Foto: Matthias Ferdinand Döring

Vom Umgang mit Krebs "Was und wie wir fühlen, ist erlernt"

Die Historikerin Bettina Hitzer hat das Buch "Krebs fühlen" geschrieben. Ein Gespräch über die Tabuisierung der Krankheit, Angst und Hildegard Knef.
Ein Interview von Enrico Ippolito

SPIEGEL: Frau Hitzer, Sie haben zehn Jahre an Ihrem Buchprojekt gearbeitet, in dem Sie untersuchen, wie sich der emotionale Umgang mit Krebs im Lauf der Zeit gewandelt hat. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Bettina Hitzer: Mich hat schon lange interessiert, wie Gesellschaften mit Verletzlichkeit umgehen. Irgendwann entwickelte sich die Idee, eine Geschichte der Versehrtheit im 20. Jahrhundert zu schreiben. Und dazu gehörte aus meiner Sicht auch die Krebserkrankung. Etwa zur gleichen Zeit lernte ich den emotionshistorischen Ansatz kennen. Zu fragen, wie Gefühlswelten von anderen historisch-kulturellen Gegebenheiten beeinflusst worden sind, aber auch umgekehrt zu erkennen, wie Gefühle in politische Entscheidungen, in wissenschaftliche Forschung und die Gestaltung von Räumen und Begegnungen eingegriffen haben - das eröffnete für mich eine ganz neue Perspektive auf Geschichte. Sehr schnell habe ich dann gemerkt, wie ungeheuer vielschichtig eine solche Emotionsgeschichte der Krebserkrankung ist.

SPIEGEL: Und zu welcher Erkenntnis sind Sie gelangt?

Hitzer: Eine grundlegende Erkenntnis für mich war es zu sehen, dass es einen starken Wandel im Empfinden von Gefühlen gegeben hat. Anfangs war ich eher skeptisch: Ist die Angst der Menschen um 1900 womöglich die gleiche Angst wie unsere Angst heute? Wir fürchten uns vielleicht vor anderen Dingen, keine Frage, Angst wird politisch sicher auch anders adressiert und eingesetzt, aber: Hat sich das Empfinden von Angst selbst verändert? Heute, nach Abschluss des Buches, bin ich überzeugt, dass sich auch individuell empfundene Gefühle gewandelt haben, weil sie stark von Kultur beeinflusst werden - und damit von Geschichte.

SPIEGEL: Was meinen Sie damit?

Zur Person
Foto: Max-Planck-Institut für Bildungsforschung

Bettina Hitzer ist Historikerin und wurde für ihr Werk "Krebs fühlen" für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Sachbuch/Essayistik nominiert. Sie ist Privatdozentin an der Freien Universität Berlin und war von 2014 bis Januar 2020 Leiterin der Minerva-Forschungsgruppe "Krankheit und Gefühl" am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (Berlin). Ihre Arbeiten zur Wissens- und Wissenschaftsgeschichte sowie zur Migrations- und Religionsgeschichte wurden 2016 mit dem Walter-de-Gruyter-Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet.

Hitzer: Denken Sie zum Beispiel an die Vorstellung, dass es hilft, über Gefühle zu sprechen, eine Vorstellung, an die ich auch selbst ein Stück weit glaube. Ich habe jedoch feststellen müssen, dass es eben doch ganz andere Auffassungen darüber gab, dass Menschen anders damit umgegangen sind und tatsächlich auch anders empfunden haben.

SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel nennen?

