene eingehen", sagt Beckmann.

Deshalb haben die Mediziner für die Behandlung von Schwangeren vor allem Daten aus Beobachtungsstudien: Mit dem Einverständnis der Patientinnen wurde genau dokumentiert, wie die Therapie verlief und wie das ungeborene Kind dies vertragen hat.

Sibylle Loibl vom Forschungsinstitut der Deutschen Brustgruppe (German Breast Group, GBG) hat seit 2003 viele solcher Einzelfälle in der sogenannten GBG-Registerstudie zusammengetragen. Inzwischen liegen erste Erkenntnisse vor, aus denen Therapieempfehlungen entwickelt wurden.

"Vor Jahren empfahlen Gynäkologen oft, das Kind abzutreiben", sagt Beckmann. "Heute können die meisten Frauen ihr Kind behalten. Voraussetzung ist aber, dass sie die für sie und ihren Tumor passende Therapie bekommen." Wie die aussieht hänge natürlich vom Wunsch der Frau ab - und vom Zeitpunkt der Krebsdiagnose.

Beispielsweise erhöht eine Chemotherapie im ersten Trimester das Risiko für Fehlbildungen beim Kind deutlich - etwa 16 Prozent der Babys sind dann betroffen. Findet die Chemo im zweiten oder dritten Trimester statt, ist das Fehlbildungsrisiko dagegen nicht mehr erhöht.

Oft ist die Familienplanung ausschlaggebend: "Eine 42-jährige Erstgebärende wird alles dafür tun, ihr Kind nicht abzutreiben", sagt Beckmann. "Eine vierfache Mutter mit einem sehr aggressiv wachsenden Krebs wird vielleicht eher eine Abtreibung in Erwägung ziehen." Ziel sei, die jeweils beste Lösung für Mutter und Kind zu finden - "so viel wie nötig, so wenig wie möglich."

Operation, Bestrahlung, Chemotherapie - was geht, was geht nicht?

In den meisten Fällen gilt die Operation als erster Schritt der Therapie. Auch bei Schwangeren kann der Eingriff relativ sicher für das Ungeborene durchgeführt werden.

Nach der OP müssen viele Brustkrebspatientinnen bestrahlt werden. Dies solle die Frau lieber auf die Zeit nach der Schwangerschaft verschieben, rät Beckmann, weil es zu Fehlbildungen und zum Abort kommen könne. Eine Verschiebung um bis zu sechs Monate sei kein Problem.

Dritte Säule der Brustkrebstherapie ist eine Chemotherapie, die auch in der Schwangerschaft durchgeführt werden kann - aber erst ab der 14. Woche. Bei einigen Mitteln deuten die Daten darauf hin, dass es damit nicht häufiger zu Fehlbildungen oder Komplikationen beim Kind nach der Geburt kommt - bei anderen sind die Ärzte dagegen sehr vorsichtig.

Wie sich die Chemotherapie langfristig auswirkt, ist kaum länger als zehn Jahre untersucht worden, aber die Studien weisen darauf hin, dass sich die Kinder normal entwickeln. Manchen Brustkrebspatientinnen raten die Ärzte zu einer zielgerichteten Therapie mit Antikörpern. "Aber nicht in der Schwangerschaft", sagt Beckmann. In den gesammelten Fallberichten beobachtete Gynäkologin Loibl, dass die Frauen damit bedrohlich viel Fruchtwasser verloren. Auch eine Hormontherapie sollte man verschieben, denn dabei wurden häufiger Fehlbildungen beschrieben.

Beckmann rät, sich vor der Therapie immer eine zweite Meinung einzuholen. "Auch wenn sich eine Klinik Brustzentrum nennt, heißt das noch nicht, dass die Kollegen sich mit optimal mit Schwangeren auskennen." Hartnäckig sein und nachfragen, rät Birgit Schneider - und sich Ärzte suchen, die nicht nur Erfahrung haben, sondern bei denen man sich auch menschlich in guten Händen fühlt.

*Name von der Redaktion geändert

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung