Achilles' Verse Stoppt den übertriebenen Ehrgeiz!

Ein übereifriger Onkel und zahlengetriebene Freizeitsportler: Anna Achilles hält nicht viel von übertriebenem Ehrgeiz. Sie macht sich beim Laufen keinen Stress. Schließlich geht es um viel mehr als nur um die Zeit.

Hamburg-Marathon (Archivbild): "Beim Laufen geht es nicht nur um die Zeit"
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Hamburg-Marathon (Archivbild): "Beim Laufen geht es nicht nur um die Zeit"


"Na, heute schon trainiert?", ist eine der Lieblingsfragen von Onkel Achim. Er stellt sie, kaum, dass er zur Tür hinein gerannt kommt und noch im Laufen die Stopptaste seiner GPS-Uhr drückt. Für Achim ist 60-minütiges Intervalltraining noch nicht genug der Schinderei - nein, er muss natürlich zusätzlich die Treppenstufen im Hausflur hochsprinten. "Solltest du auch mal machen", ruft er mir zu, bevor er schon weitergeflitzt ist, um noch ein paar Stabilisationsübungen anzuhängen.

Nach dem Training ist vor dem Training und mit irgendetwas muss man ja auf Facebook angeben. Die einen posten Food-Selfies, die anderen ihre Sportperformance. Ein Glück, dass der Europäische Gerichtshof bei der Vorratsdatenspeicherung durchgegriffen hat. Der Speicher wäre längst voll mit Durchschnittsgeschwindigkeiten und verbrannten Kalorien sämtlicher Hobbysportler.

"Wenn ich Schmerzen spüre, versuche ich, mich glücklich zu fühlen", sagte der Marathon-Weltrekordler Wilson Kipsang nach seinem Sieg beim London-Marathon. Klar, wer gewinnen will, muss die Zähne zusammenbeißen können. Streckenrekord läuft man nicht einfach nebenbei. Dazu gehört langjähriges, hartes Training. Wilson Kipsang ist Profi. Die meisten, die mir beim Laufen begegnen, sind von der Weltelite jedoch weit entfernt.

"Qualität kommt von Qual"

Trotzdem erwecken manche den Eindruck, als trainierten sie für Olympische Spiele. Auf der schweißnassen Stirn könnte Achims Lieblingsweisheit "Qualität kommt von Qual" geschrieben stehen, passend zum Gesichtsausdruck. Die Achillessehne ist gereizt? Egal. Was vom Laufen kommt, geht beim Laufen auch wieder weg, denkt sich der übermotivierte Freizeitsportler.

Vor ein paar Jahren gab in einer Umfrage beim Bonner Marathon jeder zweite Teilnehmer an, vor dem Start Schmerzmittel eingenommen zu haben, um Muskel- und Gelenkschmerzen vorzubeugen. Warum einen Tag Pause machen, wenn man zwei Tabletten Ibuprofen einwerfen kann? Der Trainingsplan muss schließlich eingehalten werden: dienstags Intervalle, donnerstags Tempotraining, am Sonntag ein zweistündiger Lauf.

Was der Trainingsplan sagt, ist Gesetz. Den Kindern liest der eifrige Hobbysportler schnell zwischen Dehnen, Stabilisationstraining und Regeneration eine Gute-Nacht-Geschichte vor. Man muss Prioritäten setzen. Auch wenn es beim Wettkampf am Ende nur für Platz 876 reicht, als Medaille gibt es immerhin eine Spreewaldgurke.

"Sportstreber" - zumindest für die Nichtläuferfreunde

Wozu dieser Ehrgeiz? Stress haben wir doch schon genug: in der Schule, in der Uni, bei der Arbeit, mit Familie, mit Freunden, Kollegen. Sport soll Ausgleich und kein zusätzlicher Stressfaktor sein. Okay, ich bin selbst super genervt, wenn meine GPS-Uhr mal wieder ewig braucht, um einen Satelliten zu finden. "Sportstreber" nennen mich meine Nicht-Läufer-Freunde, wenn ich Freitagabend ein Bier weniger trinke als sonst, weil ich am nächsten Tag laufen will.

Welche Zeiten ich laufe, ist mir nicht komplett egal, aber zweitrangig. Wichtiger ist, dass ich mich überhaupt bewege und ich trotzdem auf dem neuesten Stand bin, wer auf der WG-Party mit wem rumgeknutscht hat und wo es diese coolen, gemusterten Laufleggins im Sonderangebot gibt. Wenn ich nach acht Kilometern Durst bekomme, mache ich Halt beim Kiosk, kaufe mir eine Apfelschorle und setze mich in die Sonne. Wenn es draußen regnet und windig ist, und ich absolut keine Lust habe, bleibe ich zu Hause. Mag sein, dass ich auf diese Weise nicht schneller werde, aber zumindest behalte ich meine gute Laune.

In zwei Wochen laufe ich einen Wettkampf. Ich darf mit Onkel Achim beim Hamburg-Marathon in einer Staffel mitlaufen. Mein Onkel ist von meiner Teilnahme nicht so sehr begeistert. "Bis Mitternacht wird Anna dann auch angekommen sein", warnte er die anderen beiden Staffelteilnehmer. Achim sieht seine Wunschzielzeit in Gefahr. Ich brauche so lange, wie ich brauche, und halte mich da eher an die amerikanische Langstreckenläuferin Jen Rhines, die einmal sagte: "Beim Laufen geht es nicht nur um die Zeit, sondern vor allem um die Erfahrungen, die wir dabei machen." Hamburg-Marathon, ich freue mich auf dich!

insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Olaf 22.04.2014
1.
Zitat von sysopDPAEin übereifriger Onkel und zahlengetriebene Freizeitsportler: Anna Achilles hält nicht viel von übertriebenem Ehrgeiz. Sie macht sich beim Laufen keinen Stress. Schließlich geht es um viel mehr als nur um die Zeit. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/trainingsplaene-anna-achilles-haelt-nichts-von-uebertriebenem-ehrgeiz-a-965466.html
Sport treibende Frauen eben.
s.4mcro 22.04.2014
2. Narzissmus, überall im Netz...
Auf allen "Social Medias" wird Narzissmus gefördert und natürlich wird dieser immer schlimmer. Ich gebe diesem die Schuld an dem immer größer werdenden Ehrgeiz...
a_priori 22.04.2014
3. Wer in seiner Freizeit...
...Marathonläufe und ähnlich verschleissende Extremsportarten, vielleicht noch unter Wettbewerbsbedingungen, betreibt, hat den Knall eh nicht gehört und gehört zum Psychotherapeuten.
BettyB. 22.04.2014
4. Waaahnsinn
Welche Erkenntnis. Übertriebenes stoppen! Genial. Denn das ist ja nicht nur im Sport von Bedeutung. Nun, eigentlich besagt es schon das Wort, aber als Läufer achtet AA wohl eher auf seine Füße...
oschirg 22.04.2014
5. Auch eine Art von Selfie ...
Auch eine Art von Selfie: Frau Achilles teilt uns mit, dass sie sich beim Hamburg-Marathon nicht anstrengen wird und alle für blöd hält, die es tun.
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