Verstopfung Was hilft, wenn der Darm streikt?

Das Weihnachtsessen war köstlich, üppig - und hat den Darm stillgelegt. Eine vorübergehende Verstopfung lässt sich oft mit einfachen Mitteln beheben. Komplizierter wird es, wenn das Problem langfristig besteht.

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Unter Verstopfung leidet fast jeder mal. Das kann zum Beispiel passieren, wenn man sich im Urlaub von ungewohnten Speisen ernährt. Oder in der Weihnachtszeit jeden Tag ein üppiges Festmahl verzehrt hat.

Der Darm arbeitet dann langsamer, der Stuhl darin wird hart. Ein unangenehmes Druckgefühl breitet sich aus - und verschwindet, sobald ein Toilettengang wieder möglich ist.

Manche Menschen leiden jedoch nicht gelegentlich an Verstopfung, sondern chronisch. Sie fühlen sich krank und abgeschlagen, sind appetitlos, haben Kopfschmerzen und sind müde. Schätzungen zufolge sind in Deutschland 5 bis 15 Prozent der Bevölkerung betroffen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem weit verbreiteten Problem.

Was passiert im Darm?

Der Mensch hat nicht nur ein Gehirn im Kopf, sondern auch eines im Darm: Das enterische Nervensystem durchzieht den gesamten Magen-Darm-Trakt als dünne Schicht zwischen den Muskeln in der Darmwand. Seine etwa hundert Millionen Nervenzellen spielen gemeinsam mit der Muskulatur in der Darmwand eine ganz wesentliche Rolle für die Stuhlpassage. Ihr Zusammenspiel sorgt normalerweise dafür, dass die wellenartige Bewegung (Peristaltik) des Darms den Stuhl weiterschiebt. Gibt es hier Probleme, wirkt sich das negativ auf den Stuhltransport aus. Was alles im Detail eine Verstopfung verursacht und begünstigt, ist noch nicht vollständig geklärt.

Wann spricht man von einer Verstopfung?

Grundsätzlich handelt es sich um Verstopfung, wenn jemand weniger als dreimal pro Woche Stuhlgang hat, dabei stark pressen muss und der Stuhl hart und klumpig ist.

Eine Obstipation, wie die Verstopfung in der medizinischen Fachsprache heißt, kann in jedem Alter auftreten. Bereits Babys können sie haben. Mit zunehmendem Alter wird der Darm träger. Menschen über 60 Jahren leiden häufiger an Verstopfung als Jüngere, Frauen sind zudem häufiger betroffen als Männer.

Wichtig ist, zwischen chronischer und vorübergehender Verstopfung zu unterscheiden. Tritt das Problem nur vorübergehend auf, ist dies zwar unangenehm, aber meist undramatisch. Eine chronische Verstopfung kann dagegen die Lebensqualität deutlich senken.

Eine vorübergehende Verstopfung kann zum Beispiel entstehen, wenn:

  • jemand tagelang zu wenig trinkt und sich ballaststoffarm ernährt,
  • sich zu wenig bewegt,
  • eine fieberhafte Erkrankung hat,
  • sich aus Zeitnot den Toilettengang verkneift,
  • der Darm Anpassungsprobleme hat - zum Beispiel bei Schichtdienst, langem Ausschlafen am Wochenende, Jetlag, ungewohnter Nahrung,
  • man verreist - insbesondere an den ersten drei Reisetagen haben viele Menschen leichte Verstopfungen.

Wie lässt sich eine vorübergehende Verstopfung lösen?

Nichts geht mehr? Dann heißt es, den Darm zügig wieder in Schwung zu bringen. Als Sofortprogramm können folgende Maßnahmen helfen:

  • Nach dem Aufstehen auf nüchternen Magen ein Glas Wasser oder Fruchtsaft trinken.
  • Morgens zehn Minuten den Bauch massieren - im Uhrzeigersinn, ausgehend vom rechten Unterbauch kreisförmig bis zum linken Unterbauch. Achtung: Schwangere sollten vorab mit ihrem Frauenarzt besprechen, ob das bei ihnen ratsam ist.
  • Sauerkraut essen oder Sauerkraut- beziehungsweise Gemüsesaft trinken .
  • Joghurt mit Leinsamen oder Flohsamenschalen essen.
  • Ein Kaffee am Morgen regt den Reflex zur Stuhlentleerung an. Das hilft aber nur, wenn jemand nicht gewohnheitsmäßiger Kaffeetrinker ist.
  • Eine halbe Stunde zügig gehen.

Was kann vorbeugend gegen Verstopfung helfen?

