Vegan for fit: Wie Attila Hildmann seine Ernährung umstellte
Achilles' Ferse "Vegan ist das neue Viagra"
SPIEGEL ONLINE: Herr Hildmann, Tofu und Gemüse machen vielleicht satt, aber der Geschmack bleibt oft auf der Strecke, oder?
Hildmann: Diese Sorge hatte ich früher als Fleischesser auch. Aber das ist vegane Klischeeküche - die Zeiten sind vorbei. Die Schwierigkeit besteht darin, dass viele nicht wissen, wie man diese Zutaten schmackhaft zubereitet. Heutzutage muss man geschmacklich auf nichts verzichten: Spaghetti Bolognese , Döner, Burger - du kannst alles in der cholesterinarmen Version zubereiten.
SPIEGEL ONLINE: Aber ist vegan kochen nicht teuer und aufwendig?
Hildmann: Das kann ich nicht bestätigen, aber das liegt natürlich auch daran, dass ich Kochbuchautor bin und die ganzen Tipps und Tricks kenne - auch wie man an günstige Biolebensmittel kommt. Ich habe eine Mitgliedskarte bei einem Biohändler in Berlin, bei dem ich einen monatlichen Grundpreis zahle und dadurch wesentlich günstiger an gute Lebensmittel komme.
SPIEGEL ONLINE: Was ist das Wichtigste bei der Zubereitung von veganen Gerichten?
Hildmann: Die Königsdisziplin ist: mit frischen Zutaten arbeiten, mit Obst, Gemüse, Früchten, Kräutern, Nüssen, ab und zu mal Tofu. Wenn du das machst, ist vegane Küche sogar günstiger, selbst in Bioqualität. Generell gilt: Man sollte beim Essen auf qualitativ hochwertige Produkte achten, auch und gerade beim Fleisch.
SPIEGEL ONLINE: Ist das Essen in Deutschland zu billig?
Hildmann: Definitiv. Wir leben in einem Land, in dem wir eher bereit sind, teures Motoröl als teures Olivenöl zu kaufen. Beim Essen unbedingt sparen zu wollen, ist der falsche Ansatz. Jedem muss doch klar sein, dass Dumpingpreise den wirklichen Wert der Lebensmittel nicht widerspiegeln können. Hochwertige Bioprodukte sind zwar oft teurer, aber eben auch ihren Preis wert. Du bezahlst ja nicht nur den Liter Hafermilch, sondern auch die Bauern und die Arbeitsbedingungen. Man sollte Respekt vor den Produzenten haben.
SPIEGEL ONLINE: Ist vegane Ernährung nicht unheimlich kompliziert und anstrengend, voll von Verboten?
Hildmann: Ja, das ist ein Problem - zumindest in der Wahrnehmung. Wir wissen alle Bescheid, wie es in Massentieranlagen zugeht, und dass übermäßiges Fleischessen nicht gesund ist, aber wir haben keinen Nerv dazu, unsere Gewohnheiten umzustellen . Ich glaube, dass 99 Prozent zu einem veganen Gericht greifen würden, wenn sie das Gefühl hätten, es sei einfach. Deswegen habe ich angefangen, vegane Kochbücher zu schreiben. Um zu zeigen: Schau mal, das ist lecker und gesund.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es überhaupt einen Grund, Fleisch zu essen?
Hildmann: (überlegt lange) Aus meiner heutigen Sicht sehe ich keinen Grund. Ich lebe seit zwölf Jahren ohne tierische Produkte und habe viel mehr Energie. Meine Haut ist besser geworden, mein Haar voller. Ich treibe mehr Sport und fühle mich viel wohler.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben im vergangenen Jahr einen halben Ironman-Triathlon absolviert, Sie trainieren viel im Fitnessstudio. Woher kommt die Energie für solch kraftraubenden Sport?
Hildmann: Es geht darum, hochwertige Alternativen zu finden, die auch genügend Aminosäuren liefern, wie Amaranth, Quinoa, Vollkornreis. Was auch gut ist und voll mit Vitaminen und komplexen Kohlenhydraten: das bekannte Studentenfutter, ein Mix aus Cashewnüssen, Mandeln und Rosinen. Beim Triathlon habe ich unterwegs Datteln gefüllt mit Erdnüssen gefuttert. Ich brauchte keine Shakes oder Gels.
SPIEGEL ONLINE: Wann und warum haben Sie angefangen, Ihre Ernährung umzustellen?
Hildmann: 2000 ist mein Vater vor meinen Augen im Skiurlaub umgekippt und am Herzinfarkt gestorben - zu viel Cholesterin. Das hat mich als junger Mensch geprägt. Da habe ich mir die Frage gestellt: Was machst du in Zukunft? Ist das dasselbe Schicksal, das dich erwartet?
SPIEGEL ONLINE: Sie repräsentieren einen neuen Veganer-Typus. Weniger verbissen und dogmatisch. Wie kommt das an?
Hildmann: Ich möchte niemanden verurteilen, auch wenn ich gerne provokant bin. Das Schlimmste sind Vegetarier oder Veganer, die sich ständig auf ein höheres Podest stellen und mit dem Finger auf andere zeigen. Ich bekomme kaum negatives Feedback von Menschen, die Fleisch essen. Es sind eher die Veganer, die an mir rummäkeln, dass ich nicht perfekt genug sei. Ich finde: Jedes Essen zählt. Du musst nicht zu 100 Prozent vegan essen und leben. Es geht nicht darum, eine neue Religion zu finden. Wir sollten einfach stärker darüber nachdenken, wie unsere Ernährung die Umwelt und uns beeinflusst, und welche Alternativen es gibt.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben kürzlich ein Experiment mit 100 Testpersonen gestartet - "Vegan for Fit, die 30-Tage-Challenge ". Worum ging es da?
Hildmann: Es ging darum, in 30 Tagen durch Umstellung der Ernährung in Verbindung mit Sport ein neues Lebensgefühl zu bekommen. 100 Probanden haben in 30 Tagen eine halbe Tonne Fett verloren. Alle haben es bis zum Ende durchgezogen. Viele haben gesagt, dass sie sich besser fühlen, sie haben ihre Probleme wie Neurodermitis, Reizdarm, Migräne hinter sich gelassen. Und das meine ich mit "Vegan for Fun". Das macht Spaß.
SPIEGEL ONLINE: Warum tun sich gerade Männer so schwer mit dem Veganleben?
Hildmann: Vielleicht liegt es in den Genen. Die Männer haben früher gejagt, während Kinder und Frauen Beeren gesammelt haben (lacht). Heute, in der modernen Welt, wo wir unsere Hintern im Büro plattsitzen und uns an Regeln halten müssen, lassen wir beim Saufen und Grillen die Sau raus. Ich mache das auch - aber dann mit veganen Grillspießen. Fleischessen hat für viele Männer den Charme einer Schwanzverlängerung, aber vegan ist das neue Viagra. Du glaubst nicht, wie es deine Sexualität positiv beeinflussen kann. Die Arterien sind freigeputzt, du fühlst dich vitaler . Abgesehen davon ist es viel männlicher zu sagen: Ich verschone heute mal ein Tier und nehme ein veganes Gericht zu mir.