Mikrobiom-Studie Wirken Impfungen bei Kaiserschnitt-Babys schlechter?

Eine neue Untersuchung legt nahe, dass die Art der Geburt einen Einfluss auf die kindliche Darmflora und das Immunsystem hat. Wie ein Kind auf die Welt kommt, entscheidet den Forschenden zufolge mit darüber, wie es auf bestimmte Impfstoffe reagiert.
Geburt per Kaiserschnitt (Symbolbild)

Geburt per Kaiserschnitt (Symbolbild)

Foto: Reynardt / iStockphoto / Getty Images

Es ist eine Frage, zu der schon seit langer Zeit intensiv geforscht wird: Welchen Einfluss hat die Art der Geburt auf die spätere Gesundheit des Kindes – und welche Faktoren spielen bei dieser Frage die größte Rolle? Tatsächlich bringen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Kaiserschnitt – auch Sectio Caesarea oder kurz Sectio genannt – immer wieder in Zusammenhang mit späteren Erkrankungen wie Allergien oder Diabetes.

Nun haben niederländische Forschende in einer Studie festgestellt, dass die Art der Entbindung das Mikrobiom im Darm des Babys beeinflusst – und damit wohl auch die Art und Weise, wie die Immunreaktion auf bestimmte Impfungen ausfällt. Die Arbeit wurde im Fachjournal »Nature Communications« veröffentlicht  – insgesamt 120 gesunde Babys wurden in ihren ersten 12 beziehungsweise 18 Lebensmonaten beobachtet.

Tatsächlich hatten diejenigen Kinder, die per Sectio auf die Welt kamen, weniger Bakterien der Gattung Bifidobakterium und Escherichia coli in ihrem Mikrobiom als die vaginal entbundenen Babys. Außerdem entwickelten die Sectio-Kinder eine schwächere Immunantwort auf die Impfungen gegen Pneumokokken und Meningokokken. Anhand von Speichelproben bestimmten die Forschenden sogenannte IgG-Antikörper (Immunglobulin-G) – diese geben Hinweise darauf, wie stark die Reaktion auf die Vakzinen ausfällt.

In früheren Studien war bereits beobachtet worden , dass die Zusammensetzung der Darmbakterien zum Zeitpunkt der Impfung bedeutsam für die Immunreaktion ist. Doch welche Konsequenzen ergeben sich daraus, dass dies bereits in den ersten Lebensmonaten relevant ist und laut der neuen Studie im Zusammenhang zur Art der Entbindung steht? Immerhin kommt laut aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes fast jedes dritte Kind per Kaiserschnitt auf die Welt – eine Quote, die sich in den letzten 30 Jahren nahezu verdoppelt hat.

Gruppen lassen sich nur schwer vergleichen

»Der Einfluss auf die Entwicklung des Mikrobioms und die damit verbundene langfristige Prägung des Immunsystems  sind ein Argument gegen den Kaiserschnitt«, sagt Michael Zemlin, Direktor der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie am Universitätsklinikum des Saarlandes. Laut Zemlin könne man vermuten, dass der Geburtsmodus sich auch direkt oder indirekt auf viele andere schützende Immunantworten auswirkt. Allerdings habe die Entscheidung für eine Kaiserschnittentbindung immer Gründe – ein Faktor, der den Vergleich zwischen natürlich geborenen Kindern und Kaiserschnitt-Kindern erschwert.

In der aktuellen Studie wurden die Kinder, die mit Kaiserschnitt entbunden wurden, gegenüber vaginal geborenen Kindern etwa früher geboren, länger im Krankenhaus behandelt und deutlich kürzer gestillt. »Alles Faktoren, die sich wesentlich auf das Mikrobiom auswirken können«, sagt Zemlin. Um die Rolle der vielen Einflussfaktoren unabhängig voneinander zu klären, müsste die Studie nach Einschätzung des Homburger Kinderarztes um ein Vielfaches größer angelegt werden.

»Sollte sich diese Erkenntnis durch weitere Analysen festigen lassen, wären Mikrobiota-basierte Supplementierungsansätze gegebenenfalls aussichtsreich«, sagt Maria Vehreschild, Leiterin des Schwerpunkts Infektiologie an der Medizinischen Klinik II des Universitätsklinikums Frankfurt. So sehe sie Potenzial für die Entwicklung von Therapien, die »in der Phase der Immunreifung der Neugeborenen gegeben werden können, um später ein optimales Impfergebnis zu erzielen«. Insgesamt handele es sich laut der Professorin für Infektiologie um eine Studie mit potenziell wichtigen klinischen Auswirkungen.

Anders als in anderen Studien sei ein sehr frühes Zeitfenster noch deutlich vor der Durchführung der Impfungen als Grundlage für die Mikrobiomanalysen gewählt worden . »In diesem Zeitfenster von etwa 100 Tagen findet die Reifung des frühkindlichen Immunsystems statt«, sagt Vehreschild. Der Zeitpunkt, an dem das Mikrobiom die Reifung bestimmter Zellen des Immunsystems beeinflusst, liege also zeitlich deutlich vor der Impfung und der im Anschluss messbaren Impfantwort. »Diese Verbindung trotzdem herzustellen ist eine große Stärke der Analyse.«

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