  • Ausreichend trinken (1,5 bis 2 Liter).
  • Körperlich aktiv sein, zügigen Schrittes um die Häuser oder durch den Wald ziehen, mindestens 10.000 Schritte täglich zurücklegen. Mehr und schneller ist besser.
  • Ballaststoffreich ernähren. Grundsätzlich werden als tägliche Ballaststoffmenge 30 bis 35 Gramm empfohlen. Im Dickdarm saugen die stark quellfähigen Pflanzenfasern Wasser auf und quellen, sodass das Speisebreivolumen größer wird. Dadurch übt der Speisebrei einen Reiz auf die Darmwand aus, was die Darmaktivität anregt und die Verweilzeiten des Speisebreis im Dickdarm verkürzt. Zugleich erhöhen Ballaststoffe die Vielfalt des Mikrobioms im Dickdarm. Deshalb möglichst Vollkornprodukte, Kleie, Hülsenfrüchte, Nüsse, Trockenfrüchte wie Pflaumen und Aprikosen und Samen (Leinsamen oder und Flohsamenschalen), Gemüse und frisches Obst auf den Speisezettel setzen. Ganz wichtig: Wer viele Ballaststoffe isst, muss entsprechend Wasser trinken, damit sie quellen können. Die Ballaststoffmenge langsam steigern, damit sich der Körper anpassen kann.
  • Achtung: Die Ballaststoffmenge sollte langsam erhöht werden. Die Fasern können nämlich, gerade wenn man sie nicht gewöhnt ist, Blähungen oder Bauchkrämpfe auslösen. Wer stark unter diesen Beschwerden leidet, kann die Zufuhr von Ballaststoffen wieder senken.
  • Beim Essen alles gut kauen
  • Genug Zeit für den Toilettengang nehmen, den Stuhlgang nicht verkneifen.
  • Auf der Toilette wirkt die natürliche Hockhaltung mit gestrecktem Enddarm einer Verstopfung entgegen.

Wann gilt eine Verstopfung als chronisch?

Wer länger als drei Monate am Stück verstopft ist, hat eine chronische Obstipation. Dies kann auch der Fall sein, wenn jemand täglich Stuhlgang hat. Denn von chronischer Verstopfung spricht man, sobald zwei der folgenden Symptome auftreten:

  • Die Betroffenen haben oft das Gefühl, dass sich ihr Darm durch einen Toilettengang nicht ganz entleert.
  • Sie haben höchstens drei Stuhlgänge pro Woche .
  • Es ist sehr starkes Pressen nötig.
  • Der Stuhl ist hart, sieht mitunter aus wie Schafsköttel.
  • Die Betroffenen haben das Gefühl, der Darmausgang sei blockiert.
  • Es muss manuell nachgeholfen werden (Betroffene drücken von außen auf den Enddarm oder nehmen sogar einen Finger zu Hilfe, um den Enddarm zu leeren).

Es ist ratsam, zum Arzt zu gehen, wenn eine Verstopfung plötzlich eintritt und Symptome wie zum Beispiel Übelkeit, Erbrechen, Fieber, starke Bauchschmerzen auftreten. Dann könnte ein Darmverschluss vorliegen.

Was kann eine chronische Verstopfung verursachen?

Ob Stress, zu geringe Flüssigkeitszufuhr, Bewegungsmangel und ballaststoffarmes Essen hier eine Rolle spielen, ist bis heute nicht eindeutig belegt. Möglicherweise tragen sie zur Verstopfung bei - wenn jemand bereits eine Veranlagung dazu hat. Weiterhin gibt eine ganze Reihe von Faktoren, die ursächlich an einer dauerhaft gestörten Passage des Stuhls durch den Darm beteiligt sein können.

  • Kaliummangel, der durch die Einnahme großer Mengen Abführmittel entstehen kann.
  • Medikamente wie Antidepressiva, starke Schmerzmittel und das Hustenmittel Codein, Anticholinergika, Bluthochdruck-Medikamente.
  • Auch scheinbar harmlose Präparate können den Darm träger machen. Dazu zählen Eisentabletten, mit Eisen angereicherte Säfte sowie rezeptfreie Aluminium- oder kalziumsalzhaltige Magensäureblocker (Antazida), H2-Rezeptorantagonisten und Protonenpumpeninhibitoren (PPI) gegen Sodbrennen.
  • Störungen des Hormonhaushaltes der Schilddrüse.
  • Nervenstörungen in der Darmwand infolge von Diabetes, Parkinson oder Multipler Sklerose.
  • Auch der Darm selbst kann dem Stuhl im Wege stehen, etwa als Darmpolyp, als Darmausstülpungen (Divertikel und Divertikulitis) und als Darmkrebs.
  • Zustände und Erkrankungen, die die Stuhlentleerung schmerzhaft machen: Analfissuren und -abszesse, Hämorrhoiden, die chronisch-entzündliche Darmerkrankung Morbus Crohn. Betroffene verkneifen sich dann möglicherweise den Toilettengang.
  • Beim Reizdarmsyndrom wechseln sich Verstopfung und Durchfälle ab.
  • In seltenen Fällen sind systemische Erkrankungen wie die Amyloidose oder Sklerodermie ursächlich.
  • Neurologische Erkrankungen und Beckenbodenprobleme können die Entleerung durch den Darmausgang erschweren.
  • Insbesondere im letzten Schwangerschaftsdrittel leiden werdende Mütter häufiger unter Verstopfung, weil der umgestellte Hormonhaushalt den Darm träger macht und die wachsende Gebärmutter die Stuhlpassage erschwert.

