SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

25. August 2015, 13:37 Uhr

Gerichtsurteil

Bier darf nicht als "bekömmlich" beworben werden

Nach Wein jetzt auch Bier: Das Getränk darf nicht mehr als "bekömmlich" angepriesen werden, entschied ein Gericht. Das Wort suggeriert nämlich einen gesundheitlichen Nutzen - und verschweigt die Gefahren von Alkohol.

"Reich an Vitaminen", "zuckerarm", "wenig Fett": Solche Angaben werden in der Lebensmittel-Werbung häufig verwendet. Ihre Nutzung ist in der Europäischen Union (EU) streng geregelt - Werbung für Essen und Trinken darf nur versprechen, was sie auch wirklich halten kann. Aber wie sieht es bei dem Adjektiv "bekömmlich" für Bier aus - geht es dabei um Gesundheit oder Genuss?

Das Landgericht Ravensburg hat nun entschieden und damit einen Präzedenzfall geschaffen: Die Brauerei Härle aus Leutkirch im Kreis Ravensburg darf ihre Biersorten nicht mehr mit dem Begriff "bekömmlich" anpreisen. Auf ihrer Internetseite hatte sie ihre Produkte zunächst so beworben, bis der Berliner Verband Sozialer Wettbewerbe (VSW) eine einstweilige Verfügung gegen die Brauerei erwirkt und die Werbung mit dem Begriff untersagt hatte.

Der VSW vertritt die Auffassung, dass der Begriff die Gefahren des Trinkens von Alkohol verschweigt und eine Verbesserung des Gesundheitszustands suggeriert. Für ihn ist der Begriff eine "gesundheitsbezogene Angabe" - und die sei im Zusammenhang mit alkoholischen Getränken nicht erlaubt.

Die Brauerei hingegen sah bislang keinen Grund, warum sie von dem Begriff "bekömmlich" Abstand nehmen sollte. "Für uns heißt das im Zusammenhang mit unseren Bieren, dass sie gut fürs Wohlbefinden sind", sagte der Brauerei-Chef Gottfried Härle im Vorfeld. Einen Vergleich hatte Härle abgelehnt.

Der Verband der Privaten Brauereien in Deutschland hatte das Urteil mit Spannung erwartet, denn Härle ist nicht der einzige Brauereibetrieb, der den Begriff für Bier verwendet.

Wein darf nicht bekömmlich sein

Hintergrund des Verbotsantrags des VSW ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) aus dem Jahr 2012. Auch der entschied damals: Winzer dürfen nicht mit Werbeslogans wie "bekömmlich", "sanfte Säure" und "Edition Mild" für ihren Wein werben. Das sei eine gesundheitsbezogene Angabe, die auf den geringen Säuregehalt und die leichtere Verdauung hinweise, aber die Gefahren beim Trinken von Alkohol verschweige.

Das EU-Recht verbietet für Getränke mit mehr als 1,2 Prozent Alkohol Angaben, die eine Verbesserung des Gesundheitszustands suggerieren. Zum Schutz der Verbraucher dürfen Hersteller weder auf dem Etikett noch in der Werbung solche Begriffe verwenden.

Die Firma Härle hatte argumentiert, das EuGH-Urteil nehme ganz klar Bezug auf die Zusatzaussage, dass der Wein deshalb bekömmlich sein solle, weil er einen niedrigen Säuregehalt habe. "Bei Wein kann der Säuregehalt zu Beschwerden führen. Daher ist das dort auch eine gesundheitsbezogene Aussage." Das sei beim Bier nicht der Fall, daher sei das auch nicht vergleichbar.

Ganz stimmt das allerdings nicht. Bier regt ähnlich wie Wein und andere alkoholische Getränke die Produktion von Magensäure an. Das ist erst mal kein Problem: Der Magen braucht Säure für die Verdauung und regelt den Säuregehalt dort selbstständig auf das richtige Maß, je nachdem wie viel Nahrung sich gerade im Magen befindet. Gerät das Gleichgewicht jedoch durch Alkoholkonsum ins Wanken, kann eine Entzündung der Schleimhaut die Folge sein.

jme/dpa

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung