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20. Juni 2017, 10:45 Uhr

Achilles' Classics

Dieses verdarmte Unbehagen

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Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem heiklen Thema. Peristaltik und so, schon klar. Nur: Was nützen einem die schlauesten Gedanken, wenn es drückt und kneift? Dann hilft nur ein Abstecher in die Botanik.

In der Läuferszene herrscht ein Kartell des Schweigens. Keiner redet darüber, in keinem Fachbuch wird dieses Thema ehrlich angesprochen. Skandalös, wie Tausende von Laufnovizen in ihr Unheil geschickt werden. Hiermit enttarne ich die verdauungstechnische Weltverschwörung.

Es ist eine verdammte Lüge, dass Läufer immer nur in strahlend hellen Laufhosen dem Sonnenuntergang entgegenfedern. In Wirklichkeit trippeln viele mit zusammengekniffenen Lippen und Pressatmung direkt ins Unterholz, um eine Kuhle zu finden, ein Gebüsch, Schutz vor den angewiderten Blicken von Hundebesitzern, die bei Läufern komischerweise verabscheuen, was sie bei ihren Kötern völlig normal finden.

Es ist wahrscheinlich eine Frage der Physik, der Schwerkraft. Wenn man einen Sack Torf immer und immer wieder auf den Boden plumpsen lässt, dann wird der Inhalt verdichtet. Und wenn ein Läufer seinen Körper Schritt für Schritt auf den Boden plumpsen lässt, dann wird auch was verdichtet, wenn auch nicht bei allen. Es gibt ja zwei Sorten von Menschen: Die Morgen- und die Abend-Verdauer. Ich bin ein Morgen-Typ, im Gegensatz zu Klaus-Heinrich.

Immer wenn wir sonntags laufen, ist es das gleiche Elend. Wir sind keine zehn Minuten unterwegs, haben noch nicht mal angefangen, die charakterlichen Unzulänglichkeiten unserer Partnerinnen zu analysieren, da kommt dieses feine Pieken aus der Tiefe der Bauchhöhle. Ich versuche es wegzuatmen. Keine Chance. Nach dem Pieken kommt das Drücken. Hektisch schwingt der Kopf umher. Nervöse Blicke tasten den Wegesrand ab. Welcher Busch hat genug Blätter? Wo zieht sich ein Trampelpfad ins Unterholz? Wo also ist man sicher vor Hundeführerblicken, so sicher, wie man in einem Wald ohne Blätter sein kann, in dem man eine leuchtend gelbe Jacke durch die Bäume ungefähr bis Moskau sieht?

Dann kommt das Grollen. Der Atem stockt. Natürlich genau in dem Moment, in dem von vorn ein spazierendes Paar kommt, die Hundeleinen locker in der Hand, nur die elenden Tölen sind nicht zu sehen. Dobermänner wahrscheinlich oder Doggen oder Rauhaardackel. Scheißegal, es gibt kein Halten mehr. "Äh, lauf schon mal langsam weiter", quetsche ich hervor, "ich, ääh, nur, der Kaffee, hmpff, pinkeln." Klaus-Heinrich nickt angeekelt. Im Laufen versuche ich den Knoten der Hose aufzufummeln.

Ich stolpere über eine Wurzel, ein Ast schlägt mir ins Gesicht. Die Spaziergänger sind keine zehn Meter entfernt und schauen interessiert, was ich da treibe. Da bricht auch ihr ausgewachsener Schäferhund aus dem Dickicht. Er rennt auf mich zu. Ich biege scharf nach links und suche Schutz hinter einem umgefallenen Baum. Gleich dahinter verläuft allerdings ein Querweg, den eine Familie mit einem halben Dutzend Kindern entlang kommt. Ich drehe um und schlage einen Haken. Untenrum löst sich was. Bitte nicht. Zum Glück nur heiße Luft. Immerhin: Die Sprache versteht man im Tierreich. Das Biest dreht ab. Ich bin alleine. Ich gehe zu Boden. In letzter Sekunde.

Früher hatte ich mal Papier dabei, zwei Bogen Küchenrolle, zusammengefaltet, im Ärmel. Die sind stabiler als Dreilagiges. Aber nicht stabil genug, wenn man zur raren Spezies der starken Unterarmschwitzer gehört. Und es sieht seltsam aus, wenn beim Laufen weiße Krümel aus dem Ärmel rieseln. Und wenn man es braucht, ist es weg. Also zurück zur Natur. Laub ist im Wald ja genug da. Meistens ist es allerdings zu trocken. Oder zu nass. Oder zu verrottet. Oder mit langen, harten Tannennadeln durchmischt. Tiere wohnen auch zwischen den Blättern. Es juckt.

"Achim, alles klar?", ruft Klaus-Heinrich vom Waldweg aus. Er ist schon ein paar Mal auf und ab gelaufen. "Jaja", antworte ich, "habe nur den Autoschlüssel verloren." Klaus-Heinrich denkt einen Moment nach. "Aber wir sind doch mit meinem Auto gekommen", sagt er. Schweigend traben wir weiter. So richtig kommt unser Gespräch nicht mehr in Gang. Klaus-Heinrich läuft am äußersten Rand des Weges. Wie ich den alten Spießer kenne, denkt er wieder nur an seine Ledersitze.

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