Wie lässt sich eine chronische Verstopfung behandeln?

Das hängt vom Auslöser ab.

Erkrankungen wie eine Schilddrüsenunterfunktion lassen sich vergleichsweise einfach behandeln, ein Kaliummangel lässt sich ausgleichen und ein Abführmittelexzess stoppen. Stopfende Medikamente lassen sich oft durch nichtstopfende ersetzen.

Mehr Bewegung und weniger Stress sowie die Einnahme von Ballaststoffen und Hausmittel sind empfehlenswerte Maßnahmen. Sollten sie nach vier Wochen nicht den ersehnten Effekt gehabt haben, sind stärkere Maßnahmen nötig: Dann sind vorübergehend Abführmittel an der Reihe. Davon gibt es freiverkäufliche und rezeptpflichtige Medikamente recht unterschiedlicher Wirkungsweise. Auch für die rezeptfreien Varianten gilt: Ohne ärztlichen Rat nicht länger als eine Woche anwenden.

  • Macrogol bindet Wasser im Darm, wodurch der Stuhl gleitfähig bleibt.
  • Bisacodyl und Natriumpicosulfat haben als wassertreibende Abführmittel zur Folge, dass vermehrt Wasser in den Darm einfließt.
  • Gasbildende Abführmittel aktivieren den Stuhlgangreflex.
  • Prokinetika fördern Darmbewegungen.

Verstopfung bei Kindern

Wenn Kinder an Verstopfung leiden, liegt das mitunter auch an ballaststoffarmer Ernährung, zu vielen Süßigkeiten, zu wenig Flüssigkeitszufuhr und Bewegungsmangel. Weiterhin können folgende Faktoren eine Rolle spielen:

  • Veränderungen im gewohnten Tagesrhythmus ,
  • Antibiotika bremsen den Darm,
  • ein wunder Po oder kleine Schleimhauteinrisse, da sie das Stuhlgangmachen schmerzhaft machen,
  • bei Babys die Umstellung von der Muttermilch auf feste Kost wie Brei,
  • eine Milchzuckerunverträglichkeit (Lactoseintoleranz),
  • eine milde Form der erblichen Darmkrankheit Morbus Hirschsprung bei Vorschulkindern, bei der die Nervenzellen der Darmwand im betroffenen Darmabschnitt fehlen, sodass dort die normale Schiebebewegung, die den Stuhl in Richtung Mastdarm und Darmausgang transportiert, ausbleibt.

Wie wird eine Verstopfung bei Kindern behandelt?

Die klassischen Abführmittel für Erwachsene sollten Kinder und Jugendliche nicht bekommen. Auch Laktulose, das Bauchschmerzen und Blähungen auslösen kann, höchstens in Ausnahmefällen nach ärztlicher Rücksprache verwenden.

In leichteren bis mittelschweren Fällen hilft meist Macrogol. Bei schwerer Verstopfung ist es ratsam, folgende Maßnahmen zu kombinieren:

  • Kinder über die Darmfunktion aufklären. Sie müssen verstehen, dass die Verdauung wichtig ist, dabei aber jeden Tag Müll anfällt, der entleert werden muss.
  • Toilettentraining für Kinder, die auf den Topf oder die Toilette gehen: Möglichst nach jeder Mahlzeit oder natürlich bei Stuhldrang auf die Toilette schicken. Aber keinen Zeitdruck machen.
  • Darmreinigung: Ab etwa dem 2. Lebensjahr kann man Macrogol geben. Bei schwerer Verstopfung wird eine relativ hohe Dosierung gewählt. Nach etwa 3 bis 4 Tagen Anwendung tritt Durchfall auf. Das ist der richtige Zeitpunkt, die Dosierung deutlich abzusenken - Einzelheiten bitte beim Apotheker erfragen.
  • Erhaltungstherapie: Um eine erneute Verstopfung von vornherein zu verhindern, ist eine Erhaltungstherapie mit niedrig dosiertem Macrogol nötig, bis sich der Stuhlgang normalisiert habt. Das Macrogol langsam ausschleichen.


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