Workout und Tanz zugleich "Voguing ist wie Selbsttherapie"

Schrille Kostüme, hohe Absätze und viel Bewegung: Beim Voguing imitieren Tänzer Körpersprache und Posen von Models. Im Interview mit achim-achilles.de spricht die Tänzerin Georgina Philp über Männer auf High-Heels und warum Voguing selbstbewusster macht.

Vogue-Tänzerin Philp: "Das muss man sich erst einmal trauen"
Julia Schweinberger

Vogue-Tänzerin Philp: "Das muss man sich erst einmal trauen"


ZUR PERSON
  • Anelia Janeva
    Georgina Philp, alias Leo Melody, Jahrgang 1985, stammt aus Düsseldorf. 2011 gründete sie in ihrer Heimatstadt das "House of Melody", die erste Voguing-Tanzcrew in Deutschland. Die Tänzerin gibt Voguing-Workshops und ist Organisatorin des Berlin Voguing Out Festival, das diesen Sommer in Berlin zum dritten Mal stattfindet.
SPIEGEL ONLINE: Frau Philp, worum geht es beim Voguing?

Philp: Voguing ist eine Aneinanderreihung von Posen. Also typische Arm- und Beinbewegungen, wie sie Models auf dem Laufsteg oder auf Zeitschriftencovern machen. Diese Posen werden schnell hintereinander in einem Tanz abgespult. Jede Bewegung, muss fotografiert werden können, wie bei einem Model.

SPIEGEL ONLINE: Madonna hat Anfang der neunziger Jahre Vogue-Tänzer in einem Musikvideo präsentiert. Ist Sie die Mutter des Voguings?

Philp: Nicht ganz. Madonna war damals viel in der Schwulenszene in New York unterwegs und hat Vogue-Tänzer gesehen und deren Bewegungen und Posen in ihrem Video aufgegriffen. Madonna hat das Voguing nicht erfunden, aber sie hat den Tanz populärer gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Voguing gilt als Tanz der Unterprivilegierten und Benachteiligten. Woher kommt das?

Philp: Im New York der Siebziger hatten Minderheiten kaum Chancen, akzeptiert zu werden. In der Modezeitschrift Vogue waren damals vor allem weiße Models abgelichtet. Sie standen sinnbildlich für ein besseres Leben, nach dem sich viele Unterprivilegierte, vor allem Lesben, Schwule und Transsexuelle sehnten. Weil man das in der Realität nicht erreichen konnte, fing man an, sich zu verkleiden und die Vogue-Models zu imitieren. Wer arm war, verkleidete sich als Geschäftsmann mit Anzug und Aktentasche. Männer trugen Glitzerkleid und High Heels. Beim Voguing schlüpft man in andere Rollen - auch heute noch. Man lernt, sich in seiner Haut wohl zu fühlen und zu zeigen, wer man ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Tänzer treten immer sehr sexy auf, in Abendkleid, Minirock oder Bikini. Das erfordert am Anfang sicher viel Überwindung.

Philp: Ja, das stimmt. Das muss man sich erst einmal trauen. Scheinwerferlicht und Hunderte johlende Zuschauer um einen herum. Aber das Wichtigste dabei ist: Spaß haben. Das Publikum merkt, wenn Tänzer alles geben, und feuert einen an. Das ist unglaublich gut fürs Selbstbewusstsein. Außerdem ist es sehr befreiend, wenn man mal aus sich herauskommen kann. Voguing ist wie Selbsttherapie.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Philp: Voguing ist kein Tanz, sondern eine Lebenseinstellung. Wer sich einmal in Voguing verliebt hat, fängt schnell an, sich zu verändern. Ich traue mich jetzt, in andere Charaktere zu schlüpfen, und bin selbstbewusster geworden - gerade was meine Weiblichkeit betrifft. Ich tanze nicht nur weiblicher, sondern fühle mich auch mehr als Frau. Früher habe ich ungern High Heels getragen. Jetzt besitze ich Hunderte.

SPIEGEL ONLINE: Tanzen, posen, Spaß haben - ist Voguing tatsächlich auch eine Sportart?

Philp: Ja, klar. Es gibt verschiedene Kategorien. Bei "Runway" geht es vor allem um Auftreten und Ausstrahlung. In der "Performance"-Kategorie wird richtig getanzt. Da spielt die Technik eine Rolle. Wer bei einem Battle mitmacht, sollte bestimmte Elemente beherrschen: Duck Walks zum Beispiel: Das sind kurze, schnelle Schritte in der Hocke. Oder Dips, Drehungen, die im Stehen beginnen und auf dem Boden enden.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt sehr anstrengend.

Philp: Voguing ist Workout und Tanz zugleich. Dabei wird der ganze Körper trainiert. Vor allem auch die Arme. Würde ich noch zusätzliches Krafttraining machen, sähe ich bald aus wie Hulk. Man muss auch nicht immer High Heels tragen. Das macht den Tanz anstrengender, sieht aber auch viel erhabener aus - auf hohen Schuhen hat man eine aufrechtere Körperhaltung.

SPIEGEL ONLINE: Birgt Voguing nicht ein hohes Verletzungsrisiko?

Philp: Nein. Beim Voguing ist zwar alles improvisiert, aber die Tänzer wissen, was sie tun. Und kleinere Akrobatikeinlagen hat man natürlich vorher geübt. Das gehört zu den Techniken, die man mit der Zeit lernt. Man kann sich beim Battle zwar einem anderen absichtlich in den Weg stellen, so dass die Jury den Gegner nicht gut sieht. Wenn der Gegner dann aber wiederum eine witzige Reaktion darauf weiß, steht man am Ende selbst doof da. Es ist ein Spiel.

SPIEGEL ONLINE: Man lernt beim Voguing, aus dem Stehgreif zu agieren. Hilft das im Alltag weiter?

Philp: Auf jeden Fall. Man hat weniger Angst vor neuen Herausforderungen. Beim Voguing kommt es auf den Moment an. Es gibt kein Richtig und Falsch. Die Botschaft, die beim Voguing vermittelt wird: Hab Spaß bei dem, was du tust. Sei positiv. Zeig, wer du bist. Dann siehst du auch gut aus.

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Das Interview führte Julia Schweinberger

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
d.fault 28.03.2014
1. Jetzt muss ich...
meine hübschen Zumba Sachen wegwerfen :(
p.donhauser, 28.03.2014
2. optional
ich glaube,die gute braucht tatsächlich eine therapie.
frau_flora 28.03.2014
3. Ich empfehle...
...als neue Trendsportart noch Sich-Zum-Affen-Making. Nah dran ist man ja schon, wenn ich mir das Video so ansehe.
twister-at 28.03.2014
4. Tanzen auf Highheels und Workout?
Da freuen sich bestimmt die Ärzte, wenn es demnächst viele Leutchen gibt, die "Duck Walks" und Co. auf ihren High Heels proben oder wie bei GNTM auf HighHeels gleich auf dem Laufband rennen - es hat sich wohl noch immer nicht herumgesprochen, wie sich die "erhabene Körperhaltung", die im Endeffekt nichts anderes ist als ein schwieriges Ausbalancieren auf Kosten der Sehnen und Co. auf die Gesundheit auswirkt, wenn sie allzu oft angewandt wird.
tetaro 28.03.2014
5.
"Voguing ist kein Tanz, sondern eine Lebenseinstellung (.....) Früher habe ich ungern High Heels getragen. Jetzt besitze ich Hunderte" Wow, das hört sich wirklich an, wie eine echte mentale Weiterentwicklung.
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