Schlankheitsmittel Synephrin Gefährliche Abnehmpille

Wer Übergewicht mit Sport und Ernährung zu Leibe rücken möchte, braucht Disziplin. Manch einer greift lieber zum vermeintlichen Abnehmwunder Synephrin. Doch das kann gefährlich werden - das Mittel wird mit Herzstillständen in Verbindung gebracht.
Fitnessstudio: Fatburner Synephrin kann in Kombination mit Sport zur Gefahr werden

Fitnessstudio: Fatburner Synephrin kann in Kombination mit Sport zur Gefahr werden

Foto: Corbis

Steigert den Stoffwechsel, erhöht die Thermogenese, lässt das Fett schmelzen - es klingt verheißungsvoll, wie die "Fatburner"-Pillen mit dem Wirkstoff Synephrin im Internet beworben werden. Auch Sportler greifen zu den Nahrungsergänzungsprodukten, ist in Online-Foren zu erfahren. Wer die hochdosierten Kapseln schluckt, spielt aber möglicherweise mit seinem Leben.

Insbesondere Übergewichtige und Menschen mit erhöhtem Blutdruck sollten die Finger von den vermeintlichen Wundermixturen aus Synephrin und Koffein lassen - zu diesem Ergebnis kommt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) .

Synephrin ist ein pflanzlicher Stoff, der in der Schale von Bitterorangen, Zitronen oder Mandarinen vorkommt. Normal zu sich genommen, in Obst, Marmelade oder Saft, ist er ungefährlich. Das bestätigt neben dem BfR auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa). Das Alkaloid kann aber auch chemisch hergestellt oder aus natürlichen Quellen konzentriert und angereichert werden. In Form von Bitterorangenextrakt findet der Stoff, der mit Eigenschaften wie "Ankurbelung des Stoffwechsels" oder "Steigerung der Leistungsfähigkeit" beworben wird, Verwendung in Sportlernahrung und sogenannten Fatburnern.

Fatale Kombination mit Koffein

Wird Synephrin als Extrakt in Pillenform eingenommen, mit Koffein kombiniert oder mit Energiedrinks gemischt, können die Folgen fatal sein. Nach der Einnahme eines Synephrin-Koffein-Präparates erlitt ein 24-jähriger Bodybuilder während des Trainings einen Herzinfarkt. "Es kann sein, dass Grunderkrankungen oder andere Einflüsse die Auslöser waren. Aber das Auftreten einiger ernster Vorfälle im zeitlichen Zusammenhang mit der Einnahme verschiedener Synephrin-Produkte, wie in Fallberichten beschrieben, ist auffällig", sagt Alfonso Lampen, beim BfR für Lebensmittelsicherheit zuständig.

Lampen zufolge zeigen Studien am Menschen, dass Synephrin-Präparate, die häufig in Kombination mit Koffein angeboten werden, den Puls beschleunigen und den Blutdruck steigen lassen können. Einige als Sportlerprodukte oder Fatburner angebotene Präparate enthalten Mengen an Koffein und Synephrin, die jene in Arzneimitteln übersteigen. Weil die Kombination von Koffein und Synephrin die Einzelwirkung des jeweils anderen Stoffs auf Herz und Kreislauf noch verstärken kann, ist dem BfR zufolge eine mögliche Erhöhung der Herzfrequenz und des Blutdrucks sehr wahrscheinlich. "Personen, die dann noch zusätzlich Sport treiben oder verschiedene Grunderkrankungen aufweisen, bringen ihren Körper schnell an die Grenzen seiner Belastbarkeit", sagt der Experte.

Wer gerne Bitterorangenmarmelade verzehrt oder Orangensaft trinkt, kann nach Berechnungen des BfR bis zu 25,7 Milligramm Synephrin pro Tag aufnehmen. Diese kalkulierte Menge bezieht sich auf Personen mit relativ hohem Verzehr von traditionellen Lebensmitteln mit höheren Synephringehalten. Dagegen nimmt man bei durchschnittlichem Verzehr nur 6,7 Milligramm täglich zu sich.

Deutlich mehr Synephrin in Pillen

Bei Nahrungsergänzungsmitteln sollte die Tagesmenge Synephrin deshalb auf 6,7 Milligramm begrenzt werden, meint BfR-Experte Lampen. Viele einschlägige Produkte, die teilweise über das Internet angeboten werden, liefern jedoch mehr als das Doppelte, manche das Dreifache oder sogar noch größere Mengen an Synephrin pro Tagesdosis. Zudem sind sie häufig mit anderen Stoffen kombiniert. "Aus Studien ist bekannt, dass oberhalb der Aufnahmemenge von circa 27 Milligramm Synephrin in angereicherter Form ein Dosisbereich beginnt, in dem mit relevanten kardiovaskulären Effekten zu rechnen ist", sagt Lampen.

Für eine 27-jährige Frau wurde das bittere Realität: Nach der Einnahme eines Synephrin-Präparates, das sie zum Abnehmen schluckte, brach sie nach dem Sport im Fitnessstudio mit einem Herzstillstand zusammen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie das Präparat zwei Wochen lang mit einer Dosis von 100 Milligramm Synephrin in Kombination mit 400 Milligramm Koffein pro Tag geschluckt.

Eine 53-Jährige, die abspecken wollte, griff ebenfalls zu einer Synephrin-Pille. Seit Jahren nahm sie bereits ein Schilddrüsenhormon ein. Schon nach der ersten Dosis des Synephrin-Präparates geriet ihr Herz aus dem Takt - die Rhythmusstörungen mussten über einen längeren Zeitraum behandelt werden. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen warnte bereits 2008 vor Produkten mit Synephrin. Die Verbraucherschützer hatten damals den Appetitzügler "Therma Power" im Visier, nachdem das Produkt mit einem Herzstillstand in Verbindung gebracht worden war.

Kein nachgewiesener Effekt

"Wir wissen, dass nicht nur junge, gesunde Sportler zu den Fatburnern greifen, sondern eben auch Menschen, die übergewichtig sind oder unter Vorerkrankungen leiden", sagt Alfonso Lampen. Besonders fatal: Manch einer ahnt nicht, dass er überhaupt eine Vorerkrankung haben könnte.

Anders als Arzneimittel brauchen Nahrungsergänzungsmittel keine Zulassung, bevor sie auf den Markt kommen können. Sie werden weder auf ihre Wirksamkeit und Unbedenklichkeit noch auf ihre Qualität überprüft. Die Verantwortung für die Einhaltung lebensmittelrechtlicher Vorschriften liegt beim Hersteller oder der Firma, die das Mittel in den Verkehr bringt.

Bislang wurde noch in keiner repräsentativen Studie belegt, dass Synephrin in Kombination mit Koffein überhaupt nachweisbare Effekte bei der Gewichtsabnahme zeigen kann. "Statt bunte Pillen zu schlucken, sollte man lieber auf eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung achten", heißt es seitens der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

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