Hitzer: Ich denke an einen Fall, den ich in den Akten des Heidelberger Universitätsarchivs gefunden habe. Da ging es um einen Major a.D., der an Krebs erkrankt war und von seinen Ärzten nach Heidelberg in die Klinik geschickt worden war. Es wurde festgestellt, man kann nichts mehr machen. Die Ärzte sagten ihm nicht, was los war, seine Frau wurde allerdings informiert. Sie bekam von den Ärzten genaue Anweisungen, was sie tun sollte, wie sie die Schmerzmittel verabreichen sollte. Später beschrieb sie in einem Brief, wie schwer diese Schonung ihres Mannes, das Nichtsprechen, für sie war. Andererseits war sie aber auch überzeugt, dass dies ihrem Mann erlaubte, eine würdevolle Haltung zu bewahren und er dies auch selbst wünschte. Aus heutiger Sicht würde man vielleicht denken, wie schrecklich, man redet nicht miteinander, man begegnet sich in einer so existenziellen Frage nicht offen, selbst als Paar nicht. Sie hatte aber eine andere Vorstellung von dem, was eine innere Begegnung ausmacht – und nach allem, was die Dokumente verraten, scheint ihr Mann diese Auffassung geteilt zu haben. Weder sie noch er scheinen das als eine Form der emotionalen Isolation empfunden zu haben.

SPIEGEL: Wie würden Sie Gefühle definieren?

Hitzer: Es gibt keine universal gültige Definition des Gefühls. Was universal ist, ist die Fähigkeit des Menschen zu fühlen, auch unterschiedlich zu fühlen. Aber wie diese unterschiedlichen Arten des Fühlens dann zu benennbaren Gefühlen werden, ist das Ergebnis eines Lernprozesses.

Fotostrecke

Wenn Schweigen nicht mehr geht

Foto: Matthias Ferdinand Döring

SPIEGEL: Wenn man über Krebs spricht, kommt man nicht darum herum, über Angst zu sprechen. Angst ist ohnehin eines der zentralen Gefühle, eine Konstante, die sich durch die Geschichte des 20. Jahrhunderts zieht. Aber diese Angst ist eben nicht immer gleich. Worin unterscheidet sie sich in den verschiedenen Dekaden?

Hitzer: Um 1900 gab es die Vorstellung, dass Angst sehr starke physiologische Effekte hat - wie Schweißausbrüche, Erröten, beschleunigter Herzschlag. Diese Art von Angst sollte unmittelbare Auswirkungen auf den Körper haben und musste deshalb auch medizinisch berücksichtigt werden, etwa bei der Gabe von Narkosemitteln. Zu dieser Zeit wurden die psychologischen Effekte von Angst jedoch als vergleichsweise unproblematisch angesehen, weil man überzeugt war, man könne durch Erziehung bereits in der Kindheit erfolgreich lernen, mit Angst umzugehen. Das war ein wichtiges Ziel bei der Erziehung und Charakterbildung von Kindern.

SPIEGEL: Wie wurde das erlernt?

Hitzer: Indem man Kinder in Situationen der Angst brachte, sie zum Beispiel im Keller allein ließ und dann schaute, wie sie damit umgingen. Dadurch sollten sie lernen, sich in so einer Situation zu bewähren.

SPIEGEL: Wann änderte sich diese Sicht auf Angst?

Hitzer: Eigentlich schon mit dem Ersten Weltkrieg, Stichwort Shell-Shock.

SPIEGEL: Sie meinen damit die Soldaten, die unter einem Kriegstrauma litten und "Kriegszitterer" genannt wurden.

Hitzer: Ja, genau. Dahinter steckte die Entdeckung, dass Angst auch bei mutigen und "wohlerzogenen" Menschen zu langfristigen Störungen führen konnte. Damit begann ein Nachdenken darüber, ob Angst nicht besser vermieden werden sollte. In den Zwanzigerjahren begannen Psychologen, Psychoanalytiker und einige Ärzte dann wissenschaftlich zu erforschen, inwiefern Angst auch körperliche Krankheiten, nicht nur psychische Störungen, auslösen könne. Aber man war eigentlich der Meinung, dass das überwiegend funktionelle Störungen waren, die jedoch chronisch werden und dann – sekundär – auch Spuren am Körper hinterlassen konnten. Und das blieb bis in die Fünfzigerjahre erst einmal so.

