Umstrittene Cholesterinsenker Gericht entscheidet im Margarine-Zoff

Taugt ein Brotaufstrich aus dem Supermarkt als Cholesterinsenker? Oder gehört Becel pro.activ in die Apotheke? Um die Margarine von Unilever ist ein heftiger Streit zwischen dem Unternehmen und Verbraucherschützern entbrannt. Nun sollen die Richter entscheiden.
"Senkt aktiv den Cholesterinspiegel": Becel-Margarine pro.activ wirbt mit einem umstrittenen Gesundheitsnutzen

"Senkt aktiv den Cholesterinspiegel": Becel-Margarine pro.activ wirbt mit einem umstrittenen Gesundheitsnutzen

Foto: Tobias Hase/ picture alliance / dpa

Wer im Supermarkt am Kühlregal nach Margarine sucht, stolpert mitunter über eine vielversprechende Botschaft: "Senkt aktiv den Cholesterinspiegel", heißt es auf der Packung von Becel pro.activ, einer Margarine aus dem Hause Unilever.   Doch just um dieses Gesundheitsversprechen ist ein heftiger Streit entbrannt, der auch die Gerichte beschäftigt. Mitte Dezember steht eine erste wichtige Entscheidung an.

Während der Lebensmittelkonzern sich laut einer Pressemitteilung von November 2011 darauf beruft, dass es "aus wissenschaftlicher Sicht keinen Hinweis" auf Nebenwirkungen gibt, sieht das die Verbraucherorganisation Foodwatch ganz anders: Eine Margarine, die nachweislich den Cholesterinspiegel senke, habe eine medizinische Wirkung. Deshalb gehöre sie in die Apotheke und nicht ins Supermarktregal, heißt es dort.

Im Januar haben Vertreter der Organisation eine Unterlassungsklage beim Landgericht Hamburg eingereicht. Der Konzern soll nicht mehr auf die Unbedenklichkeit der Margarine hinweisen dürfen, denn die darin enthaltenen pflanzlichen Stoffe - es handelt sich um sogenannte Phytosterine - seien umstritten. "Sie stehen im Verdacht, zu verursachen, was sie eigentlich verhindern sollen", sagt Oliver Huizinga von Foodwatch: Nämlich Ablagerungen in Gefäßen und ein erhöhtes Risiko für Herzkreislaufkrankheiten.

Bei Unilever blickt man dem für den 14. Dezember erwarteten Urteil gelassen entgegen: Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) habe dem Produkt einen Health Claim erteilt, die Unbedenklichkeit sei damit behördlich bestätigt. Im Sommer 2000 wurde die Margarine als erstes sogenanntes Novel-Food-Produkt EU-weit zugelassen. Seit 2009 darf der Hersteller mit einem klar definierten gesundheitlichen Nutzen werben. "Es gibt keine Studie, die besagt, dass Phytosterine, wie sie in der Becel-pro.activ-Margarine enthalten sind, zu Nebenwirkungen beim Menschen führen können", sagt Unilever-Sprecher Merlin Koene. "Hätten wir Zweifel an der Sicherheit, würden wir die Produkte nicht weiter vertreiben."

Besser die Ernährung umstellen, als auf Functional Food vertrauen

Unumstritten ist, dass man mit Pflanzensterinen einen erhöhten Cholesterinspiegel um zehn Prozent senken kann. Aber heißt das auch, dass die pflanzlichen Stoffe den eigentlichen Zweck der Cholesterinsenkung erfüllen, nämlich das Gefäßsystem vor Arteriosklerose und damit das Herz vor Infarkten und das Gehirn vor Schlaganfällen zu schützen?

"Den Zusammenhang zwischen Cholesterinsenkung mit Phytosterinen und reduziertem Herzinfarktrisiko können wir noch nicht belegen", sagt Bernhard Watzl vom Max-Rubner-Institut (MRI), dem Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. "Wir gehen davon aus, dass Phytosterine eine positive Wirkung auf das Herzkreislaufsystem haben, weil jegliche Senkung des Cholesterinspiegels diesen Effekt hat", sagt Watzl, der an sekundären Pflanzenstoffen forscht.

Functional Food - die wichtigsten Zusätze

Auch Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) äußerten sich bereits kritisch. "Soll durch Phytosterine aus der Nahrung das Cholesterin tatsächlich um zehn Prozent reduziert werden, so wären Mengen von zwei Gramm und mehr pro Tag nötig", heißt es in einer Mitteilung aus April 2011. Um das über Obst und Gemüse zu erreichen, "müssten etwa 425 Tomaten, 150 Äpfel oder 11 Tassen Erdnüsse am Tag verzehrt werden." Werde Functional Food mit solchen Mengen an Phytosterinen angereichert, entspreche dies nicht dem Ansatz einer gesunden Ernährung. Dann handele es sich um eine Maßnahme, die mit einem Medikament vergleichbar sei, entsprechend sorgfältig müsse man damit umgehen.

Viele glauben, durch den Verzehr einfach "gesünder" zu leben

Unilever aber sieht seine Pflicht erfüllt: Auf der Verpackungsrückseite ist ein Hinweis angebracht, dass Becel pro.activ "exklusiv für Personen mit überhöhtem Cholesterinspiegel bestimmt" sei. Wer Medikamente zur Cholesterinsenkung nehme, solle sich mit dem Arzt beraten. Und für Schwangere, Stillende und Kinder unter fünf Jahren sei die Margarine unter Umständen nicht zweckmäßig.

