Zwillingsstudie So stark beeinflusst der Appetit das Gewicht

Was bestimmt, ob jemand übergewichtig wird oder nicht? Und wie lässt sich frühzeitig gegensteuern? Eine Zwillingsstudie zeigt: Wer als Baby viel Appetit hat, legt schon in den ersten Monaten deutlich an Gewicht zu.
Appetit und Sättigung: Wer spät merkt, dass er längst satt ist, isst natürlich mehr

Appetit und Sättigung: Wer spät merkt, dass er längst satt ist, isst natürlich mehr

Foto: Corbis

Das Erbgut entscheidet mit, ob jemand schlank, normalgewichtig oder übergewichtig ist. Doch welche genetischen Faktoren spielen dabei eine Rolle, und was bewirken sie genau? Das sei zwar kein völliges Mysterium, aber dennoch ein großes Rätsel, schreibt Daniel Belsky vom Duke University Medical Center (Durham, US-Bundesstaat North Carolina).

In "Jama Pediatrics"  fasst Belsky Ergebnisse zweier Studien zusammen, die ebenfalls in dem Fachblatt erschienen sind. In der ersten haben britische Forscher untersucht, wie der Appetit von Kindern die Gewichtszunahme in den ersten 15 Lebensmonaten beeinflusst.

Jane Wardle vom University College London und ihre Kollegen verglichen Kinder miteinander , die praktisch im selben Umfeld aufwachsen: zweieiige Zwillinge. Sie wählten Geschwisterpaare aus, die das gleiche Geschlecht hatten und bei denen sich der Appetit deutlich unterschied. Von 800 gleichgeschlechtlichen Zwillingspaaren der sogenannten Gemini-Studie passten 228 in dieses Raster.

Hungrige und satte Zwillinge

Die Mütter hatten in den ersten drei Lebensmonaten der Zwillinge, in denen diese gestillt wurden, auf einem standardisierten Fragebogen  Angaben zum Appetit ihrer Kinder gemacht. Mehrere Fragen, darunter "Mein Baby will regelmäßig mehr Milch, als ich gebe", klärten, wie stark der Appetit des Kindes ist. Weitere Fragen zeigten, wie schnell es satt ist - beispielsweise "Mein Baby ist satt, ehe es alle Milch getrunken hat, die es haben sollte".

Bei der Geburt hatten die Zwillinge, unabhängig vom späteren Appetit- und Sättigungsverhalten, keine deutlichen Gewichtsunterschiede. Doch schon im Alter von sechs Monaten wog der Zwilling, der stärkeren Appetit oder weniger Sättigung zeigte, gut 600 Gramm mehr als sein Geschwisterkind. Nach 15 Monaten lag die Differenz bei fast einem Kilogramm. In dem Alter wogen die Kleinkinder rund elf oder zwölf Kilo.

Dass sich der Babyspeck eben nicht immer rauswächst, sondern aus übergewichtigen Kindergartenkindern meist übergewichtige Teenager werden, haben Studien bereits gezeigt - erst kürzlich hatten US-Forscher entsprechende Daten veröffentlicht.

Noch etwas Nachschlag?

"Es mag erst einmal angenehm sein, wenn ein Baby ordentlich Appetit hat", sagt Jane Wardle. "Doch wenn das Kind älter wird, sollten die Eltern darauf achten, ob es zu stark auf Essen anspricht oder nicht reagiert, wenn es eigentlich satt sein müsste."

In der zweiten Studie  untersuchte ein Team um Clare Llewellyn vom University College London das Erbgut von mehr als 2200 Kindern im Alter von zehn Jahren. Die Forscher achteten dabei auf 28 Genvarianten, die laut früherer Studien das Risiko für Übergewicht erhöhen. Wie erwartet hatten die Kinder mit einer stärkeren Veranlagung zu Überwicht einen höheren Body-Mass-Index und einen größeren Taillenumfang. "Aber wir haben auch herausgefunden, dass diese Kinder häufiger ein spät anspringendes Sättigungsgefühl haben", sagt Llewellyn.

Übungen, die das Sättigungsgefühl stärken, könnten nach Ansicht der Forscher eine vielversprechende frühe Maßnahme sein, um Übergewicht zu vermeiden. Im besten Fall würde so das Übergewicht gar nicht erst entstehen. Einfach langsamer essen könnte schon helfen, so die Wissenschaftler. Ebenso könnte es sinnvoll sein, Eltern und Kinder besser daran heranzuführen, was eigentlich eine ausreichende Portion ist, und den geforderten Nachschlag auch mal nicht zu servieren. Welche Maßnahmen tatsächlich etwas nutzen, müssten nun weitere Studien klären, schreibt Belsky.

wbr
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