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Sinnesfreuden: Jede Zehe in einer Tasche

Foto: Jens Lubbadeh

Barfußschuhe Laufen wie Frodo der Hobbit

Zugegeben, in Zehenschuhen sieht man aus wie ein Hobbit. Dafür eröffnet sich einem ein längst vergessenes Universum an Sinnesfreuden. Jens Lubbadeh würde am liebsten nur noch damit herumlaufen. Selbst nach Mordor.

Es war gar nicht so leicht, das Glas auf dem Asphalt zu zerschlagen, ich brauchte drei Versuche. Dann zerbarst es endlich und ich blickte mich verschreckt um. Doch auf diesem riesigen Parkplatz war niemand außer mir. Niemand, der sich darüber wundern würde, warum ein mit grünen Wollsocken Bekleideter hier randalierte. Da lag er nun also vor mir, der Scherbenhaufen. Ich hob meinen rechten Fuß, dachte noch einmal kurz an den Sommer 1983 im Gießener Freibad und wie es sich angefühlt hatte, als sich die Colaflaschenscherbe in meine Ferse gebohrt hatte. Dann trat ich meinen sockenumhüllten Fuß mit voller Wucht in den Scherbenhaufen.

Bevor Sie mich für völlig irre halten: Das waren kevlarverstärkte Spezialsocken, die ich beruflich testen musste. Und das ging nur dort, wo keine Menschen waren, denn die Socken waren so hässlich, dass man damit aussah, wie direkt aus dem Auenland verjagt. Grober grüner Stoff, jeder Zeh in einer eigenen Tasche, wie ein Handschuh für die Füße. Damit traute ich mich nur nachts vors Haus.

Aber so hässlich sie auch waren, sie holten mich im wörtlichen Sinn auf den Boden der Tatsachen zurück und eröffneten mir eine Welt, die ich spätestens 1983 verloren hatte - die des baren Fußes. Wissen Sie, wie sich Waldboden unter den Fußsohlen anfühlt? Eine Baumwurzel oder ein Kiefernzapfen, der sich in die Fußsohle drückt. Die plötzliche Kühle der feuchten Erde, in die man ein wenig einsinkt. Und wie verschieden dazu die Struktur von Asphalt ist, oder die von Bordstein, über den wir tagtäglich achtlos laufen, mit unseren hermetisch versiegelten Füßen.

Alte neue Sinneseindrücke

Wie hatte ich es nur zulassen können, zwei so wichtige Sinnesorgane so viele Jahre lang einzusperren? Von nun an wollte ich nicht mehr fußblind durchs Leben gehen. Nur wie? Barfußlaufen in St. Pauli? Angesichts der Meere von Scherben, Hundehaufen und halbverzehrten Döner ein zweifelhaftes Vergnügen. Auch die Kevlar-Socken sind keine Lösung - einen Psycho-Hobbit braucht man in St. Pauli nicht auch noch. Dann erinnerte ich mich an diese Spezialschuhe, von denen mir meine Freundin erzählt hatte. Ganz dünne Sohlen, jede Zehe in ihrer eigenen Tasche. Ich recherchierte ein wenig im Internet, las begeisterte Lobeshymnen und hasserfüllte Verrisse. Und ohne lange zu überlegen, bestellte ich sie mir.

Sie haben mir klar gemacht, wie sehr wir unsere Füße mit Füßen treten.

Ja, ich gebe zu, es kostet Mut, mit Zehen- oder Barfußschuhen in der Öffentlichkeit herumzulaufen. Hobbit bleibt Hobbit. Aber hat man sich an die Blicke, das Gelächter und die unintelligenten Sprüche gewöhnt ("Ey kumma, der hat Fußschuhe an!" - ja, genau, ein Pleonasmus), machen sie mächtig Spaß. Steine, Scherben, Orks - alles kein Problem in diesen Schuhen. Das Problem ist nur, dass man sich langsam an sie gewöhnen muss - so degeneriert ist unser gesamter Fußapparat mittlerweile schon.

Natürlich habe ich es genau falsch gemacht und mich nicht vorsichtig gesteigert, wie in allen Anleitungen immer wieder angemahnt, sondern bin in die Dinger rein und gleich um die Alster gejoggt. Mit dem Resultat, dass ich die darauffolgenden drei Tage einen Rollstuhl gebraucht hätte - niemals zuvor hatte ich solchen Muskelkater in den Waden. Als es wieder ging, versuchte ich, meinen Laufstil anzupassen. In den Zehenschuhen können Sie nicht einfach joggen wie in normalen Laufschuhen, bei denen man in der Regel zuerst mit der Ferse aufkommt und dann den Fuß abrollt. Der Laufschuh ist ja voller Schaumgummi und dämpft alles ab.

In den ungedämpften Zehenschuhen muss der Fuß das Abdämpfen wieder übernehmen. Sie zwingen einen zum Vorderfußlauf, von dem Wissenschaftler überzeugt sind , dass mit ihm schon der Urmensch die Gazelle gejagt hat und heutzutage der Sprinter die Medaille. Wenn Sie mal ein paar Tage mit Zehenschuhen unterwegs waren, merken Sie, dass wir unsere Füße, diese Meisterwerke der Mechanik, zu reinen Elefantenstumpfen degradiert haben. Unsere Vorfahren haben sich damit mal im Fell ihrer Mutter oder in Baumkronen festgekrallt!

Nach einiger Zeit aber kehren die Muskeln zurück, und ich kann Ihnen sagen: Diese neue Dynamik und Kraft in den Füßen ist ein so herrliches Gefühl, dass ich mich mittlerweile oft dabei ertappe, in normalen Schuhen immer wieder heimlich meine Füße zu krümmen und es gar nicht mehr abwarten zu können, zu Hause barfuß zu laufen. Oder eine Runde mit Zehenschuhen im Park zu drehen. Oder damit nach Mordor zu joggen und Sauron gehörig in den Hintern zu treten!

BARFUßLAUFEN - FRAGEN AN DEN EXPERTEN
Foto: Jeff Brass/ Getty Images

Sind Zehenschuhe für jeden geeignet?Was sollte man beim Barfußlaufen beachten?Wie groß ist bei beiden das Verletzungsrisiko?