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26. Juni 2013, 14:15 Uhr

Stevia, Zucker, Honig und Co.

Süße Sünden

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Aspartam ist böse Chemie und Zucker eine gefährliche Droge. Dem bewussten Nascher bleiben nur Honig und neuerdings auch Stevia zum Süßen. Diese Klassengesellschaft der Süßstoffe ist absurd.

Es gibt einen neuen Star am Süßstoff-Himmel: Stevia. Das Stoffgemisch aus dem südamerikanischen Süßkraut gilt als besonders potent. Es soll bis zu 450fach stärker süßen als Zucker. Davon merke ich nicht viel. Erst nach fünf Tablettchen aus dem Spender wird mein Kaffee endlich süß. Wenn man das so nennen will, denn Stevia ist einfach nur bitter und ruiniert zielsicher jeden Kaffee.

Woher also die Euphorie um das südamerikanische Kraut? Vielleicht, weil es so lange dauerte, bis es als Lebensmittelzusatzstoff zugelassen wurde (das war 2011) und sich im Untergrund eine Legende darum bilden konnte. Ganz Gewiefte offerierten es schon lange vorher bei Ebay als Badezusatz oder Mundspülung. Ich frage mich bis heute, wie viele Menschen darin wohl gebadet haben.

Stevia ist der größte Coup der Lebensmittelindustrie. Denn endlich ist es ihr gelungen, der Menschheit einen kalorienfreien und zugleich "natürlichen" Süßstoff zu präsentieren. Während Aspartam und Co. nach Ansicht vieler ja pure Chemie und deswegen Teufelszeug sind. Stevia bringt auch noch eine gute Homestory mit: Seit Jahrhunderten kennen und schätzen die Guarani-Indianer Südamerikas die Süßkraft des Süßkrauts (ja, richtig, sie schätzen auch den Wachmacher Guarana). Kraut, Südamerika, Indianer, uralt - das spricht gleich mehrere Bedürfnisse an: Natürlichkeit, Weltoffenheit, Spiritualität, Mystik. Das kommt gut an im landlustbesoffenen Esoterik-Deutschland. Und aus einer Pflanze, die auch Honigkraut genannt wird, kann ja nur Gutes kommen. Eine Bitte an die Chemielehrer: Bitte sagt euren Schülern doch mal, dass sie ihren Eltern ausrichten sollen, dass auch Pflanzen Chemiereaktoren sind.

Weiß=böse

Endlich also hat man einen natürlichen Ersatz für den bösen Zucker. Als ganz besonders schlimm gilt ja der weiße Zucker. Er ist der Til Schweiger unter den Süßungsmitteln: wahnsinnig erfolgreich, von der breiten Masse gerne konsumiert, vom Bildungsbürgertum geschmäht. Und nun auch noch kurzerhand, mit lückenhafter wissenschaftlicher Unterstützung, zur Droge erklärt.

Eine schöne Legende unter Bioliebhabern ist, dass brauner Rohrzucker viel gesünder ist als weißer Zucker. Wenn letzterer Til Schweiger ist, ist Rohrzucker Moritz Bleibtreu - ein noch salonfähiges Laster. Dass er tatsächlich nur dasselbe in Braun ist, ist dem chemiefeindlichen und pflanzenverliebten Bioesser offenbar nicht klar.

Als unschuldig in der Bioszene gilt der Honig. Veganer, die die Ausbeutung der Biene ablehnen, greifen zu Agavendicksaft. Beide sind Zucker in flüssiger Form, gelten aber offenbar als besser, weil "natürlicher" Herkunft. Man kann das Esoterikspielchen übrigens noch ein wenig weitertreiben. Neulich wurde meine Freundin im Yogastudio belehrt, dass auch Honig böse sein kann: "Du kannst doch nicht Honig in heißen Tee gießen. Der wird dann toxisch!" Ich vermute da einen quasireligiösen Mechanismus: Honig verliert beim Erhitzen das letzte Bisschen seiner angeblich so gesunden Inhaltsstoffe (ein paar Enzyme). Und daraus wurde die Mär vom toxischen Honig.

Aber ich bin ja auch schon gehirngewaschen: Manchmal schnappe ich mir eine Packung Speisequark, gieße Honig drauf und löffele das dann weg - quasi als Schokoladen-Substitution. Wieso kann der Typ nicht einfach Erdbeerjoghurt kaufen, denken Sie? Leider sind meine Geschmackspapillen noch nicht so degeneriert, dass mir der Hubba-Bubba-Erdbeerjoghurt aus dem Supermarkt schmecken würde. Übrigens auch nicht der aus dem Biosupermarkt.

"Zu viel von irgendetwas schadet immer"

Das ist eben das Problem: In viele Lebensmittel kippt die Industrie viel zu viel Zucker, vor allem in die für Kinder.

Keine Frage, wir essen zu viel Zucker. Ihn aber deswegen zur Droge zu erklären, gleichrangig mit Alkohol und Nikotin, ist einfach absurd. Während der Körper bekanntlich hervorragend ohne Alkohol oder Nikotin funktionieren kann, würde ohne Zucker gar nichts mehr gehen. Er ist lebenswichtig, genau deswegen sind wir evolutionär so stark darauf programmiert. In der Steinzeit gab es eben noch keine Nutella. Dass zu viel Zucker schadet, ist eine Binse. Zu viel Wasser schadet auch. Zu viel von irgendetwas schadet immer.

In Frankreich übrigens scheint man diese merkwürdige Klassengesellschaft der Süßstoffe offenbar nicht zu kennen. Als ich dort voriges Jahr Urlaub machte, entdeckte ich in unserer Unterkunft eine hübsche blecherne Zuckerdose. Auf ihr stand "sucre cristal, sucre roux, sucre blanc, sucre glace" geschrieben. Und darüber ganz groß: "aspartame". Süß, oder?

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