Sport trotz Arthrose, Übergewicht und Co. Fit sein kann jeder

Die einen sitzen mit Übergewicht und Bluthochdruck auf dem Sofa, andere haben es mit Sport übertrieben und leiden an Arthrose. Wie finden Menschen mit Beschwerden die passende Bewegungsart?
Fitnesstraining: Anfangen mit irgendetwas - Hauptsache es macht auch Spaß

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Foto: Corbis

Er litt unter Bluthochdruck, Diabetes, Fettleibigkeit und Arthrose - eigentlich gab es nur wenig, was Hans-Arthur Müller nicht hatte. Bis zu 60 Zigaretten rauchte er am Tag. Die Abende verbrachte der IT-Manager jahrelang im Fernsehsessel. "Nach der Arbeit war ich wie tot", sagt er. Das Bücken fiel ihm schwer, dazu war er müde und antriebslos. Gut 20 Jahre war es mit seiner Gesundheit bergab gegangen - und mit dem Gewicht bergauf. 107 Kilogramm brachte er zu schlimmsten Zeiten auf die Waage. Bei einer Größe von 1,78 Metern.

Aber den müden Dicken aus dem Fernsehsessel gibt es seit fast fünf Jahren nicht mehr. Müller ist jetzt ein drahtiger Mann von 60 Jahren, der mehrere Marathonläufe absolviert hat. "Ich habe nie im Leben geglaubt, dass ich noch mal zu so einer Leistung fähig sein würde", sagt er. Es war ein langer Weg.

Menschen wie der IT-Manager sind in einem Teufelskreis gefangen. Jahrelang haben sie ihren Körper vernachlässigt, sich schlecht ernährt. Diabetes, Gelenk- und Rückenschmerzen - sie leiden unter dem gesamten Repertoire der Zivilisationskrankheiten. Dann geht irgendwann ein Warnschuss los. Vielleicht ist es ein Arztbesuch oder ein dummer Spruch der Kollegen: Plötzlich wollen sie ihr Leben ändern, wollen Sport treiben. Aber wie soll das gehen, wenn man Übergewicht herumschleppt und die Gelenke schon im Sitzen weh tun?

Andere waren jahrelang aktiv, klagen aber nach etlichen Sportverletzungen über chronische Schmerzen in Knien oder Hüfte. Wie also finden Menschen mit Beschwerden die passende Bewegungsart?

Die Kollegin beeindruckte ihn

Bei Hans-Arthur Müller war es seine Zahnärztin, die ihn zum Nachdenken brachte: Im Zahnfleisch hielt aufgrund des jahrelangen Nikotinkonsums kein Implantat mehr - ein künstliches Gebiss sollte her. Er gab das Rauchen auf, nahm zunächst noch mehr zu. Dann, im Sommer 2010, beeindruckte ihn eine Kollegin durch eine erfolgreiche Diät. Das wollte er auch schaffen. Also stellte er seine Ernährung nach dem Vorbild der Kollegin um. Und verlor Kilo um Kilo, während sein Bewegungsdrang zunahm.

An Joggen war anfangs nicht zu denken. Zunächst spazierte Müller stark schnaufend um den Golfplatz in seinem Heimatdorf bei Bonn. Schließlich wurde aus dem Spazieren moderates Walking - erst ganz langsam streute er kleine Laufstrecken ein. Gleichzeitig trainierte er im Fitnessstudio seine Rumpfmuskulatur. Es war der richtige Weg: "Das Abnehmen hat mir geholfen, mich überhaupt bewegen zu können. Viele Menschen starten mit hohem Übergewicht, damit kann man aber nur schlecht Sport treiben."

Der Hamburger Allgemeinmediziner Christian Hottas bestätigt das. Generell rät er Patienten mit ähnlichen Problemen zum Ausdauersport - bei langsam steigender Belastung, je nach Vorgeschichte. "Einige sollten zunächst mit Walking anfangen und sich heranarbeiten." Gerade bei Anfängern bestehe die Gefahr der Überlastung: Um orthopädische Probleme wie Knieschmerzen zu vermeiden, sollten sie sich zunächst jeden zweiten Tag nicht länger als 15 bis 20 Minuten, dann 30 bis 40 Minuten moderat bewegen.

Realistische Ziele

Häufig unterschätzt wird zudem der Spaßfaktor. Die Motivation leidet stark, wenn Ziele zu ambitioniert sind oder das Tempo zu hoch. Gerade am Anfang ist es der Fortschritt im Leistungsvermögen, der zum Weitermachen motiviert. "Es geht darum, Sport langfristig als Lebensstil zu etablieren", erklärt Hottas. Für den Wiedereinstieg rät er Menschen, sich zunächst mit ihrem Hausarzt zusammenzusetzten. "Nahezu jeder kann sich in irgendeiner Form bewegen. Aber welche Sportart die richtige ist, muss individuell entschieden werden."