SPIEGEL: Zwischen dem Ersten Weltkrieg und den Fünfzigerjahren lagen der Zweite Weltkrieg und das NS-Regime in Deutschland. Was änderte sich dadurch in der Bewertung von Angst?

Hitzer: Es wurden nicht mehr ganz schlicht Angst und Mut gegenübergestellt. Feigheit war nicht mehr gleichbedeutend mit dem Versagen des Mutes vor der Angst. Angst wurde durchaus als sinnvolles Gefühl anerkannt. Angst von vorneherein zu unterdrücken, sich seiner Angst nicht zu stellen, vor ihr wegzulaufen, wurde nun als die eigentliche Feigheit gedeutet. Damit wurde das Pathos der Bewährung stärker betont, also sich als Deutscher bewähren zu müssen. Angst auszuhalten, wurde so zu einem wichtigen Moment der Prüfung. Niemand sollte vor Angst bewahrt werden, und in der Angst erwies sich die "Moral". Das hatte auch Auswirkungen auf den Umgang mit Krebsdiagnosen. Sie sollten mitgeteilt werden, weil Menschen das mutig aushalten sollten, aber auch, weil kein Grund mehr gesehen wurde, Krebskranken besondere Schonung entgegenzubringen.

SPIEGEL: Das ist ein ganz wichtiger Punkt in Ihrem Buch, die Frage, ob Ärzte die Krebsdiagnose den Patienten mitteilen sollen oder nicht. Eine Diskussion, die bis in die Neunzigerjahre hineinragte.

Hitzer: Ja, wenn ich aber sage, in der NS-Zeit war man der Auffassung, dass es gesagt werden musste, dann traf das nicht für die Mehrheit der Mediziner zu. Es war eine Diskussion zwischen einigen wenigen Ärzten, Seelsorgern, NS-Theoretikern und Juristen. Dass es einen ärztlichen und gesellschaftlichen Konsens darüber gab, den Patienten ihre Krebserkrankung mitzuteilen, ist dann tatsächlich erst eine Entwicklung der Siebziger- und Achtzigerjahre.

SPIEGEL: 1975 veröffentlichte Hildegard Knef "Das Urteil". Sie machte in dem Buch ihre Krebserkrankung öffentlich und beschrieb den Kampf gegen die Krankheit. War das ein Bruch in Deutschland?

Hitzer: Hildegard Knef hat sicherlich zur Popularisierung beigetragen, aber der Bruch kündigte sich schon deutlich vorher an. In den Sechzigerjahren gibt es schon intensive Diskussionen darüber. Soziologische Untersuchungen aus den USA zeigten zum Beispiel, dass Pflegekräfte die krebskranken Patienten plötzlich mieden, weil es einfach schwer für sie war, den Patienten nicht die Wahrheit zu sagen. Letztlich war es ein Bruch mit einer sehr weit verbreiteten Praxis, aber nicht ein Bruch, der sich innerhalb von zwei Jahren vollzog.

Anzeige
Hitzer, Bettina

Krebs fühlen: Eine Emotionsgeschichte des 20. Jahrhunderts

Verlag: Klett-Cotta
Seitenzahl: 540
Für 28,00 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

SPIEGEL: Und noch ein Buch sorgte in den Siebzigern für Furore. Der Essay von Susan Sontag "Krankheit als Metapher". Wie zentral hat die Philosophin und Autorin den Blick auf die Krankheit geprägt?

Hitzer: Sehr. Sie hat vor allem ein Bewusstsein dafür geschaffen, wie Vorstellungen und Konzepte von Krankheit in Medizin und Gesellschaft den Umgang mit kranken Menschen beeinflussen und auch deren eigenes Erleben bestimmen. Tuberkulose und Krebs waren ihre Beispiele dafür. Sontag sprach über psychosomatische Krankheitstheorien, die gleichzeitig immer in Metaphern formuliert wurden. Sie lehnte diese Metaphern kategorisch ab, weil sie den erkrankten Menschen Schuld zuwiesen.