Doch reicht diese Info im Kleingedruckten?

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hatte mit den Verbraucherzentralen 2007 eine Umfrage unter rund 1000 Käufern von Lebensmitteln mit Pflanzensterinen am Kühlregal gestartet. Nur 55 Prozent der Konsumenten hatten tatsächlich erhöhte Blutfettwerte, die anderen 45 Prozent aßen die funktionellen Lebensmittel innerhalb der Familie - darunter auch Schulkinder - als Prophylaxe oder erhofften sich, dadurch einen ungesunden Lebensstil kompensieren zu können.

Kaum einer der Befragten wusste, dass der tägliche Verzehr der Spezialmargarine die Aufnahme einiger Carotinoide und fettlöslicher Vitamine aus der Nahrung sinken lässt, und es deshalb wichtig ist, zugleich mehr Obst und Gemüse in den Speiseplan einzubauen.

Eine kleine niederländische Studie von 2011 veranlasste das BfR, sich erneut mit den Phytosterinen zu beschäftigen. Die Forscher berichten, dass ihre Probanden, die zur Senkung ihrer Cholesterinwerte sowohl Medikamente einnahmen als auch Margarine mit Phytosterinen verzehrten, nach einiger Zeit eine Veränderung des Durchmessers der Gefäße in der Augennetzhaut zeigten.

Für Experten ist das ein Hinweis auf eine mögliche Gefäßverengung. "Es ist aber noch kein etablierter Marker, mit dem man eine Herzkreislauferkrankung vorhersagen kann", sagt Alfonso Lampen, Leiter der Abteilung Lebensmittelsicherheit beim BfR. "Aber die Möglichkeit von unerwünschten Wirkungen der Phytosterine, insbesondere im Fall von hohen Verzehrmengen über einen längeren Zeitraum, können wir derzeit auch nicht ausschließen", betont Lampen. Wie beim Cholesterin könne es auch bei den pflanzlichen Stoffen zu Ablagerungen in den Gefäßen kommen. Ob diese Plaques gefährlich sind, sei ebenfalls unklar.

Das BfR plädierte dafür, durch "geeignete Managementmaßnahmen sicherzustellen, dass der Verzehr dieser Lebensmittel auf Menschen mit erhöhtem Cholesterinspiegel begrenzt wird." Zudem empfahl das Institut, die Efsa mit einer Neubewertung der Phytosterine als Lebensmittelzutat zu beauftragen. "Aufgrund der aktuellen Studienlage sieht die Efsa derzeit eine Neubewertung jedoch als nicht erforderlich an", sagt Lampen.

Noch ist unklar, wie sich der Verzehr auf lange Sicht auswirkt

"Es gibt keine guten Studien am Menschen, die belegen, dass es Nebenwirkungen gibt", sagt Watzl. Der Wissenschaftler geht aber davon aus, dass mit Phytosterinen angereicherte Lebensmittel auch dem gesunden Menschen nicht schaden, "wenn sie in der von der Efsa angegebenen Menge verzehrt werden". Die EU-Behörde hat die Verzehrsempfehlung auf maximal drei Gramm am Tag festgelegt.

Bis zu 500 Milligramm an Phytosterinen nimmt der Mensch täglich mit der Nahrung auf. Gefährlich werden sie laut Watzl nur für Menschen, die unter einer vererbten Störung der Phytosterin-Ausscheidung leiden. Bei ihnen könnte es zu Ablagerungen in der Gefäßwand und letztlich bereits in jungen Jahren zu einer Arteriosklerose kommen. "Diese genetisch bedingte Störung tritt aber nur bei ungefähr 100 Menschen weltweit auf. Dennoch wird sie von manchen Wissenschaftlern als Hinweis für eine negative Wirkung der Pflanzensterine herangezogen", sagt Watzl.

Wird die Margarine möglicherweise aus dem Kühlregal verschwinden? Oder wird sie künftig, so wie es Foodwatch fordert, ein Arzneimittelzulassungsverfahren durchlaufen müssen? Beide Szenarien dürften unwahrscheinlich sein. "Die Senkung des Cholesterinspiegels um zehn Prozent ist auch zu niedrig, als dass man wirklich von einem medizinischen Nutzen der Margarine sprechen könnte", sagt Alfonso Lampen vom BfR.

Doch während Experten und Behörden sich noch darüber streiten, wie sich Phytosterine in funktionellen Lebensmitteln auf Lange Sicht auf den Körper auswirken, wird die Margarine weiterhin im Supermarkt verkauft. Verbraucher sollten sich am besten an den Rat des Ernährungswissenschaftlers Watzl halten: "Wer einen ernährungsbedingt erhöhten Cholesterinspiegel hat, sollte viel Obst und Gemüse essen, tierische Eiweiße reduzieren und sich bewegen, dann braucht er auch keine dreimal so teure Margarine zu kaufen."

Wie kann Margarine den Cholesterinespiegel senken?
Foto: Jens Büttner/ picture alliance / dpa

Was sind Pflanzensterine und worin sind sie enthlten?Wie wirken sie und wie viel darf man davon aufnehmen?Gibt es gesundheitliche Bedenken?

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