Umstrittene Vitaminbomben Der Mythos der gesunden Radikalfänger

Freie Radikale sollen das Gewebe altern lassen und Krebs verursachen. Deshalb versuchen Millionen Menschen, sie mit hohen Dosen an Antioxidantien wie Vitamin E zu bekämpfen. Doch das birgt Risiken.
Vitaminkapseln: Vermeintlicher Schutz vor freien Radikalen

Vitaminkapseln: Vermeintlicher Schutz vor freien Radikalen

Foto: Corbis

Das Märchen von den schädlichen freien Radikalen stammt aus den fünfziger Jahren. Da stellte der amerikanische Biogerontologe Denham Harman die These auf, dass die hochreaktiven Moleküle den Alterungsprozess vorantreiben, indem sie das Erbgut in den Zellen schädigen und damit die Funktionen von Geweben und wichtigen Organen beeinträchtigen. Obgleich das nie eindeutig bewiesen wurde, versuchen immer noch Millionen Menschen, die teuflischen Moleküle mit Vitaminbomben zu blocken.

Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule Köln ärgert das maßlos: "Eine ganze Armada von Buchautoren und Vitaminherstellern verdient Milliarden an diesem Irrglauben ", sagt der Molekularmediziner.

Dabei kam schon 1994 eine Studie mit hochdosiertem Vitamin E und A  zu einem vernichtenden Ergebnis. Eigentlich sollten die Vitamine Raucher vor Lungenkrebs schützen - doch die Tumorrate stieg völlig unerwartet an. Auch eine Übersichtsstudie von 2008 mit verschiedenen Radikalfängern  ergab sowohl für die Einzel-Vitamine A und E als auch für deren Kombinationen eine erhöhte Todesrate.

Freie Radikale beseitigen Zellmüll

Doch wie kann das sein? Schließlich schützen Vitamine, so die Vorstellung, aufgrund ihrer chemischen Eigenschaften vor den freien Radikalen, indem sie diese abfangen und unschädlich machen.

Ein möglicher Grund, warum hohe Dosen an Vitaminen auch einen gegenteiligen Effekt haben könnten, ist laut Bloch das Immunsystem: Dieses tötet mit Hilfe von freien Radikalen Zellen ab, die unkontrolliert wuchern. "Nimmt man dem Körper diese Waffe, kann er Tumoren deutlich schlechter bekämpfen." Zwar führen freie Radikale zu einem hohen oxidativen Stress , etwa bei einem Sonnenbrand. Die Folge sind Zellschäden, die wiederum Krebs verursachen können. "Aber es braucht ebenfalls freie Radikale, um die erbgut-geschädigten Zellen zu bekämpfen und den Zellmüll aus oxidierten Fetten und Proteinen zu beseitigen."

Freie Radikale  sind nämlich ein uralter biologischer Faktor, der Zellprozesse und verschiedene Wachstumsprozesse steuert. Blockiert man diese Steuermoleküle mit Gewalt, geht auch das Zellwachstum in die Knie. Mit Folgen: Eine kürzlich erschienene Studie  der Norwegischen Sporthochschule in Oslo etwa hat gezeigt, dass hochdosiertes Vitamin C und E den Leistungszuwachs nach einer Trainingseinheit behindern.

Wilhelm Bloch wundert das wenig: Früher habe man gedacht, dass freie Radikale die Mitochondrien, also die Kraftwerke einer Zelle, quasi wegbrennen. "Heute wissen wir, dass sie ein sehr wichtiger Regulator für die Vermehrung und Funktion der Zellkraftwerke sind." Ein weiterer Aspekt laut Bloch: Sport führt kurzzeitig zu einer vermehrten Bildung von freien Radikalen im Körper. Das wiederum aktiviert bestimmte Anpassungsmechanismen, die den Körper resistenter gegen oxidativen Stress machen.

Ein Dauerbeschuss mit freien Radikalen ist sehr wohl gefährlich

Umgekehrt aber schade ein Dauerbeschuss des Körpers mit freien Radikalen durchaus. "Ständig erhöhte Radikalpegel, wie sie beispielsweise Kettenraucher aufweisen", mahnt Bloch, "führen durch permanenten oxidativen Stress zu einem deutlich erhöhten Tumorrisiko." Nicht nur die Krebsrate nimmt zu. Auch das Risiko für Gefäßerkrankungen, Typ-2-Diabetes sowie für degenerative Hirnerkrankungen wie Alzheimer und Parkinson  steigt.

Mit einer ersten Abschätzung der Folgen durch freie Radikale beschäftigte sich eine Studie des Forscherteams um Bloch , bei der es um die Schadwirkung von Abgasen aus Kraftfahrzeugen ging. Dazu wurden menschliche Mundschleimhautzellen beiden Giften ausgesetzt und die Menge der auftretenden Radikale mit einem speziellen Antikörper bestimmt. Das Resultat: Das in den Emissionen enthaltene giftige Blei und krebserregende Benzpyren führen zu einer deutlichen Erhöhung der freien Radikale in den Schleimhautzellen. Je höher die Menge an freien Radikalen, desto größer war auch das Ausmaß der Zellschäden.

Vitamin-Quiz

Ob Radikale eher schaden oder nutzen, kommt also auf deren Zahl an - getreu dem Motto des berühmten Mittelalter-Arztes Paracelsus: "Allein die Menge macht das Gift." Die Vorstellung, alles durch einen schnellen Griff in das Drogerieregal optimieren zu können, ist deshalb reichlich naiv. "Mehrere hundert Gene stellen ein sehr empfindliches Gleichgewicht zwischen freien Radikalen und deren Abwehrsystemen im Körpers ein", sagt Bloch. "Da können Sie nicht einfach einen Regler ganz nach oben oder unten schieben."