SPIEGEL: Diese Schuldfrage, also die Frage, wer die Krebserkrankung zu verantworten hat, wie lässt sie sich zeitlich verorten?

Hitzer: Es gab bereits im 19. Jahrhundert Beobachtungen, dass Kinder, deren Arbeit es war, Schornsteine zu putzen, stärker gefährdet für bestimmte Krebserkrankungen waren. Und in den Zwanzigerjahren hatte man schon Studien über die Wirkung von Tabak und Rauchen durchgeführt, unter anderem auch im Hinblick auf Krebs. Die Diskussionen über den Einfluss von – wir würden heute sagen – Lebensstilfaktoren waren besonders ausgeprägt in Deutschland aufgrund der Lebensreformbewegung.

SPIEGEL: Die Lebensreformbewegung strebte einen gewissen Naturzustand an und war mit einer Kritik der Industrialisierung verbunden.

Hitzer: Genau, so gab es Vorstellungen, dass zum Beispiel gegen den Krebs helfen könnte, Gymnastik zu treiben, an die frische Luft zu gehen, die Ernährung umzustellen und vor allem auf industriell verarbeitete Nahrung zu verzichten. Gleichzeitig gab es auch in den Zwanzigerjahren schon Vorstellungen von Menschenökonomie, also Berechnungen, welchen Geldwert und damit gesellschaftlichen Wert ein Leben hat. Man konnte auf Plakaten von Gesundheitsausstellungen, von Krebsfrüherkennungsausstellungen Berechnungen finden wie: Eine Krebstherapie kostet so und so viel, und man könnte dafür so viele Wohnungen bauen. Darin steckte natürlich schon eine erste Schuldzuweisung.

SPIEGEL: Diese ökonomische Komponente bei der Krebserkrankung scheint auch in den Fünfzigerjahren stark ausgeprägt zu sein. Sie schreiben, die Dekade stünde im Zeichen der Rehabilitierung der Krebskranken, aber vor allem, um Arbeitskraft wiederherzustellen.

Hitzer: Das Ökonomische lässt sich auf zwei Punkte zuspitzen. Einmal die Frage: Was geht an Arbeitskraft verloren durch so eine Krankheit? Betrifft das Menschen, die entweder als Arbeitskräfte oder als Eltern noch wichtig sind? Das war und wurde zum Teil auch als strategisches Argument benutzt, um Gelder zu mobilisieren. Das Zweite: Wie teuer ist die Therapie? Wie viel Geld wollen wir aufwenden, um Menschen zu pflegen, die möglicherweise nicht gesund werden? Beides sind Aspekte, die bereits im späten 19. Jahrhundert diskutiert wurden.

SPIEGEL: Und was war das Ergebnis dieser Diskussion?

Hitzer: Ein Ergebnis, das ein für alle Mal feststand, gab es nicht. Das wurde immer wieder neu verhandelt. Vinzenz Czerny, der Anfang des 20. Jahrhunderts in Heidelberg ein Krebsforschungsinstitut mit einer eigenen klinischen Station aufbauen wollte, hatte große Mühe, Gelder dafür zu bekommen. Er klagte, dass es ein Leichtes wäre, 30 Krebsforschungsinstitute einzurichten, wenn man stattdessen auf ein einziges neues Kriegsschiff verzichten würde. Darum argumentierte er, ebenso wie Ferdinand Blumenthal, der etwas später die Leitung eines ähnlichen Instituts in Berlin übernahm, immer wieder gegen die Vorstellung an, dass überwiegend alte Menschen Krebs bekämen. Beide betonten, dass auch viele Menschen, die noch im Arbeitsleben stünden oder kleinere Kinder zu versorgen hätten, an Krebs erkranken würden. Ihr Ziel war es, Geld zu erhalten, aber gleichzeitig bedienten sie damit die Rhetorik des Ökonomischen. Trotzdem hatten beide Institute in den Zwanzigerjahren mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen.

