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Twerken: Ganz locker

Ganzkörper-Workout Twerken ist viel mehr als Pogewackel

Im Hip-Hop ist Twerking vor allem eine rhythmisch zuckende Provokation. Dabei stärkt der westafrikanische Tanzstil Fitness, Selbstwert und den positiven Umgang mit dem eigenen Körper.

Die Szene hat auf den ersten Blick etwas Pornografisches. Becca schmeißt sich nur mit Hotpants und einem bauchfreien Top bekleidet auf den Boden und streckt ihren Po in die Höhe. Rhythmisch zuckt und wackelt ihr Körper zu wummernden Hip-Hop-Beats. Die Masse feiert, Handykameras schnellen in die Luft. "Saftig!", schallt es aus der Jury. Was geschieht hier?

Becca twerkt. Der ursprünglich aus Westafrika stammende Tanz wurde Mitte der Neunzigerjahre immer mehr vom Hip Hop übernommen. Das Hauptziel ist, mit ruckartigen Hüftbewegungen den Po vor und zurück schnellen zu lassen. So setzt sich auch der Begriff Twerken zusammen aus den englischen Wörter twist (biegen) und jerk (ruckweise bewegen).

Seitdem Popgrößen wie Beyoncé, Nicki Minaj oder Miley Cyrus den Tanz für sich entdeckten, wurde er in den USA zum Gesellschaftsphänomen, Zigtausende tanzten ihn nach und teilten Videos davon bei den sozialen Medien.

Twerken

Twerken

Foto: Christian Schneider

Zurück zu den dicht an die Bühne gedrängten, applaudierenden Zuschauern und Beccas Hüftschwüngen: Die 25-Jährige tritt bei Deutschlands erstem Twerk-Battle im Berliner Festsaal Kreuzberg an. Gut 1000 Menschen füllen den Raum, Altersdurchschnitt Mitte 20, etwa gleich viele Männer wie Frauen. Hip-Hop zählt bei ihnen längst zu den beliebtesten Musik- und Tanzstilen.

Nachfrage für Kurse steigt

Becca, die eigentlich Rebecca Most  heißt, arbeitet als kaufmännische Angestellte in Berlin. Sie hat einen kräftigen Händedruck und muskulöse Oberschenkel - vier bis sechs Mal die Woche geht sie ins Fitnessstudio, erzählt sie. "Twerken ist Sport", sagt sie bestimmt, "das ist super anstrengend." Den Tanz hat sich die 25-Jährige vor anderthalb Jahren selbst beigebracht, mithilfe von YouTube-Tutorials.

Twerken bestehe aus kontrollierten Po- und Hüftbewegungen, die man dann zu verschiedenen Formen kombiniert, erklärt Becca. "Du gehst runter in die Hocke, etwa im 90-Grad-Winkel. Die Fußzehen zeigen mit dem Knie nach außen und die Fußballen zueinander. Du streckst den Po etwas nach hinten und drehst die Hüfte nach hinten oben. Mit dieser Bewegung schließen sich automatisch die Beine ein bisschen. Dann lässt du ruckartig die Hüfte nach vorne fallen. Dabei lässt du den Po locker, damit er wackelt."

Becca in der Ausgangsposition zum Twerken

Becca in der Ausgangsposition zum Twerken

Foto: David Bedürftig

Weil es in Deutschland bisher kaum offizielle Twerk-Kurse gibt, sind es meist Privatleute, die in Tanzschulen einen Raum mieten und unterrichten. So auch Becca. Sieben bis acht junge Frauen traininert sie meist, die Nachfrage steigt. Und das aus gutem Grund. Twerken ist ein Ganzkörper-Workout, das Tanz-Konditionstraining mit Fettverbrennung verbindet.

Die Muskeln komplett beherrschen

"Die Kombination aus großer Kraftanstrengung und gleichzeitigem Lockerlassen ist nicht einfach und dafür muss man hart trainieren", sagt auch Elisabeth Exner-Grave, Orthopädin und Leiterin des Kompetenzzentrums für Tanzmedizin medicos auf Schalke. "Wer eine schwache Core-Stabilität hat, der kann nicht twerken." Core bezeichnet die Körpermitte, den Rumpf. Fehlt es dort an Rücken- und Bauchmuskulatur, kippt das Becken leichter nach vorne. Das führt zu Rückenschmerzen und erschwert auch andere Sportarten vom Fußball bis zum Joggen.

Während Becca dazu rät, Bodenübungen mit Knieschonern  durchzuführen, sieht Exner-Grave aus medizinischer Sicht keine Gesundheitsrisiken beim Twerken. Da die Vibrationsbewegungen nur klein sind, schonen sie den Rücken. Lediglich bei einer instabilen Lendenwirbelsäule rät die Orthopädin von dem Tanztraining ab. Sonst überwiegen der Ärztin zufolge ganz klar die positiven Aspekte - gerade, weil die Hüftbewegungen auch die oft eher geschwächte Beckenbodenmuskulatur trainieren.

"Du musst deine Muskeln komplett beherrschen können", sagt auch Nicki . Die 27-Jährige arbeitet frei als Personaltrainerin und tanzt in amerikanischen und deutschen Musikvideos. Das Wichtigste für sie: Twerking geht überall und macht gute Laune. In Deutschland werde sie jedoch für den Tanzstil meistens schief von der Seite angeguckt, erzählt Nicki.

Daneben tanzt sie viel in den USA, wo Twerken verbreiteter und anerkannter ist. Dort twerken auch Männer. "Die US-Gesellschaft ist viel offener für so was und Twerk-Battles sind dort mit mehreren Tausend Menschen größer und spaßiger. Untereinander feiert man die Körper der anderen, hier ist das viel verkrampfter", sagt sie.

Nicki

Nicki

Foto: David Bedürftig

Ist Twerken sexistisch?

Auch die Veranstalter des Kreuzberger Battles bekamen Sexismus-Beschwerden. Macht der Tanz Frauen zum Sexobjekt? Nicki erkennt an, dass Twerken auch sexuell ist und die Frauen mit ihren Körpern spielen. "Aber es ist ein Tanz, mehr nicht." Objektivierung? Nicht für Nicki. Sie empfindet sich dabei in der dominanten Position - anders als auf der Straße, wo Frauen oft schon als Sexobjekt betrachtet werden, wenn sie nur einen tiefen Ausschnitt haben.

Für Becca war Twerken eine Art Offenbarung. Früher fühlte sie sich unwohl in ihrer Haut, trug ungern figurbetonte Kleidung und fühlte sich, als müsse sie ihren Po verstecken. "Durch den Tanz habe ich gelernt, stolz auf meinen Körper zu sein ", sagt sie. "Stück für Stück merkte ich, wie ich mich wohler fühlte, wie ich etwas immer besser konnte und wie ich meine Rundungen immer lieber betonte."

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