Wir machen uns mal frei Mann Om Mann

In seinem Yogastudio gehört Kolumnist Jens Lubbadeh zur männlichen Minderheit. Also bestaunt er die Frauen, die selbst absonderlich verrenkt eine gute Figur machen. Die wenigen Männer, die sich weitaus weniger elegant daran versuchen, sind eigentümliche Wesen.
Massenyoga in New York: Auch bei Männern wird Yoga immer beliebter

Massenyoga in New York: Auch bei Männern wird Yoga immer beliebter

Foto: EMMANUEL DUNAND/ AFP

Im Leben wäre ich nicht darauf gekommen, mal Yoga zu machen. Doch meine Freundin blieb hartnäckig. Wahrscheinlich, weil ich ihr immer wieder von meinen Rückenschmerzen erzählte, der zunehmenden nervösen Anspannung, der schlechten Beziehung zwischen mir und meinem Körper. Ich sag's mal so: Wenn ich meinen Körper zufällig kennenlernen würde, wäre er niemand, mit dem ich mal ein Bier trinken gehen wollte. Andererseits würde ich es nicht ausschlagen, wenn er mich auf eines einladen würde. Und leider lud mich mein Körper zu oft auf ein Bier ein. Woher kam dieses einseitige Verhältnis? Wahrscheinlich bin ich als Kind zu selten auf Bäume geklettert. Warum? Weil ich einige Jahre übergewichtig war. Warum? Weil ich nie auf Bäume kletterte. So einfach ist das.

Also Yoga. Ich war skeptisch. Wollte ich wirklich so aussehen wie Madonna? Mit Adern, die sich wie Drahtseile um meine dürren Unterarme schlängelten? Wollte ich wirklich diese Übungen mit den Tiernamen machen? Hund und Fisch waren ja noch in Ordnung. Aber Krähe? Heuschrecke? Skorpion? Schon etwas merkwürdig, dieser Yoga-Zoo. Und mein Lieblingstier, der Nymphensittich, war auch nicht dabei. Also ging ich mit gemischten Gefühlen an die Sache.

Im Yogastudio ist alles weiß. Weiße Wände, weißer Boden, weiße Klamotten. Nur die Matten sind schwarz. Man kommt sich vor wie auf einem riesigen Schachbrett - mit lauter Damen. Soooo viele Frauen. Die meisten sehr schlank, sehr groß. Hat das Yoga sie geformt, oder formen sie das Yoga? Für einen Single ist hier das Paradies.

Während man in der weißen Schönheit schwelgt, wird man schnell auf den Boden der Tatsachen geholt, wenn die Übungen beginnen. Die elfenhaften Wesen zeigen uns wenigen Männern nämlich, wo der Hammer hängt. Anmutig lächelnd vollführen sie die tierischen Körperübungen mit einer Leichtigkeit, von der wir mit unseren verkürzten Muskeln und Sehnen nur träumen können. Zum Beispiel bei Paschimottanasana , der Vorwärtsbeuge. Setzen Sie sich mit flach ausgestreckten Beinen und extrem geradem Oberkörper auf den Boden. Noch gerader! Nun strecken Sie die Arme senkrecht nach oben und klappen Ihren - immer noch sehr geraden - Oberkörper langsam nach vorne. Nicht den Rücken krümmen. Auch nicht die Beine! Das Ziel ist, den Bauch gerade auf die Oberschenkel zu bringen und mit den Händen die Zehen zu umfassen. Spätestens jetzt rächt sich jedes Fußballmatch und jedes Oberschenkelmuskeltraining. Ich blicke verstohlen zur Seite: Die Frauen neben mir haben längst ihre nicht vorhandenen Bäuche an ihre gazellenhaften Oberschenkel gepresst. Bestimmt hätten sie auch keinerlei Probleme, in dieser Position einzuschlafen. Während mein unterer Rücken beginnt wehzutun, und meine (gekrümmten) Oberschenkel zittern, wird mir klar: Mit diesen schönen Yogafrauen, die niemals schwitzen, niemals schnaufen, werde ich es niemals aufnehmen können.

