Desinfektionsmittel im Einsatz: Hauptsache, die Tastatur ist sauber
Desinfektionsmittel im Einsatz: Hauptsache, die Tastatur ist sauber
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Mythos oder Medizin Sollte man seine Computertastatur desinfizieren?

Wer sich vor Krankheitserregern schützen will, greift oft zu Desinfektionsmitteln - auch, um seine Tastatur zu reinigen. Dabei ist das nicht immer sinnvoll.
Von Julia Merlot

Reinlichkeitsfanatiker müssen jetzt stark sein: Auf unseren Schreibtischen tummeln sich massenhaft Keime. Das war auch schon vor der Corona-Pandemie so.

Eine der bekanntesten Untersuchungen zum Thema  kam auf einen Wert von mehr als 3000 Bakterien pro Quadratzentimeter, analysiert wurden dafür Anfang der Zweitausender Arbeitsplätze in vier amerikanischen Städten. Das waren 400-mal mehr Keime, als in der gleichen Untersuchung auf einem durchschnittlichen Toilettensitz gefunden wurden.

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Der Mikrobiologe Charles Gerba von der University of Arizona wurde zigmal mit dem Vergleich zitiert. Er hat inzwischen Dutzende Oberflächen auf ihre Keimbelastung untersucht. Allerdings zeigen seine Analysen weniger, wie dreckig Schreibtische sind, sondern viel mehr, wie sauber der Toilettensitz entgegen seinem Ruf ist (siehe Grafik unten).

Die exakte Bakterienanzahl sollte man dabei nicht zu genau nehmen. Sie hängt von vielen Faktoren ab. Die Angaben basieren auf einer einzigen Untersuchung, die nicht veröffentlicht und auch nicht fachlich geprüft wurde. Mitfinanziert hatte sie ein Hersteller von Desinfektionsmitteln. Das muss nicht heißen, dass die Angaben falsch sind. Aber sie geben keine absolute Wahrheit wieder, die sich auf alle Situationen übertragen lässt, sondern nur eine Tendenz.

Die Art der Keime ist entscheidend

Auf allen untersuchten Oberflächen war die Bakteriendichte deutlich höher als auf dem Toilettensitz, unter anderem auf Telefonen, Tastaturen, Mäusen und Faxgeräten. Das hat einen einfachen Grund: Während der Toilettensitz vor allem mit den ansonsten mit Kleidung bedeckten Oberschenkeln in Kontakt kommt, fassen wir die anderen Objekte an. Auf ihnen haften somit Mikroben und Viren sämtlicher Nutzer, die sie berührt haben.

Ob Bakterien und Viren zum Problem für die Gesundheit werden, hängt ohnehin vor allem von einer Frage ab: "Viel wichtiger als die Menge der Keime ist, um welche Spezies es sich handelt", sagt Johannes Knobloch, Spezialist für Krankenhaushygiene und Facharzt für Mikrobiologie, Virologie und Infektionsepidemiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

"Menschen bewegen sich in ihrem Alltag durch ein Meer von Mikroorganismen, das sie kaum wahrnehmen, außer im Zusammenhang mit Krankheiten."

Wäre allein die Keimzahl entscheidend, hätte der Mensch ein Problem. Sein eigener Körper ist Lebensraum für eine unvorstellbar große Menge Mikroorganismen: In und auf uns leben 100 Billionen Bakterien.

Die meisten von ihnen sind harmlos oder sogar wichtig für die Verdauung oder eine gesunde Haut. "Menschen bewegen sich in ihrem Alltag durch ein Meer von Mikroorganismen, das sie kaum wahrnehmen, außer im Zusammenhang mit Krankheiten", schrieben Forscher  der University of Colorado in Boulder 2009.

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Hände - die Quelle allen Übels

Glücklicherweise sind wir gut auf die Flut winziger Mitbewohner vorbereitet. "Das Immunsystem wird mit fast allen Mikroben und Viren in unserer Umgebung problemlos fertig", sagt Knobloch. "Andernfalls wäre die Menschheit längst ausgestorben." Das gelte auch für die Keime auf der Tastatur.

"Sie können sich über ihre eigene Tastatur nur Viren und Bakterien einfangen, die sie ohnehin auf ihren Händen tragen."

