Ergebnisse weltweiter Studien So gefährlich ist der Klimawandel für Ungeborene und Kleinkinder

Mehr Frühgeburten und ein höheres Risiko, fettleibig zu werden: Die Erderwärmung schadet schon den Kleinsten – und hat lebenslange Folgen. Das zeigen Studien aus ganz unterschiedlichen Ländern.
Foto aus dem Jahr 2019: Frauen gehen in Australien gegen die Folgen des Klimawandels für ihre Babys auf die Straße

Foto aus dem Jahr 2019: Frauen gehen in Australien gegen die Folgen des Klimawandels für ihre Babys auf die Straße

Foto: Jenny Evans / Getty Images

Egal, ob Forschungen in den USA, Dänemark, Israel oder Australien – in der Quintessenz beobachten alle den gleichen Effekt: Die Klimaerwärmung wirkt wie Gift auf Kleinkinder; und das bereits in frühester Phase.

»Von Anfang an, von der Empfängnis, der frühen Kindheit, bis ins Jugendalter, beginnen wir, bedeutende Auswirkungen von Klimagefahren auf die Gesundheit zu erkennen«, sagte Gregory Wellenius, der die Ergebnisse der unterschiedlichen Studie gemeinsam mit Amelia Wesselink in einer Sonderausgabe der Zeitschrift »Paediatric and Perinatal Epidemology« veröffentlicht hat, jetzt dem »Guardian« , der über die Untersuchungen berichtet. Wellenius und Wesselink forschen selbst an der University School of Public Health der amerikanischen Boston University.

Steigende Temperaturen – höheres Risiko für Fettleibigkeit

Die US-Forscher stellten in ihrer eigenen Untersuchung unter anderem fest, dass die steigenden Temperaturen mit einer schnelleren Gewichtszunahme bei Babys zusammenhängen, was auch das Risiko für eine spätere Fettleibigkeit erhöht. Die ansteigenden Temperaturen werden auch mit Frühgeburten in Verbindung gebracht, die lebenslange gesundheitliche Folgen haben können; ebenso mit einer höheren Hospitalisierungsrate bei Kleinkindern.

Einen Zusammenhang zwischen Hitze und schneller Gewichtszunahme im ersten Lebensjahr konnten auch Wissenschaftler der Hebräischen Universität in Jerusalem nachweisen . Sie analysierten dafür 200.000 Geburten und fanden heraus, dass die Babys, die durchschnittlich den höchsten Temperaturen ausgesetzt waren, im Schnitt ein fünf Prozent höheres Risiko haben, schneller an Gewicht zuzunehmen.

Wahrscheinlichkeit für Komplikationen nach der Geburt ist deutlich erhöht

Eine kalifornische Studie  stellte fest, dass das Risiko für den Geburtsfehler Gastroschisis  doppelt so hoch ist, wenn die Mutter im Monat vor der Empfängnis Waldbränden ausgesetzt war. Gastroschisis ist eine Entwicklungsstörung der vorderen Bauchwand, bei der die Eingeweide und manchmal auch andere Organe des Babys durch ein kleines Loch aus dem Körper ragen. In den meisten Fällen ist die Fehlbildung mit einer Operation behandelbar.

Die Wissenschaftler untersuchten hierfür zwei Millionen Geburten, davon 40 Prozent von Müttern, die in einem Umkreis von 15 Meilen (etwa 24 Kilometer) zu einem Waldbrand und mit der damit verbundenen Luftverschmutzung leben. Die Forscher stellten fest, dass das Risiko für einen Geburtsfehler bei Müttern, die im ersten Schwangerschaftsdrittel in der Nähe von Waldbränden lebten, um 28 Prozent erhöht war.

Zwar ist die Fötale Gastroschisis selten – in den USA gibt es etwa 2000 Fälle pro Jahr. Die Häufigkeit jedoch nimmt zu. »Daher ist ein gründliches Verständnis der negativen gesundheitlichen Folgen von Waldbränden von entscheidender Bedeutung«, sagt Bo Young Park, der die Studie der California State University mit herausgegeben hat, gegenüber dem »Guardian«.

