Mythos oder Medizin Schadet Zimt der Gesundheit?

Stollen, Glühwein, Zimtsterne: Zur Weihnachtszeit begegnet uns Zimt überall. Immer wieder gibt es Warnungen, zu große Mengen des Gewürzes seien gefährlich. Was ist dran?
Zimtstangen

Zimtstangen

Foto: imago/ SPL

Das Gift riecht nach Heu, heißt Cumarin und vermiest seit mindestens zehn Jahren vielen die Vorweihnachtszeit. Denn als natürlicher Zimt-Bestandteil steckt Cumarin in Zimtsternen, Glühwein, gebrannten Mandeln, Lebkuchen und Stollen - also in allem, was im Winter gut schmeckt und das triste Wetter ein wenig kompensiert.

Als Lebensmittelkontrolleure 2006 zimthaltiges Gebäck untersuchten, schlugen sie Alarm: Die Hersteller von Zimtsternen hielten sich nicht einmal ansatzweise an die damaligen Cumarin-Höchstwerte.

Kurz darauf warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR): Verbraucher, die viel Zimt zu sich nehmen, sind zu stark mit Cumarin belastet.

Weihnachten 2006 war für gesundheitsbewusste Menschen zumindest in Bezug auf kulinarische Höhepunkte gelaufen. Zum Teil hält die Verunsicherung bis heute an.

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Dabei ist unklar, ob das Cumarin aus dem Weihnachtsgebäck der Allgemeinbevölkerung schadet. Entdeckt wurde der Zusammenhang nämlich bei Patienten, die täglich cumarinhaltige Medikamente einnahmen, um ihre Blutgerinnung zu hemmen. Ärzte beobachteten bei sechs bis acht von hundert Patienten Anzeichen für Leberschäden. In seltenen Fällen versagte die Leber ganz.

Wie genau Cumarin das Organ schädigt, ist allerdings unklar. Eine kleine Studie mit 114 Patienten  aus dem Jahr 2003 legt nahe, dass wohl vor allem Menschen mit Vorerkrankungen der Leber empfindlich reagieren. Setzten die Patienten die Medikamente wieder ab, bildeten sich die Schäden in der Regel zurück.

Dagegen gibt es keinerlei Berichte, dass vorweihnachtliche Zimtsternorgien Leberschäden auslösen. Das allein ist natürlich kein Freifahrtschein für hemmungslosen Zimtgenuss. Erhält jemand ein cumarinhaltiges Medikament, überwacht der Arzt die Blutwerte und erkennt bedenkliche Reaktionen schnell. Bei Weihnachtsmarkt-Fans passiert dies nicht.

Das BfR geht daher mit seinen Warnungen auf Nummer sicher.

Grenzwert angehoben, Cumarin-Gehalt gesenkt

Dennoch gibt es gute Nachrichten für Zimtliebhaber. 2014 fand das Chemische Landes- und Staatliche Veterinäruntersuchungsamt unter 24 Gebäckproben  keine Überschreitungen mehr.

Das liegt zum einen daran, dass 2011 der Cumarin-Grenzwert in Gebäck angehoben wurde. In den Achtzigern hatten Experten ihn an der Nachweisgrenze, also möglichst gering, festgelegt. Damals deuteten Tierversuche darauf hin, dass Cumarin schon in winzigen Mengen krebserregend sein könnte. Das hat sich für Menschen glücklicherweise nicht bestätigt.

Ein anderer Grund für die positive Entwicklung: Nach der Diskussion 2006 haben offenbar die Lebensmittelhersteller nachgebessert. Die 2006 gemessenen Werte waren so hoch, dass sie zum Teil auch den aktuell geltenden, lockereren Grenzwert überschritten hätten. Das war 2014 nicht mehr der Fall.

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Kind, nimm nicht so viel Zimt

Nachdem das BfR Cumarin in Zimt 2012 neu bewertet  hat, dürfen Erwachsene bei Zimtsternen offiziell wieder großzügig zugreifen: 24 kleine Kekse (120 Gramm) am Tag hält das BfR bei einem 60 Kilo schweren Erwachsenen für vertretbar, zumindest, wenn er ansonsten keinen Zimt verzehrt. 2006 waren es nur acht (ungefähr 40 Gramm).

Besonders schön aus Sicht aller Naschkatzen: Diese Menge Zimtsterne kann man theoretisch das ganze Jahr über jeden Tag aufnehmen, ohne Gesundheitsschäden durch Cumarin befürchten zu müssen. Aber das ziehen wohl nicht mal die härtesten Zimtsternfans durch.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa)  kam zudem zum Schluss, dass man über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen die dreifache Menge Cumarin aufnehmen darf, ohne dass Gesundheitsschäden drohen. Wer es in der Adventszeit also übertrieben hat mit Lebkuchen, Glühwein und Zimtsternen, muss sich nicht sorgen.

Etwas vorsichtiger mit dem Cumarin sollten allerdings Eltern mit kleinen Kindern sein. Hier hält das BfR maximal sechs kleine Zimtsterne (30 Gramm) oder 100 Gramm Lebkuchen pro Tag für garantiert unbedenklich. Auch in diesem Fall gibt es aber eine leichte Regellockerung: 2006 erlaubte die Behörde nur vier kleine Zimtsterne (20 Gramm) oder 30 Gramm Lebkuchen.

Wer jeden Morgen Zimt übers Müsli streut oder regelmäßig Milchreis unter einer dicken Zucker-Zimt-Haube isst, erreicht allerdings schnell die empfohlene Höchstmenge: Nicht mehr als einen kleinen, abgestrichenen Teelöffel Zimt am Tag (2 Gramm) sollte ein 60 Kilogramm wiegender Erwachsener täglich konsumieren. Bei Kleinkindern sollte nach einem halben Gramm Schluss sein.

Bei den Angaben ist zu beachten, dass Cumarin auch in Pflegeprodukten vorkommt, und über die Haut in den Körper gelangen kann. Wer sich täglich mit cumarinhaltigen Körperlotionen oder -ölen einreibt, muss beim Würzen möglicherweise noch vorsichtiger sein.

Ceylon-Zimt enthält weniger Cumarin

Für den eigenen Haushalt gibt einen einfachen Trick. Während bei fertig gebackenen Lebensmitteln meist nicht deklariert wird, welche Zimtsorte verwendet wurde, kann man zu Hause auswählen: Cassia-Zimt enthält durchschnittlich 3000 Milligramm Cumarin pro Kilogramm, das entspricht 0,3 Prozent. Auf ihn beziehen sich auch die Richtwerte des BfR.

In Ceylon-Zimt kommt Cumarin dagegen nur in Spuren vor: Ungefähr acht Milligramm pro Kilogramm sind enthalten, das entspricht 0,0008 Prozent. Wer selbst gern mit Zimt kocht oder backt, ist damit auf der sicheren Seite. Mitunter muss man diese Zimtsorte im Handel suchen, manchmal lohnt sich der Gang ins Reformhaus.

Zimtkapseln, die angeblich die Gesundheit fördern, kann man sich übrigens sparen. Die angeblich positiven Effekte sind in aller Regel  wissenschaftlich nicht eindeutig belegt.

FAZIT: Wer in der Adventszeit etwas mehr Zimt isst, muss sich keine Sorgen machen. Langfristig sollten Zimtfans aber mit Fertiggebäck sparsam umgehen, bei dem nicht angegeben ist, welche Zimtsorte es enthält. Bei Eigenkreationen können sie auf cumarinarmen Ceylon-Zimt zurückgreifen.