Was sich darauf tummelt, entspreche ziemlich genau dem, was auch auf unseren Händen lebt, sagt Knobloch. "Sie können sich über ihre eigene Tastatur also nur Viren und Bakterien einfangen, die Sie ohnehin auf Ihren Händen tragen."

Das zeigt auch eine weitere Studie von Mikrobiologe Charles Gerba aus dem Jahr 2012. Sie wurde ebenfalls von einem Desinfektionsmittelhersteller mitfinanziert, aber von Kollegen begutachtet und in einem Fachjournal veröffentlicht . Gerba und sein Team nahmen damals Abstriche von Stühlen, Telefonen, Mäusen, Tastaturen und Tischen in 90 Büros mit festen Arbeitsplätzen in New York, San Francisco und Tucson in Arizona.

In den Proben entdeckten die Forscher vor allem Hautbakterien und Mikroorganismen, die normalerweise in unserer Nase und in unserem Mund leben. Aber auch Bakterien aus dem menschlichen Darm lungerten dort.

Viel wichtiger als einzelne Gebrauchsgegenstände zu desinfizieren sei deshalb gründliches Händewaschen mit Seife, sagt Knobloch. Daran ändere sich auch mit dem neuen Coronavirus nichts.

Keine Fortpflanzung auf Gegenständen

Die meisten Erreger von Atemwegserkrankungen wie Erkältungs- und Grippeviren nutzen aus, dass sich Menschen häufig mit den Händen ins Gesicht fassen. Das geschieht unbewusst. Die Keime bahnen sich so ihren Weg über Mund, Nase und Tränenkanäle in den Körper. Von welcher Oberfläche sie zuvor auf die Hände gelangt sind, ist ihnen dabei egal. War die Tastatur desinfiziert, gelangen sie von Türklinken an die Hand.

"Wenn Sie sich morgens im Büro gründlich mit Seife die Hände waschen, erreichen Sie mehr als mit Desinfektionsmitteln."

"Es ist im Alltag unmöglich, über Stunden hinweg nur einen einzigen desinfizierten Gegenstand anzufassen", sagt Knobloch. Seine Tastatur zu desinfizieren, bringe daher wenig. Fasse man sie anschließend wieder mit ungewaschenen Händen an, seien Bakterien und Viren sofort zurück.

"Wenn Sie sich morgens im Büro gründlich mit Seife die Hände waschen, bevor Sie an Ihren Schreibtisch gehen und die Prozedur über den Tag bei jedem Toilettengang wiederholen, erreichen Sie mehr als mit Desinfektionsmitteln auf Oberflächen."

Wichtig zu wissen sei dabei auch, dass die Anzahl Keime auf der Tastatur nicht mit jedem Tag ohne Desinfektion mehr werde. "Mit jeder Berührung lassen wir ein paar Mikroben da und nehmen ein paar mit", sagt Knobloch.

Die meisten Viren und Bakterien überlebten zudem nur wenige Stunden oder Tage auf Gegenständen. Vermehren könnten sie sich dort nicht. "Sie sitzen wortwörtlich auf dem Trockenen. Es gibt auf Gegenständen - mal abgesehen vom Küchenschwamm und der Spüle - keine Nahrung für sie und keine Flüssigkeit." (Inzwischen gelten übrigens Schwämme und Spülen als Orte mit der höchsten Keimbelastung im Haushalt. In der feuchten und teils nährstoffreichen Umgebung fühlen sich Bakterien wohl. Aber das ist ein anderes Thema.)

"Die Desinfektion der Tastatur ersetzt nicht das Händewaschen."

Auf trockenen Oberflächen sterben über einen Tag hinweg zahlreiche Keime ab. Spätestens nach einem arbeitsfreien Wochenende lebe kaum mehr etwas auf der Tastatur, sagt Knobloch. "Zwar haben etwa Untersuchungen beim neuen Coronavirus gezeigt, dass es auf manchen Oberflächen bis zu neun Tage übersteht. Das war allerdings unter Laborbedingungen." Knoblauch geht davon aus, dass der Zeitraum unter realen Bedingungen deutlich kürzer ist. Zudem seien Schmierinfektionen im Zusammenhang mit dem neuen Virus die absolute Ausnahme.