Luftverschmutzung lässt Gefahr von Frühgeburten steigen

Australische Studien untersuchten auch den Zusammenhang zwischen hohen Temperaturen und Frühgeburten. In der ersten Untersuchung wurden fast eine Million schwangere Frauen im australischen New South Wales im Zeitraum von 2005 bis 2014 untersucht, von denen drei Prozent ihre Babys vor der 37. Schwangerschaftswoche bekamen.

»Wir haben bereits von Geburt an geschwächte Generationen.«

Bruce Bekkar, Mediziner

Das Forscherteam fand dabei unter anderem heraus , dass diejenigen, die sich in der Woche vor der Geburt in den heißesten Orten des Bundesstaates aufhielten, ein um 16 Prozent höheres Risiko für eine Frühgeburt aufweisen. Frühere Untersuchungen hatten einen ähnlichen Effekt in der wärmeren subtropischen Stadt Brisbane nachgewiesen, schreibt der »Guardian«.

»Das Risiko einer Frühgeburt wird wahrscheinlich mit dem erwarteten Anstieg der globalen Temperaturen und Hitzewellen zunehmen – dies ist ein potenziell ernstes Problem«, so Edward Jegasothy von der University of Sydney.

Die neuen Forschungsergebnisse untermauern eine im Jahr 2020  durchgeführte Untersuchung von 68 Studien mit 34 Millionen Geburten, die einen Zusammenhang zwischen Hitze und Luftverschmutzung und einem höheren Risiko für Frühgeburten, niedrigem Geburtsgewicht und Totgeburten hergestellt hatte. Mediziner Bruce Bekkar, einer der Autoren der Studie von damals, sagte: »Wir haben bereits von Geburt an geschwächte Generationen.«

Eine schwangere Frau – und ihr Protest

Eine schwangere Frau – und ihr Protest

Foto: Jenny Evans / Getty Images

Höhere Temperaturen auf der Erde führten auch dazu, dass mehr Kleinkinder in die Notaufnahmen von New York City eingeliefert wurden, wie eine weitere amerikanische Studie zeigt.  Die Wissenschaftler untersuchten hierfür 2,5 Millionen Einlieferungen über einen Zeitraum von acht Jahren und stellten fest, dass ein Anstieg der Höchsttemperatur um sieben Grad zu einem Anstieg der Einlieferungen bei Kindern unter fünf Jahren um 2,4 Prozent führte. Kleine Kinder verlieren verhältnismäßig mehr Flüssigkeit als Erwachsene, und ihre Fähigkeit, die Körpertemperatur zu regulieren, ist noch nicht vergleichbar ausgereift, so die Forscher.

»Die derzeitigen Normen reichen möglicherweise nicht aus«

In einer Studie aus Dänemark  wurden die Auswirkungen von Luftverschmutzung auf 10.000 Paare untersucht, die versuchen, auf natürlichem Wege ein Kind zu bekommen. Dabei wurde festgestellt, dass der Anstieg der Luftverschmutzung während eines Menstruationszyklus zu einem Rückgang der Empfängnisrate um etwa acht Prozent führt.

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Eine kürzlich in China  durchgeführte Untersuchung zeigte ähnliche Ergebnisse. Allerdings war die durchschnittliche Verschmutzung mehr als fünfmal so hoch wie in der dänischen Studie. »Die Luftverschmutzung [in Dänemark] war gering und lag fast vollständig auf einem Niveau, das von der Europäischen Union als sicher angesehen wird«, so Wesselink, die Forscherin aus Boston. »Die derzeitigen Normen reichen möglicherweise nicht aus, um vor negativen Auswirkungen auf die reproduktive Gesundheit zu schützen«.

Ihr Kollege Wellenius sagte, die Forschung mache auch deutlich, dass vor allem die von Klimafolgen betroffen seien, die gesellschaftlich ohnehin schlechter gestellt sind. Hier stelle sich auch die Frage der gesundheitlichen Chancengleichheit und Gerechtigkeit, resümierte der Forscher.

flg
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