"Das Omm ist im Yoga das, was beim Sushi die Stäbchen sind"

Auch beim Rad  hängen uns die Mädels ab. Kurz erklärt kommt man so in diese Figur : Legen Sie sich rücklings auf einen Gymnastikball, drücken Sie die Hände über Ihren Kopf und die Handflächen flach auf den Boden. Die Fingerspitzen zeigen zu Ihren Füßen, die auch flach auf dem Boden liegen. Dann drücken Sie sich hoch, und jemand kickt unter Ihnen den Gymnastikball weg. Und Sie halten! Das wäre die Top-Down-Variante. Beim Yoga machen Sie das Ganze aber Bottom-Up, also von der flachen Rückenlage ausgehend. Ich habe ein Jahr gebraucht, um das zu schaffen (für den Kopfstand brauchte ich noch länger). Aber Yoga-Frauen floppen wie eine gespannte Feder einfach hoch und stehen auch dann noch im Rad, wenn ich längst schnappatmend auf den Boden zurückgeplumpst bin wie ein nasser Sack. Dann heben sie seelenruhig erst ihr rechtes Bein hoch, dann das linke. Und die ganz Krassen erheben sich sogar aus dieser Position heraus in den aufrechten Stand.

Männer, die Yoga machen, sind meist auch groß und schlank. Es gibt vier Typen: der Kreative, der Feinsinnige, der Entrückte und der nicht Zuordbare. Viele Theaterschauspieler machen Yoga, um ihr Körpergefühl zu stärken und gelenkiger zu werden. Äußerlich sind sie unauffällig, vom Körperbau eher kompakt. Doch man erkennt sie fast immer an ihrer lauten Stimme. Während wir Omm singen, tönen sie OMMM. Bei den Körperfiguren, den Asanas, sind sie mit großem Ehrgeiz dabei. Die feinsinnigen Kollegen wiederum sind sehr schlank, graumeliert, machen regelmäßig Gesichtspeelings und können sich stundenlang über Suppe unterhalten. Die Entrückten sagen gar nichts, oder wenn, dann nur wenig, und das leise, bedächtig und mit großem Ernst ("Ja, der Apfel schmeckt tief"). Wahrscheinlich haben sie gerade einen sechsmonatigen Ashram-Aufenthalt mit Schweigegelübde in Indien verbracht. Bleibt die letzte Gruppe, die nicht Zuordbaren, in die ich mich selbst einsortiere. Sie ist sehr heterogen und umfasst auch diejenigen Kollegen, die auffallend laut schnaufen während der Yogastunde. Aber warum auch nicht? Beim Damentennis wird ja auch gestöhnt.

Verstörend fand ich anfangs das Gesinge zu Beginn und am Ende einer Stunde. Es sind indische Mantras. Mitsingen kann ich sie bis heute nicht, vielleicht, weil ich weiß, was sie bedeuten: Es sind zahlreiche Dankeschöns - an alle möglichen Götter und Gurus. Als Atheist habe ich schon lange keinen übernatürlichen Wesen mehr gedankt. Auch die Altäre mit Shiva-Figuren und anderen Gottheiten sind gewöhnungsbedürftig. Natürlich fand ich anfangs auch das klischeemäßige "Om" seltsam, das alle naselang gesummt wird. Eine Yogalehrerin sagte mir einmal, dass das ganze Geomme im Prinzip das Gleiche sei wie die Stäbchen beim Sushi. Beim Japaner spielen wir das Spiel ja auch mit, selbst wenn wir uns dabei die Finger verkrampfen und die Sushi-Röllchen ab und zu in die Soja-Soße platschen lassen. Seitdem sehe ich das Ganze gelassener. Und darum geht es ja beim Yoga: Gelassenheit.

Was ist Yoga?
Foto: Corbis

Welche Yogaformen gibt es?Ist Yoga gefährlich?

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