Wirbelsäulengymnastik "Baby, don't hurt me"

Wer Rückenschmerzen hat, landet fast zwangsläufig eines Tages bei der Wirbelsäulengymnastik. Zwischen Eurodance und Gummiball gibt es viele Möglichkeiten, sich zu blamieren. Kolumnist Frederik Jötten nimmt alle mit.

Wirbelsäulengymnastik mit Bällen ist zwar hilfreich, aber nicht besonders spannend
Corbis

Wirbelsäulengymnastik mit Bällen ist zwar hilfreich, aber nicht besonders spannend


Der Kurs "Wirbelsäulengymnastik" wurde in einer typischen Mehrzweckturnhalle angeboten. Ich ging durch eine gläserne Tür, es roch nach Gummimatten. Es war ruhig, wie wenn man früher zu spät zum Schulsport kam und sich schon alle Mitschüler umgezogen hatten. Ich öffnete die Tür zur Umkleidekabine, ich hörte schon Musik und eine Frauenstimme Kommandos rufen. Ich war in Jeans und T-Shirt gekommen - für Gymnastik sollte das wohl reichen, hatte ich gedacht.

Ich trat in die Sporthalle. Vor mir standen zwei Männer und drei Frauen im Halbkreis um die Kursleiterin herum. Nein, stehen war nicht das richtige Wort, sie groovten zu dem Eurodance-Klassiker "What is love? Baby, don't hurt me ...".

"Herzlich willkommen, ich bin Ulrike." Die Kursleiterin, eine Frau Mitte 30, sonnengebräuntes Gesicht, drückte mir die Hand.

"Hallo, ich bin Frederik."

Ich schlurfte in den Halbkreis und begann auf der Stelle zu hopsen, wie die fünf anderen Schüler. Es war Zeit für die eingesprungene Vorstellungsrunde. "Ich bin der Gerhard!", kam es von gegenüber. "Ich bin die Susi", "Ich bin die Lisa". Als sich alle vorgestellt hatten, rief ich, schon ein bisschen außer Atem: "Hallo, ich bin Frederik."

Ich fühlte mich wie ein Fremdkörper, auch wenn Susi und Lisa in meinem Alter waren. Gerhard war Anfang 50, Klaus und Rita ein Ehepaar im Rentenalter. Gerhard, randlose Brille, Halbglatze, Typ Oberstudienrat, tänzelte mit einer Glückseligkeit in seinen Augen, als habe er die gesamte Woche auf diesen Termin hingefiebert. Er bewegte die Lippen: "Baby, don't hurt me."

Es wurde ernst. Ulrike machte eine Schrittfolge vor: den linken Fuß, nach vorne links, auf gleicher Höhe, zurück, dann auf den rechten, oder so ähnlich. Ich blickte verwirrt auf ihre Füße, versuchte, sie zu imitieren. Ulrike bemerkte, dass ich Probleme hatte zu folgen. "Nein, schau mal, so!" Sie machte es mir langsamer vor. Ich gab mir Mühe, aber es gelang mir einfach nicht, die Schrittfolge mit dem Takt der Musik synchronisieren.

Ich musste verlegen grinsen, erstens, weil es ein bisschen peinlich war, zu welcher Musik ich hier gerade abzappelte. Zweitens merkte ich in einem fort, wie untalentiert ich war - nein, nicht für Geräteturnen, Stabhochsprung oder Ski-Freestyle, sondern für Wirbelsäulengymnastik bei der Volkshochschule! Das war in sportlicher Hinsicht die bitterste Pille, die ich je zu schlucken hatte.

Hilflos, wie ein Käfer auf dem Rücken

Dann teilte Ulrike Gummibälle in Fußballgröße aus. Wir legten uns jeweils mit dem unteren Rücken darauf. Ich schaute zu Gerhard. Es wirkte schon ein bisschen komisch, wie er im Takt der Musik mit der Hüfte kreiste - gerade lief Tom Jones "Sex Bomb". Ich war allerdings noch näher dran, die Lachnummer des Kurses zu werden: Im selben Augenblick verlor ich das Gleichgewicht und purzele nach links auf den Hallenboden. Erschreckt, mit den Beinen gen Decke, lag ich für einen Moment wie ein hilflos auf dem Rücken zappelnder Marienkäfer da. Zum Glück konnte mich hier niemand aus meinem Bekanntenkreis sehen.

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Dann war auf einmal die CD bis zum Ende durchgelaufen - Ruhe. Plötzlich hörte man unser Stöhnen, das ungläubige Kichern, wenn Ulrike wieder einmal sagte, wir sollten jetzt noch zusätzliche fünf Wiederholungen machen. Dann sagte sie unvermittelt: "So, das war es für heute. Schönen Abend und schöne Woche."

Und das Ganze jeden Abend?

Bei der nächsten Stunde fragte ich: "Sollen wir das Programm eigentlich auch zu Hause üben?" Gerhard rief: "Ja, jeden Abend eine Stunde!" Die anderen lachten, Ulrike sagte: "Es wäre wünschenswert, aber einmal die Woche ist auch schon ganz gut." Ich fragte mich, ob die Wirbelsäulengymnastik mir und den anderen auf diese Weise wirklich würde helfen können, schließlich machten wir nicht jedes Mal die gleichen Übungen. Das bedeutete, dass bestimmte Muskelgruppen vielleicht nur alle drei Wochen angespannt wurden - das konnte ja nicht besonders wirksam sein.

