Zuckerlobby und Wissenschaft Die bittere Geschichte von "Projekt 259"

Wie hängen Darmflora, Zuckerkonsum und Blutfettwerte zusammen? In den Sechzigern finanzierte die Industrie eine Studie dazu - doch dann stoppte sie den Geldfluss. Heute erheben Forscher deshalb schwere Vorwürfe.
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Es dürfte manchen Menschen schwerfallen, sich an die Empfehlungen zum Zuckerkonsum zu halten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO rät, es bei höchstens 25 Gramm freiem Zucker pro Tag zu belassen. Dieser steckt nicht nur in süßen Limonaden, Fruchtsäften, Keksen oder Süßigkeiten, sondern zum Beispiel auch in Ketchup, gesüßten Joghurts und vielen anderen Produkten.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt Ähnliches wie die WHO: Mit Zucker gesüßte Lebensmittel und Getränke seien nicht empfehlenswert. Man solle diese möglichst vermeiden und Zucker sparsam einsetzen.

Ein weitgehender Verzicht auf Gezuckertes soll in erster Linie dabei helfen, dass Menschen nicht übergewichtig werden - so die WHO.

Das ist möglicherweise nicht das einzige Problem bei einem hohen Zuckerkonsum. Doch über weitere vermutete Folgen - abseits von Karies - wird immer noch heftig gestritten.

"Scheinbar unlösbare Kontroverse"

Im Fachblatt "Plos Biology"  wirft ein Forscherteam der Industrie jetzt vor, für den immer noch anhaltenden Streit verantwortlich zu sein. Von der Lebensmittelindustrie finanzierte Studien kämen zu anderen Ergebnissen als solche, die von anderen Stellen gefördert wurden. "Die scheinbar unlösbare Kontroverse könnte auf eine mehr als 60 Jahre andauernde Manipulation der Wissenschaft durch die Lebensmittel- und Getränkeindustrie zurückzuführen sein", schreibt das Team um Stanton Glantz von der University of California in San Francisco.

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Glantz und Kollegen berichten von einem Experiment an Ratten, "Projekt 259", das an der Universität im britischen Birmingham Ende der Sechzigerjahre stattfand. Um die Vorgänge von damals nachzuvollziehen, suchten die Forscher in Bibliothekskatalogen und Archiven nach Dokumenten, in denen die industrielle Sugar Research Foundation (SRF) und ihre Folgeorganisation ISRF erwähnt werden und wertete einige Korrespondenzen mit Forschern aus. Einige Schlüsselfiguren um "Projekt 259" konnten sie nicht befragen, weil diese bereits verstorben sind.

Die SRF finanzierte demnach Experimente, in deren Rahmen Laborratten unter anderem mit sehr zuckerhaltiger oder einer vor allem auf Stärke basierenden Nahrung gefüttert wurden. Die Untersuchung sollte neue Erkenntnisse zum möglichen Zusammenhang von Darmflora, Zuckerkonsum und Blutfettwerten liefern.

Doch es deutete sich an, dass die Ergebnisse nicht im Sinne der Zuckerindustrie sein könnten. Zum einen ließen Zwischenauswertungen die Vermutung zu, dass die Darmflora dazu beiträgt, dass durch Zuckerkonsum die Blutfettwerte ansteigen. Zum anderen war bei Ratten, die viel Zucker fraßen, ein Urin-Wert erhöht, der mit Blasenkrebs in Verbindung steht.


Zucker: Der klassische Haushaltszucker, chemisch Saccharose genannt, ist ein sogenanntes Disaccharid. Je ein Molekül Fruchtzucker (Fruktose) und Traubenzucker (Glukose) verbinden sich darin zu einem Molekül Haushaltszucker.

Stärke: Viele Traubenzucker-Moleküle sind in einem Stärkemolekül verknüpft. Pflanzen nutzen Stärkevorräte als Energiespeicher, Menschen nehmen sie entsprechend zum Beispiel mit Getreide oder Kartoffeln auf.


Im September 1970 hätten die Forscher noch drei Monate benötigt, um alle Versuche abzuschließen. Nachdem der Industrieverband das Projekt 27 Monate gefördert hatte, stellte er die Finanzierung ein. Der damalige stellvertretende Leiter der Forschung bezeichnete "Projekt 259" als wertlos.

Wurde die Finanzierung beendet, weil die Ergebnisse möglicherweise unbequem gewesen wären? Glantz und sein Team können anhand der Dokumente, die sie sichteten, nur über den Grund mutmaßen.


Wer hat's bezahlt?

Die aktuelle Studie von Glantz und Kollegen wurde von mehreren Stiftungen, Universitätsprogrammen sowie dem National Cancer Institute der USA finanziert.


Die in den USA angesiedelte Sugar Association, die die Zuckerindustrie vertritt, teilte nach Erscheinen des "Plos Biology"-Fachartikels mit, laut ihrer Recherche hätte es drei Gründe gegeben, den Geldfluss zu stoppen: Die Studie hatte demnach ihr Budget überschritten, war über dem Zeitplan und diese Verspätung passierte, als sich die SRF gerade zur ISRF umstrukturierte.

Der Industrieverband beteuert, dass er im Laufe seiner Geschichte Forschung immer begrüßt habe, um so viel wie möglich über Zucker, Ernährung und Gesundheit zu lernen. In Maßen verzehrter Zucker sei Teil einer ausgewogenen Lebensweise.

Zucker in Maßen, das zur Erinnerung, entspricht laut WHO maximal 25 Gramm täglich. In Deutschland liegt der tägliche Konsum im Schnitt bei knapp hundert Gramm.