Immunsystem So kommt es zu Getreide-Unverträglichkeiten

Glutensensitivität, Zöliakie und Weizenallergie - immer mehr Menschen klagen über Verdauungsbeschwerden durch heimische Getreidesorten. Die Stoffe sorgen auf verschiedene Weise im Körper für Chaos. Ein Überblick.
Feld mit Gerste: Immer mehr Menschen klagen über Getreideunverträglichkeiten

Feld mit Gerste: Immer mehr Menschen klagen über Getreideunverträglichkeiten

Foto: Daniel Bockwoldt/ picture alliance / dpa

Finger weg vom Getreide: Diese Anweisung verbindet Menschen, die unter Zöliakie, Glutensensitivität oder Weizenallergie leiden. Sie alle bekommen Bauchschmerzen und Verdauungsprobleme von Bestandteilen getreidehaltiger Nahrungsmittel. Verursacht werden die Symptome durch eine fehlerhafte Reaktion des Immunsystems - bei jeder Erkrankung in einer anderen Form. Ein Überblick.

Zöliakie

Menschen mit Zöliakie vertragen Bestandteile des Klebereiweißes Gluten nicht, das in heimischen Getreidesorten wie Weizen, Roggen oder Gerste vorkommt. Die Ursache liegt in der Dünndarmschleimhaut. Normalerweise ist diese dafür zuständig, Nährstoffe aufzunehmen und schädlichen Substanzen den Zugang zum Blutkreislauf zu versperren.

Bei Menschen mit Zöliakie ist diese Barriere undicht, Glutenbestandteile können in die Lücken zwischen den Gewebszellen gelangen. Immunzellen, die hier eigentlich zum Schutz des Körpers sitzen, schlagen Alarm und aktivieren speziell ausgebildete Kampfeinheiten, die gegen die Eindringlinge losschlagen. Durch eine Fehlprogrammierung zerstört der Körper dabei auch gesunde Zellen der Darmschleimhaut. Unbehandelt kann die Autoimmunerkrankung zu Mangelernährung und Blutarmut führen.

In Deutschland hat etwa einer von hundert Menschen Zöliakie. Klassische Anzeichen sind Völlegefühl, Durchfall, Gewichtsverlust und Blähungen. Oft macht sich die Erkrankung auch in Form von Migräne, Depressionen, Kleinwuchs oder einer verzögerten Pubertät bemerkbar.

Die Veranlagung zur Zöliakie wird vererbt, aber nicht bei jedem Menschen bricht die Erkrankung auch aus. Der Arzt diagnostiziert Zöliakie durch IgA-Antikörper im Blut. Teilweise ist zusätzlich eine Biopsie der Darmschleimhaut notwendig.

Verringern lässt sich das Zöliakierisiko durch eine richtige Ernährung in den ersten Lebensmonaten: Das "Gesund ins Leben Netzwerk Junge Familie" empfiehlt, Säuglinge schon im vierten bis sechsten Lebensmonat mit kleinen Mengen glutenhaltiger Lebensmittel zu füttern , um ihr Immunsystem daran zu gewöhnen. Die Einführung von Gluten, solange noch gestillt wird, sei mit einem um die Hälfte verminderten Zöliakierisiko verbunden, heißt es dort.

Weizenallergie

Im Gegensatz zur Zöliakie handelt es sich bei der Weizenallergie um eine Überreaktion des Immunsystems auf harmlose Substanzen - nicht um einen gezielten Angriff des Immunsystems auf körpereigene Zellen. Eiweißbestandteile in der äußeren Schale des Korns oder Glutenbestandteile im Mehlkörper werden fälschlicherweise vom Organismus als Feind erkannt.

Beim Kontakt mit diesen Allergenen flutet das Immunsystem den Organismus mit Antikörpern gegen den Eindringling. Treffen die sensibilisierten Immunzellen auf das feindliche Eiweiß, entsteht eine Entzündung. Der Betroffene bekommt Bauchschmerzen. Im schlimmsten Fall führt die Überreaktion des Immunsystems zum Kreislaufzusammenbruch.

Von Weizenallergie betroffen ist etwa einer unter tausend Menschen. Die Betroffenen reagieren neben Weizen oft auch empfindlich auf andere Getreidesorten wie Dinkel. Weil auch glutenfreie Lebensmittel noch Weizeneiweiß enthalten können, müssen Weizenallergiker beim Einkauf besonders wachsam sein.

Die Neigung zur Weizenallergie ist genetisch bedingt. Einige Medikamente, Alkohol oder Stress begünstigen die Überreaktion des Abwehrsystems. Nachweisen lässt sich eine Weizenallergie durch IgE-Antikörper im Blut. Vorsicht: Einige Ärzte und Heilpraktiker bieten zur Diagnose von Allergien sogenannte IgG-Antikörpertests an , die die europäischen und deutschen Allergiegesellschaften strikt ablehnen . Ihre Aussagekraft ist nicht bewiesen.

Glutensensitivität

Die Glutensensitivität lässt sich oberflächlich kaum von der Zöliakie unterscheiden. Die Beschwerden sind die gleichen, allerdings steckt hinter der Erkrankung ein anderer Mechanismus: An Stelle von spezialisierten Kampfeinheiten richten sich bei der Glutensensitivität unspezifische Immunzellen gegen die Getreidebestandteile.

Diese Abwehrzellen können über Rezeptoren ganz unterschiedliche Fremdstoffe erkennen und bekämpfen. Eine Studie hat gezeigt , dass Immunzellen von Menschen mit Glutensensitivität besonders viele dieser Rezeptoren besitzen. Dockt dort ein Fremdstoff an, kommt es blitzartig zu einer Entzündung.

Schätzungsweise fünf bis sieben Prozent der Deutschen leiden an der Unverträglichkeit. Festgestellt werden kann sie nur durch ein Ausschlussverfahren, wenn Symptome vorliegen, aber keine Zöliakie oder Weizenallergie nachgewiesen werden kann.

Glutensensitivität wird gerade erforscht. Eine wissenschaftliche Untersuchung weist darauf hin, dass statt Gluten auch Proteine mit der Bezeichnung Adenosin-Triphosphat-Amylase (ATI) die Reaktion auslösen könnten.

Das Risiko für Folgeerkrankungen ist vergleichsweise gering, weil die Gewebszellen im Dünndarm nicht gezielt vom Immunsystem zerstört werden. Langzeituntersuchungen fehlen aber noch.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.