"Ich überlege, ob ich mir Notizen machen soll, um mir die Übungen merken zu können", sagte ich.

"Na, du wirst schon mit der Zeit rauskriegen, wie das hier läuft", sagte Ulrike und lächelte.

Aber das stimmte nicht. In der kommenden Woche war es über 30 Grad warm - war es nicht schöner und gesünder, schwimmen zu gehen? Auch und gerade für den Rücken? Ich weiß, ich hätte konsequenter sein müssen, aber ich ging nicht mehr zur Wirbelsäulengymnastik. Eine Mischung aus Hochsommer, Unlust und dem Gefühl, dass sie mir ohnehin nicht weiterhelfen würde, hielt mich ab. Vielleicht werde ich später einmal wiederkommen, zum Tanzen im Gerhard-Style. Dann, wenn ich wirklich zu alt für jeden Club geworden bin.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
lachina 26.02.2014
1. Es geht nicht darum....
Es geht hier nicht um Trend oder ums geil aussehen. Es geht echt um die Gesundheit. Ich halte allerdings auch nicht viel von diesen Gruppen, bei der jeder die gleichen Übungen macht. Bei mir sind damals die Schmerzen viel schlimmer geworden . Dann hat mir eine Physiotherapeutin gezeigt, wie ich die Übungen sinnvoll für mich abwandeln kann - viiiiiel besser! Diese übung mit rücklings auf den Petziball darf ich beispielsweise gar nicht machen.
Kurbelradio 26.02.2014
2.
Zitat von sysopCorbisWer Rückenschmerzen hat, landet fast zwangsläufig eines Tages bei der Wirbelsäulengymnastik. Zwischen Eurodance und Gummiball gibt es viele Möglichkeiten, sich zu blamieren. Kolumnist Frederik Jötten nimmt alle mit. http://www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/wirbelsaeulengymnastik-gegen-rueckenschmerzen-a-955626.html
Ich hatte auch lange Rückenschmerzen, regelmässig "Hexenschuss" und versuchte so einiges. Bis ich mich im Fitnessstudio anmeldete. Dort trainiere ich 2 mal die Woche meine Rückenmuskulatur und, das gehört dazu, Bauchmuskulatur, weil die eben auch den Rumpf aufrecht hält. Seither: Ade Rückenschmerzen.
Hübitusse 26.02.2014
3. Bewegung für Bewegungslegasteniker
Fitnessstudio ist schonmal nicht ganz verkehrt (kann es aber sein, je nach Ursache der Rückenbeschwerden). Manche Physiotherapeuten bieten auch reguläres Muskulaturtraining an Geräten an, mit dem Unterschied das man da mit Sicherheit kompetent angeleitet und überwacht wird. Es lohnt sich nach so einem Angebot zu suchen. Aber wenn man sich schon primär Gedanken darüber macht wie etwas aussieht, dann sollte man vielleicht einfach noch etwas länger unter seinen Schmerzen leiden, bis sich die richtige Einstellung durchgesetzt hat.
mwroer 26.02.2014
4.
Zitat von HübitusseFitnessstudio ist schonmal nicht ganz verkehrt (kann es aber sein, je nach Ursache der Rückenbeschwerden). Manche Physiotherapeuten bieten auch reguläres Muskulaturtraining an Geräten an, mit dem Unterschied das man da mit Sicherheit kompetent angeleitet und überwacht wird. Es lohnt sich nach so einem Angebot zu suchen. Aber wenn man sich schon primär Gedanken darüber macht wie etwas aussieht, dann sollte man vielleicht einfach noch etwas länger unter seinen Schmerzen leiden, bis sich die richtige Einstellung durchgesetzt hat.
Am besten einfach zu einem Physiotherapeuten gehen und nach einem geeigneten Sportstudio fragen - wenn der Kollege nicht ohnehin einen Gymnastikraum hat denman auch benutzen kann ohne akute Behandlung. Wir haben einen gefunden, zahlen 35 Euro im Monat für 3 mal die Woche kommen können und können jederzeit die 2 Trainer fragen. Nicht so flexibel wie bei den Ketten wo man immer hinkann aber das ist es mir persönlich einfach Wert. Wohl wahr.
firenafirena 26.02.2014
5. Total überzogen
Wie schon gesagt wurde: Wirbelsäulengymnastik ist kein Schaulaufen. Wenn der Kurs so schlimm war, einfach nicht mehr hingehen. Es gibt viele gute Trainer und Physiotherapeuten, die ganz individuell auf die jeweiligen Krankheitsbilder eingehen. Da wird auch schon mal für eine oder zwei Personen im Kurs eine andere Übung gezeigt, weil diese spezielle Probleme haben. Und was die Altersklasse angeht, da kann ich nur empfehlen, nicht so sehr im Selbstmitglied zu versinken. Erkrankungen oder Unfälle, die solche Maßnahmen nötig machen, können in jedem Alter und schon als Teenager geschehen.
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