Missionarische Veganer Der Irrglaube

Noch dürfen Menschen fast alles essen, was sie möchten. Doch viele Veganer scheint genau das zu plagen, klagt unser Autor Arno Frank. Warum sonst sollten sie Andersdenkende mit missionarischem Eifer verfolgen?
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Jain müsste man sein. Die "Luftgekleideten" tragen Mundschutz, damit sie nicht versehentlich eine Mücke verschlucken. Mönche kehren mit einem weichen Besen den Weg vor sich, damit sie keine Ameise zertreten. Für die Angehörigen dieses hinduistischen Glaubens ist alles, was lebt, beseelt. Und was beseelt ist, das tötet man nicht. Das beutet man auch nicht aus. Weshalb ein echter Jain auch die Finger von Eiern und Honig lässt.

Ein indischer Jain könnte vermutlich mehrere Monate in einer komplett veganen Gesellschaft der näheren Zukunft leben, in Prenzlauer Berg oder Williamsburg, bevor er als Angehöriger einer Religion auffallen würde, die so alt ist wie die "Ilias" des Homer - und das vermutlich auch nur, weil das offizielle Symbol des Jainismus ein Swastika ist. Schließlich ist auch der Veganismus, zumindest in seiner ethischen Ausprägung, eine säkulare Religion unserer Zeit. Ein Veganizismus, sozusagen.

Eine Religion, kein Glaube. Der Glaube ist nur eine Gewissheit, die eher dem Gefühl als dem Belegbaren folgt. Lebten wir alle in einer komplett veganen Gesellschaft, dann lebten wir in einer besseren Welt. Es wäre besser für unsere Gesundheit, für andere Menschen, für die Tiere, für das Klima. Das ist kein diffuses Gefühl. Sondern Tatsache auf einem abgegrasten Planeten. Wer hierauf reagieren wollte, wäre mit vegetarischer Ernährung eigentlich auf der sicheren Seite. Nicht so der Veganer. Dem geht es ums Prinzip. Er ist "holier than thou" und will auf der Seite des Guten stehen.

An der Grenze zum Heiligtum

Der Veganismus ist, wie jede Religion, der Glaube einer Gemeinschaft an etwas Höheres, das ans Heilige mindestens grenzt. "Leben und leben lassen", wie der Jain sagt - der übrigens keinen Gott kennt und sich allein auf sein persönliches spirituelles Fortkommen konzentriert. Nun ist Religion ohne Lehre nicht zu haben. Im Veganismus ist das ein überschauberer und ganz konkreter Katalog von Geboten und Verboten.

Diese kanonische Sammlung von Regeln betrifft zwar primär die Ernährung, strahlt allerdings von dieser dann doch elementaren Angelegenheit ab in alle anderen Lebensbereiche. Weshalb Veganismus nicht einfach eine "Gewohnheit" oder gar "Macke" ist, sondern ein Lifestyle. Wer Tier vermeidet, sieht Tier überall. Wer nach Mandelmilch für den Kaffee sucht, muss oft durch die Servicewüste gehen. Am Ende wartet ein höheres Bewusstsein. Darin sind sich die fundamentalistischen und die gemäßigten Anhänger dieser sehr jungen Religion einig.

Nach Slavoj ZizŽŽžžek hat jede Ideologie zwei Seiten. Hier die Gesamtheit der Werte, die uns die Gesellschaft als alternativlos und wunderbar verkauft. Dort deren dunkle Seite, beispielsweise die Ausbeutung von Tieren, Ackerflächen, Menschen. Der Veganer erkennt das kapitalistische Trugbild, verzichtet in einem utopischen Akt auf Nutella, Streichkäse, Frühstücksei - und gelangt so zur "Jouissance", dem wahren Genießen.

Ewiges Leben, besserer Sex?

Nichts anderes meint beispielsweise Bernd Ulrich, wenn er im aktuellen "Zeit Magazin"  schwärmt: "Mittlerweile ist das Frühstück für mich ein Fest: geschrotetes Getreide, nachts eingeweicht, köstlicher Joghurt aus Kokosmilch, frische Früchte, gehackte Nüsse, vielleicht zwei getrocknete Datteln, ein Schluck Leinöl", und da möchte man sich doch sofort mit an den Tisch setzen und tüchtig reinlangen, pardon, genießen - jedenfalls nicht fragen, was das kostet. Wobei auch dieser Aspekt sich erledigt haben wird, wenn die wachsende Nachfrage erst die Angebote für Kokosmilch in den Keller getrieben hat.

Wer sich vegan ernährt, lebt vielleicht nicht das richtige Leben im falschen. Er versucht es aber wenigstens. Und hat offensichtlich Spaß dabei. Und tolle Cholesterinwerte. Er wird ewig leben. Und dabei besseren Sex haben!

Und als wäre das nicht schon schlimm genug, fordert er Rücksicht und Entgegenkommen. Wer's am Grillabend gerne halal, koscher oder vegan hätte, der nervt. Und nervt umso mehr, als er sich dabei auch noch weigert, einen freudlosen und abgehärmten Eindruck zu machen. Als Fleischesser bekommt man allmählich eine Ahnung davon, warum Anhänger der antiken Götter diese Urchristen so gerne ans Kreuz genagelt haben. Dieses aufreizende Grinsen, diese Seligkeit!

Zumal, und hier kippt's, auch Veganer gerne in den Urlaub fliegen, SUV fahren, aus Versehen doch mal Schuhe aus Leder tragen - kurzum: ihre eigenen Gebote nicht immer mit der mönchischen Strenge befolgen, die wir ihnen insgeheim neiden. Mein Bruder betreibt den Veganismus als eine spirituelle Variante der Selbstoptimierung, wird von Jahr zu Jahr jünger und trug bei seinem letzten Besuch ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Post Milk Generation". Dennoch erlaubt er sich "hin und wieder" ein Snickers oder ein Kinder Bueno.

An einem Satz wie "Ich bin Veganer!" erkennt man den Extremisten, der seine schrulligen Ernährungsgewohnheiten zur Identität hochgejazzt hat und dafür Applaus erwartet, Applaus oder das Kreuz. Den Gemäßigten erkennt man an Sätzen wie "Ich ernähre mich möglichst vegan!", weil er sein Hadern mit den Umständen und die Möglichkeiten seines Scheiterns bereits reflektiert hat.

Wer mit sich und seiner Religion wirklich im Reinen ist, der missioniert nicht. Leben und leben lassen, mit Betonung auf lassen. Jain müsste man sein. Je älter die Religion, desto entspannter ist sie auch.

Video: Besser essen ohne Zwang - Die neuen Veganer

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