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16. Juni 2012, 16:28 Uhr

Messwut im Hobbysport

Sensor unter der Sohle

Von und

Wattzähler in Fahrradpedalen, Mikrochips in Joggingschuhen - mit aufwendiger Technik vermessen Hobbysportler ihre Leistungsgrenzen. Doch Experten beäugen die Zahlenfixierung kritisch. Denn auch der Körper gibt wichtige Rückmeldungen.

Die Fußballer des 1. FC Real Hinterbrühl trainieren auf einer ungemähten Wiese im Münchner Stadtteil Solln, das Team hat keinen Coach. Mit der Leistungsanalyse nehmen es die Hobbykicker jedoch ähnlich genau wie die Profis des FC Bayern. Vor jedem Training verteilt Mittelfeldspieler Carsten Schilling Mikrochips, die sich die Spieler unter die Sohlen stecken. Der "Performance Sensor" der Münchner Firma Impire misst Laufdistanzen, Beschleunigungswerte, die Zahl der Sprints und den Kalorienverbrauch. Nach dem Training können die Kicker die Daten analysieren. Neulich lief Schilling in einer Partie der Freizeitliga 12,3 Kilometer - mehr als viele Bundesligaspieler.

Ein bisschen Bewegung nach Feierabend, damit geben sich ambitionierte Hobbysportler nicht mehr zufrieden. Jogger, Wochenendradler und Freizeitkicker wollen genau wissen, was sie wirklich drauf haben. Professionelle Leistungsdiagnostik, basierend auf einer Vielzahl von Daten, war einst Kaderathleten vorbehalten. Doch inzwischen bringen Sportartikelhersteller ständig neuen Technik-Schnickschnack auf den Markt, damit jedermann die eigenen Grenzen vermessen kann.

Der Schuh sendet Glückwünsche für den schnellsten Kilometer

Es begann mit der Stoppuhr, die kontrolliertes Training erleichtern sollte. Mittlerweile gibt es Sportuhren mit GPS, Fußballschuhe mit eingebautem Chip. Bei Adidas liefert ein Sensor im Mittelfußbereich Daten über Bewegungen. Von Nike gibt es einen Sensor, der nicht nur Laufdaten sammelt, der Nutzer wird via Kopfhörer auch gleich angefeuert: "Herzlichen Glückwunsch, du bist gerade deinen schnellsten Kilometer gelaufen." Und Garmin hat ein Fahrradpedal entwickelt, das die genaue Tretleistung in Watt ermittelt.

Das Sammeln persönlicher Leistungsdaten ist längst selbst ein Sport. Der moderne Hobbyathlet befriedigt damit ein "Grundbedürfnis nach Autonomie und Kompetenz", sagt Jeannine Ohlert, Sportpsychologin an der Deutschen Sporthochschule Köln. "Wer seine Leistung misst, fühlt sich selbständiger und hat den Eindruck, seinen Körper zu kontrollieren. Es ist eine neue Art der Selbsterfahrung."

New-York-Marathon im heimischen Wohnzimmer

Dazu gehört, die Daten gleich ins Internet zu stellen. In Communitys wird diskutiert und analysiert. Bei manchen Sportlern ersetzt die virtuelle Trainingsgruppe bereits den Lauftreff oder den Vereinssport. Die Technisierung des Sports geht soweit, dass der Läufer nicht mal mehr die Wohnung verlassen muss, um Extremerfahrungen zu machen. Vom nordamerikanischen Unternehmen iFit gibt es ein Trainingssystem, mit dem man den New-York-Marathon daheim nachjoggen kann. Während der Läufer auf einem Bildschirm zum Beispiel die Brooklyn Bridge vor sich hat, wird das Profil der Strecke vom Laufband imitiert.

Mit der Hightech-Sucht der Sportler lässt sich gutes Geld verdienen. Eine kanadische Firma hat eine Skibrille mit Display entwickelt. Während der Fahrt wird der Wintersportler, wie ein Jetpilot, über Geschwindigkeit, Temperatur und zurückgelegte Höhenmeter informiert. Das Brillenmodell war in kurzer Zeit ausverkauft, das Unternehmen macht mehrere Millionen Dollar Umsatz im Jahr. "Die Messtechnik im Sport ist inzwischen zur Massenware geworden", sagt der Sportinformatiker Florian Seifriz. Hobbyathleten reicht schon ein Smartphone, um sich im Training selbst zu vermessen. In den Mobiltelefonen sind GPS-Systeme zur Positionserfassung und Beschleunigungsmesser von vornherein eingebaut.

"Zahlenfixierte Läufer trainieren nicht automatisch effektiver"

Dass manche Hobbysportler so überwacht sind wie Patienten auf Intensivstationen, darüber können Trainingsexperten indes nur lächeln. Sie halten den Nutzen für überschaubar. Frank Hofmann ist Lauftrainer und Chefredakteur des Magazins "Runner's World". "Es kann spannend sein, im Lauftraining Distanzen, Höhenmeter oder Geschwindigkeiten zu messen. Man kann beim nächsten Mal gegen sich selbst antreten, das motiviert, bringt Abwechslung", sagt Hofmann. "Aber zahlenfixierte Läufer trainieren nicht automatisch effektiver. Die Rückmeldung, die der Körper auf das Training gibt, ist wichtiger als die der Messgeräte."

Der Physiotherapeut Oliver Schmidtlein, früher Fitness-Coach der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, hält die Zahlensucht mancher Läufer sogar für "gefährlich". Die Technik ersetze den Trainer nicht. "Beim Joggen kommt es auch auf den richtigen Laufstil an, nur dann hat das Training eine positive Wirkung. Die Qualität einer Bewegung lässt sich aber nur durch die Augen eines Fachmanns bewerten."

Doch auch diese Aufgabe soll bald die moderne Messtechnik übernehmen. Ein US-Hersteller entwickelt Shirts für Football-Spieler, die Bewegungen beim Laufen, Werfen und Fangen erfassen. "Die Athleten können zum ersten Mal sehen, was im Inneren Ihres Körpers passiert. Das wird das Training revolutionieren", glaubt Kevin Haley, einer der Erfinder des Shirts. Die intelligente Sportkleidung wird schon vom Nachwuchs der National Football League getestet.

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