Tierernährung "Katzen vegan zu ernähren, lehne ich ab"

Kann man Hunde und Katzen fleischlos ernähren? Und worauf sollte man dabei achten? Die Fachtierärztin Ellen Kienzle, erklärt, welche Gefahren ein Leben ohne Fleisch für Haustiere birgt - und wie man diese vermeidet.
Katze: Die Haustiere haben eine viel stärkere Nahrungsprägung als Hunde - deshalb sollten Katzen nicht fleischlos ernährt werden

Katze: Die Haustiere haben eine viel stärkere Nahrungsprägung als Hunde - deshalb sollten Katzen nicht fleischlos ernährt werden

Foto: C3796 Uwe Anspach/ dpa
ZUR PERSON

Ellen Kienzle ist Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik am Lehrstuhl für Tierernährung der Ludwig-Maximilians-Universität München.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kienzle, kann man seinen Hund fleischlos ernähren?

Kienzle: Eine ovo-lacto-vegetarische Ernährung beim Hund ist an für sich möglich. Aber ich empfehle jedem Hundehalter dringend, das nur unter fachtierärztlicher Aufsicht zu machen. Es gibt immer wieder Probleme, wenn die Leute die Hundenahrung selbst zusammenstellen. Da ist es eigentlich egal, ob sie rohes Fleisch füttern oder vegetarische Kost - die Leute unterschätzen häufig den hohen Kalziumbedarf. Hunde verwerten Kalzium in der Nahrung viel schlechter als wir.

SPIEGEL ONLINE: Wie äußert sich der Kalziummangel beim Hund?

TIER-ERNÄHRUNGSBERATUNG

Der Lehrstuhl für Tierernährung und Diätetik der Ludwig-Maximilians-Universität München bietet Hunde- und Katzenhaltern eine Ernährungsberatung .Tierbesitzer können einen Fragebogen ausfüllen und erhalten ein Gutachten und Rezept für einen individuellen Ernährungsplan ihres Tieres.Die Kosten für eine Ernährungsberatung betragen zwischen 60 und 120 Euro zuzüglich Mehrwertsteuern.

Kienzle: Er bekommt Skeletterkrankungen zum Beispiel brüchige Knochen, das kann sich innerhalb von zwei Jahren manifestieren. Beim Welpen kann das in wenigen Wochen passieren. Leider kann man einen Kalziummangel im Blutbild nicht rechtzeitig erkennen. Man bemerkt den Mangel also erst, wenn es zu spät ist. Einen besonders hohen Kalziumbedarf haben trächtige Hündinnen und vor allem Welpen, die schnell an Masse zulegen. In solchen Fällen rate ich dringend zu einer fachtierärztlichen Ernährungsberatung.

SPIEGEL ONLINE: Reicht es dann nicht, einfach mehr Eier und Milchprodukte zu füttern?

Kienzle: Nein, das reicht nicht. Sie müssen extra Kalziumpräparate zufüttern. Kalktabletten aus der Humanmedizin eignen sich dafür übrigens nicht, die sind viel zu niedrig dosiert.

SPIEGEL ONLINE: Können Hundehalter nicht einfach auf vegetarische Fertigfuttermischungen zurückgreifen, um sicherzustellen, dass es dem Hund an nichts mangelt?

Kienzle: Darauf würde ich mich nicht verlassen. Diejenigen vegetarischen Futtermischungen, die es auf dem Markt gibt, kommen in der Regel von Anbietern, denen es an Sachverstand fehlt. Übrigens hat die Stiftung Warentest vor kurzem Katzenfutter getestet  und in einem veganen Futter für Hunde und Katzen Hühnerbestandteile gefunden.

SPIEGEL ONLINE: Hunde vegetarisch zu ernähren, ist also möglich. Wie sieht es mit veganer Ernährung aus?

Kienzle: Wenn es unbedingt sein muss, kann man das beim erwachsenen Hund machen - unter den genannten Vorbehalten. Aber bei trächtigen oder Milch gebenden Hündinnen und bei Welpen ist vegane Ernährung nicht in Ordnung.

SPIEGEL ONLINE: Akzeptiert der Hund die Umstellung auf fleischlose Kost denn überhaupt so einfach?

Kienzle: Es kann sein, dass der Hund das neue Futter erst einmal nicht annimmt. Aber in der Regel kann man ihn dazu bringen, indem man ihn hungern lässt. Empfehlen würde ich das nicht. Ob das für einen Veganer ethisch vertretbar ist, muss er selbst wissen.

SPIEGEL ONLINE: Ich habe gehört, dass man bei veganer Ernährung zwei Stoffe unbedingt zufüttern muss: L-Carnitin und Taurin. Stimmt das?

Kienzle: Das kann man so pauschal zwar nicht sagen - es kommt einerseits auf die Hunderasse, andererseits auf die individuelle Ernährung an. Aber bei veganer Ernährung kann es nicht schaden, beide Stoffe zuzufüttern, denn bei einer Unterversorgung drohen dem Tier Herzmuskelerkrankungen.

SPIEGEL ONLINE: Leute, die ihre Hunde vegan ernähren, behaupten immer wieder, dass ihre Tiere davon gesundheitlich profitieren. Können Sie das bestätigen?

Kienzle: So pauschal gesagt halte ich das für sehr fraglich. Das gleiche behaupten übrigens die Rohfleischfütterer auch von ihren Hunden. Wir kennen bei Hunden und Pferden sehr starke Placeboeffekte, einfach weil das Tier mehr Aufmerksamkeit von seinem Halter bekommt. Aber natürlich kann es im Einzelfall immer sein, dass ein Hund mit einer Allergie oder Hautkrankheit beispielsweise von einer Ernährungsumstellung profitiert.

SPIEGEL ONLINE: Kann man Katzen vegan ernähren?

Kienzle: Hunde sind seit etwa 20.000 Jahren domestiziert und haben sich von ihrer Ernährung und ihrem Stoffwechsel an den Menschen angepasst. Hunde sind wesentlich flexibler in ihrer Ernährung als Katzen, die während der Domestizierung ja weiterhin Mäuse gefressen haben - deswegen wurden sie ja vom Menschen gehalten. Der Stoffwechsel der Katze ist außerdem noch nicht so gut erforscht wie der des Hundes. Katzen vegan zu ernähren, lehne ich daher ab, auch eine ovo-lactovegetarische Ernährung ist viel kritischer zu sehen als beim Hund. Es ist zudem schwieriger eine Katze umzustellen, weil sie eine starke Nahrungsprägung hat. Bei ihr funktioniert es nicht, sie hungern zu lassen. Sie würde sterben.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die vegane Ernährung von fleischfressenden Haustieren generell?

Kienzle: Ich finde es fragwürdig, dass Veganer überhaupt Fleischfresser als Haustiere halten. Das Tier dient ja zu ihrer Unterhaltung, das allein ist schon egoistisch. Dann sollte man wenigstens seine Bedürfnisse respektieren. Es muss ja nicht unbedingt ein fleischfressendes Haustier sein. Man kann ja auch ein Kaninchen oder ein kleines Hausschwein halten. Das sind sehr lustige und liebevolle Gefährten.

Das Interview führte Jens Lubbadeh.
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