Auch Hottas selbst begann Mitte der Achtzigerjahre mit dem Laufen, weil er zu dick war. Inzwischen ist er ein König unter den Marathonläufern. Mehr als 2000-mal hat er die 42,195 Kilometer absolviert - rund dreimal läuft er die Distanz jede Woche. Damit hält der 58-Jährige weltweit den inoffiziellen Rekord für die meisten absolvierten Langstreckenläufe.

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Häufig wird er mit weit verbreiteten Vorurteilen konfrontiert: Laufen mache die Knie kaputt, löse Arthrose aus und schade den Gelenken. Ernsthafte Verletzungen hat Hottas aber nie erlitten. Seine Knie seien beschwerdefrei, sagt er. Allerdings lässt er sich fünf bis sechs Stunden Zeit für einen Marathonlauf, das schont seine Gelenke.

Studien bestätigen, dass die Kniegelenke durch richtig ausgeführten Laufsport nicht leiden . Matthias Marquardt, Internist aus Hannover, hat sich intensiv mit dem Laufsport beschäftigt. Er sagt: "Probleme im Kniegelenk treten bei richtig dosiertem Training auch auf Asphalt eher selten auf. Das Risiko steigt allerdings, wenn Anfänger übermotiviert sind und sich überlasten."

Erhöhtes Arthrose-Risiko durch Sport

Was aber, wenn jemand wirklich ein Problem im Bewegungsapparat hat? Leiden Patienten etwa unter einer Arthrose, kann es kompliziert werden. Das musste auch Hans Reimers* erfahren. Der 42-Jährige spielte bereits in der Jugend leistungsorientiert Basketball. Im Lauf der Zeit verletzte sich der ehemalige Regionalligaspieler mehrmals - meistens am Sprunggelenk. Zudem steht er als Sportlehrer fast jeden Tag in der Turnhalle. Irgendwann kamen die ersten Beschwerden in der Hüfte.

Mit Reimers Vorgeschichte ist eine Arthrose nicht ungewöhnlich: Laut dem Berufsverband für und Unfallchirurgie verletzen sich jährlich rund 1,5 Millionen Deutsche beim Sport. Dadurch steigt das Risiko, 20 Jahre später unter Arthrose zu leiden, deutlich an - bei einer Meniskus- oder Kreuzbandverletzung auf bis zu 80 Prozent.

"Übungen im Unterricht vormachen, kann ich schon lange nicht mehr", sagt Reimers. Inzwischen hat er Basketball aufgegeben, auch Joggen verursacht Schmerzen. Als er selbst nachts einen Ruheschmerz verspürte, riet ihm sein Arzt zur Operation - ein künstliches Hüftgelenk sollte eingesetzt werden. Doch Reimers ist noch skeptisch. Ein Physiotherapeut hat ihm Übungen gezeigt, die er regelmäßig im Fitnessstudio macht. Auch Radfahren funktioniert ganz gut. Nun überlegt er, ob er sich ein Rennrad kaufen soll.

Bewegung ja, Überlastung nein

Bei Arthrose sind Spielsportarten mit schnellen Bewegungen und Richtungswechseln nicht ratsam: Basketball, Handball, Squash, Tennis oder Fußball sollte man lieber lassen. Aber als Ausrede für ein Leben ohne Sport taugt die Diagnose nicht: Ist der Knorpel angegriffen, braucht das Gelenk regelmäßig Bewegung, damit er mit ausreichend Gelenkflüssigkeit versorgt wird. Ruht der Patient ganz, schreitet der Verschleiß weiter voran. Es kommt also darauf an, das Gelenk zu bewegen, aber nicht zu überlasteten. Reimers könnte außer Rad fahren beispielsweise schwimmen. Bei beiden Sportarten muss der Körper nicht sein gesamtes Gewicht tragen - anders als etwa beim Joggen.

Hans-Arthur Müller war klug genug, sein neues Leben als Läufer langsam zu beginnen. "Ich hab noch keine Sportverletzung gehabt, seit ich laufe - wahrscheinlich weil ich aufgrund meines Alters von Anfang an professionelle Unterstützung in Form von Trainingsplänen und Fitnessberatung in Anspruch genommen habe", sagt er. Auch wenn sicher nicht für jeden ein Marathon realistisch ist: Müller hat dieses Ziel geholfen, gesünder zu werden. Die alten Beschwerden konnte er nach und nach abhaken. Sein Blutdruck liegt bei 120 zu 80 - ein sehr guter Wert für sein Alter. Und auch seinen Diabetes hat er im Griff. Inzwischen muss er sich nicht einmal mehr Insulin spritzen.

*Name von der Redaktion geändert

ZUM AUTOR

Jörg Römer (Jahrgang 1974) ist freier Journalist in Hamburg. Er schreibt über Gesundheitsthemen, Sport und ist KarriereSPIEGEL-Autor.

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