Mythos oder Medizin Unterstützt Granatapfel die Heilung von Leukämie?

Ich habe mal gehört, dass Granatapfel gegen Blutkrebs wirken soll, weil seine Inhaltsstoffe Leukämiezellen in den Tod stürzen. Ist das ernst zu nehmen? Fragt Annabel Bayatloo aus Darmstadt
Granatapfel: Die Frucht soll besondere Heilkräfte besitzen

Granatapfel: Die Frucht soll besondere Heilkräfte besitzen

Foto: Rafiq Maqbool/ AP

Glaubt man einer kurzen Internetrecherche, sind Granatäpfel echte Alleskönner: Obstkenner lieben sie aufgrund ihres süß-säuerlichen Geschmacks, dem Tequila Sunrise verleiht Grenadine, wie die Frucht auch genannt wird, seine rote Farbe, und viele naturnahe Völker schätzen den Baum seit Jahrhunderten als Heilpflanze. Auch Wissenschaftler haben Gefallen am Granatapfel gefunden und untersuchen dessen Wirkung auf den Körper - unter anderem bei Blutkrebspatienten.

Mediziner unterscheiden zwischen vielen verschiedenen Formen der Leukämie. Gemeinsam haben alle, dass sich veränderte weiße Blutkörperchen oder deren Vorstufen im Knochenmark ausbreiten. Andere Blutbestandteile wie rote oder gesunde weiße Blutkörperchen, die Teil des Immunsystems sind, werden dann nicht mehr in ausreichenden Mengen gebildet. Vom Knochenmark aus können Leukämiezellen in Organe wandern oder die Lymphknoten befallen. Etwa 11.000 Menschen erkranken jährlich in Deutschland an Blutkrebs , davon sind fünf Prozent Kinder. Nur die Hälfte aller Betroffenen überlebt die ersten fünf Jahre nach der Diagnose.

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Natürlich wäre schön, wenn sich das mit Hilfe einfacher Hausmittel ändern ließe. Es gibt auch erste Hinweise für eine unterstützende Wirkung von Granatäpfeln bei der Behandlung des Krebs: In einem Experiment mit Leukämiezellen im Reagenzglas  konnten Satoru Kawaii von der Tokyo Denki University und ein Kollege zeigen, dass fermentierter Granatapfelsaft die Vermehrung von Leukämiezellen hemmen kann. In dem Versuch bildeten sich die Krebszellen entweder zu gesunden Zellen zurück oder begingen programmierten Selbstmord. Begeisterungsstürme löst das bei Krebsforschern aber noch nicht aus.

"Studien an Zellen im Labor werden häufig missverstanden", sagt Matthias Rostock vom Uni-Klinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), der von der Deutschen Krebshilfe unterstützt wird und sich mit komplementären Krebstherapien beschäftigt. Im Körper werden Substanzen noch transportiert und chemisch umgewandelt, der Organismus baut sie ab, nimmt sie ganz oder in Teilen auf oder scheidet sie ungeachtet wieder aus. Die Ergebnisse aus dem Reagenzglas lassen sich deshalb nicht ohne weiteres übertragen. "Der Zellversuch hat zwar gezeigt, dass Granatapfelsaft eine Wirkung auf Leukämiezellen hat, das darf man aber nicht verwechseln mit einem Beweis für die Wirksamkeit im Menschen ", sagt Rostock.

Hoffnungsschimmer grüner Tee

Verantwortlich gemacht für die Wirkung des Granatapfels im Zellversuch werden Polyphenole, die Pflanzen beispielsweise vor Insekten schützen. Einige der Substanzen befinden sich auch in grünem Tee. Hier ist die Wissenschaft im Bezug auf die Wirkung gegen Leukämie schon ein Stück weiter: Der Teesud enthält, genau wie Granatäpfel, das Polyphenol Epigallocatechingallat (EGCG). Zu dessen Wirkung gibt es bereits Untersuchungen am Menschen.

In einer Studie vom Januar 2013  gaben Neil Kay von der Mayo Clinic in Rochester und Kollegen 42 Patienten mit chronischer lymphatischer Leukämie (CLL) zweimal täglich Grüntee-Extrakt. Sonst wurden die Patienten nicht behandelt. Das Ergebnis formulieren die Forscher im Fachblatt "Cancer" folgendermaßen: "Bei insgesamt 29 Patienten (69 Prozent) zeigte die Gabe einen anhaltenden Rückgang der Leukämiezellen oder/und eine Reduktion der Zellen in den Lymphknoten an einem Punkt der sechsmonatigen Behandlung."

"Man kann solche Untersuchungen als Hinweis werten, dass grüner Tee den Krankheitsverlauf bei der CLL, einer relativ langsam fortschreitenden Form von Blutkrebs, im frühen Stadium positiv beeinflussen könnte", sagt Rostock. "Als Beweis für eine klinische Wirksamkeit reicht das aber nicht aus." Große Studien mit mehr Teilnehmern fehlen, und über den Wirkmechanismus der Polyphenole ist wenig bekannt. Wahrscheinlich ist es das Zusammenspiel mehrerer Stoffe, das zu einem Effekt führt .

Nahrungsmittel können Therapie entgegenwirken

Für die Praxis haben die Studien deshalb bisher noch kaum Bedeutung. Stattdessen weisen Fachleute auf Risiken unkonventioneller Therapien hin: "Ich würde davon abraten, Granatapfel auf gut Glück zu probieren, denn das kann die Wirkung von Therapeutika beeinflussen", schreibt Clarissa Gerhäuser vom Deutschen Krebsforschungszentraum (DKFZ) auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE. Wer bei realistischen Behandlungschancen zugunsten alternativer Methoden auf Standardtherapien verzichtet oder sie hinauszögert, verspielt Lebensjahre .

Betroffene können dem krebskranken Körper mit gesundem Essen dennoch etwas Gutes tun: "Über Bewegung und Ernährung lässt sich der Organismus in seiner Auseinandersetzung mit einer malignen Erkrankung unterstützen", sagt Rostock. "Dabei können polyphenolreiche Nahrungsmittel wie der Granatapfel durchaus eine Rolle spielen." Sinnvoll sei es aber, das Ernährungskonzept mit dem Arzt abzusprechen, "insbesondere, wenn es um die Ernährung während einer antitumoralen Behandlung geht".

Fazit: Granatäpfel können als Teil einer ausgewogenen Ernährung das Wohlbefinden stärken. Dass die Inhaltsstoffe der Früchte Krebszellen im Menschen bekämpfen, ist bisher aber nicht richtig belegt.

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