Ich hab da mal gehört...
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Auch die Desinfektion von Tastaturen, die von mehreren Personen genutzt werden, hält Knobloch in den meisten Fällen für unnötig. "Wenn eine Tastatur unmittelbar von einer Person zur nächsten wandert und gerade ein Infekt rumgeht, kann es sinnvoll sein, sie zu desinfizieren", sagt er. "Es muss einem aber klar sein, dass zahlreiche Oberflächen im Büro über den Tag von zig verschiedenen Leuten angefasst werden - Schubladengriffe, Türklinken und Fahrstuhlknöpfe."

Die Desinfektion der Tastatur sei also kein sicherer Schutz und ersetze in solch einer Situation erst recht nicht das Händewaschen.

Weniger Erkältungen, weniger Durchfall

Händewaschen hat sich in zahlreichen Untersuchungen als simpler, aber wirksamer Schutz erwiesen. So erkrankten in Studien abhängig vom Hygienestandard zu Beginn des Experiments 23 bis 40 Prozent weniger Menschen an Durchfallerregern, wenn sie über die Wichtigkeit des Händewaschens aufgeklärt wurden. Das berichtet die amerikanische Gesundheitsbehörde CDC nach der Auswertung mehrerer Publikationen  zum Thema. Die Zahl der Atemwegsinfekte wie Erkältungen sank demnach um 16 bis 21 Prozent.

Effektiver Schutz: 20 Sekunden einseifen oder zweimal "Happy Birthday" singen

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Die CDC empfiehlt, sich die Hände möglichst immer mit Seife und Wasser zu waschen. Das schütze vor einigen Erregern sogar besser als Desinfektionsmittel für die Hände, so die Behörde. Ein Beispiel dafür sind Noroviren, die heftigen Brechdurchfall auslösen können. Sie überdauern mitunter in einem natürlichen Fett- oder Schmutzfilm auf der Haut, den Desinfektionsmittel nicht auflösen kann, Seife aber schon.

"Wir brauchen keine sterile Umgebung, um gesund zu leben."

Sie bindet sowohl das Wasser aus der Leitung als auch die eigentlich wasserunlöslichen Fette. Bis die Stoffe fest an die Seife angedockt sind, dauert es etwa 20 Sekunden. Anschließend rinnen Fett, Bakterien und Viren mit dem Wasser und der Seife in den Ausguss.

Händewaschen tötet das Coronavirus

"Beim neuen Coronavirus ist Händewaschen sogar doppelt wirksam", sagt Knobloch. "Während die üblichen Erkältungs- und Brechdurchfallviren oft lediglich davongespült werden, löst Seife die Fetthülle des neuen Virus wie Ölreste in einer Pfanne auf." Es geht dabei kaputt. Das geschieht übrigens auch, wenn man Oberflächen mit Spülmittel oder Seife behandelt.

Erst, wenn Seife und Wasser nicht verfügbar sind, rät die CDC dazu, die Hände zu desinfizieren. Die Mittel wirken allerdings nur verlässlich, wenn die Haut vollständig benetzt wird und die Flüssigkeit trocknen kann.

"Wir brauchen keine sterile Umgebung, um gesund zu leben", sagt Knobloch. "Regelmäßiges Händewaschen schützt uns bereits vor den allermeisten Keimen."

Beim neuen Coronavirus besteht ohnehin das Problem, dass es statt über Gegenstände und Hände wohl vor allem über feine Tröpfchen  und Aerosole in der Luft übertragen wird, etwa beim Niesen oder Sprechen. Da hilft kein Desinfektionsmittel der Welt, sondern nur Abstand halten.

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FAZIT: Die Keime auf unserer Tastatur gelangen von unseren eigenen Händen dorthin und über diese schließlich auch in den Körper. Regelmäßiges Händewaschen mit Seife nutzt daher mehr als eine keimfreie Tastatur. Wer gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen an einer Tastatur arbeitet und sich sicherer fühlt, kann dennoch zusätzlich zur Flächen-Desinfektion greifen. Einen sicheren Schutz bietet das aber nicht.

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