"Alles stand plötzlich im Verdacht, Krebs mitverursachen zu können."

SPIEGEL: Ab einem gewissen Zeitpunkt rückte die psychosomatische Komponente von Krebserkrankungen dann in den Mittelpunkt.

Hitzer: Diese Entwicklung setzte in der Bundesrepublik in den Sechzigerjahren ein. Die Schuldzuweisung galt in erster Linie nicht dem Krebskranken oder der Krebskranken selbst, sondern meistens den Eltern und vor allem der Mutter.

SPIEGEL: Das müssen Sie erklären.

Hitzer: Es gab in diesem Zusammenhang weit ausgreifende Diskussionen darüber, welche psychischen Schäden Mütter verursachen könnten. Gerade nach dem Krieg war das ein großes Thema. Bindungspsychologie, die durch Krieg oder Flucht fehlende Mutter, aber auch die Mutter, die das Kind zu stark an sich bindet oder sich zu wenig kümmert – alles stand plötzlich im Verdacht, Krebs mitverursachen zu können. Aber es gab auch den Vorwurf an die Krebskranken selbst, dass sie falsch mit ihren Gefühlen umgegangen seien, Gefühle verdrängt und sich um eine rein äußerliche Fassade der Freundlichkeit bemüht hätten. Das ging zunächst überwiegend auf Persönlichkeitsstudien an Frauen mit Brust- oder Gebärmutterhalskrebs zurück. Dahinter stand die Idee, dass in der Kindheit bestimmte Persönlichkeitszüge angelegt werden, die vorherbestimmen oder prägen, wie wir mit Konflikten umgehen und welchen Lebensstil wir wählen. Vereinfacht wurde daraus schließlich die Vorstellung, dass es so etwas wie eine "Krebspersönlichkeit" gibt.

SPIEGEL: Inzwischen gilt diese Auffassung als widerlegt. In den Fünfzigerjahren kam dann eine Art von Hoffnung in das Gefühlserleben, aber die Angst bleibt unterschwellig da.

Hitzer: Mein Eindruck ist sogar, dass das Schweigen sich in den Fünfzigerjahren zunächst verdichtete, da Angst mit Panik und Irrationalität gleichgesetzt wurde. Insofern wurde zwar über Angst und dementsprechend über eine Krankheit wie Krebs nicht viel gesprochen, aber die Angst war im Hintergrund immer präsent.

SPIEGEL: Wann kommt die Trauer zur Angst in die Gefühlswelt hinzu?

Hitzer: Trauer als ein Gefühl des Abschiednehmens, das ich schon vor dem Tod eines geliebten Menschen oder vor meinem eigenen Tod empfinde, wurde erst in dem Moment wirklich thematisierbar, als man anfing, über die Diagnose zu sprechen.

SPIEGEL: Erst in den Neunzigerjahren standen dann positive Gefühle im Zentrum - also Hoffnung, Optimismus, Vertrauen.

Hitzer: Was sich in den Neunzigerjahren noch einmal änderte, war die Idee, wir sollten positive Gefühle bewusst mobilisieren, um unserem Körper zu helfen und um unser Wohlbefinden zu verbessern, Ideen aus der positiven Psychologie also. Die Vorstellung, belastende Gefühle sollten ausgesprochen werden, man sollte im Gespräch intensiv an ihnen arbeiten, trat nun zurück. Illusionen über sich und seine Heilungschancen zu haben, was vorher mit Verdrängung gleichgesetzt wurde, galt jetzt nicht mehr per se als negativ. Es kam darauf an, wie stark die Illusionen von der tatsächlichen Situation abwichen, ob sie als Verdrängung bewertet oder eher ihre positiven Effekte gesehen wurden.

SPIEGEL: Kommt dadurch nicht wieder eine Art von Schuldzuweisung ins Spiel? Also, wenn der Patient es nicht schafft, positive Gefühle zu evozieren?

Hitzer: Die Gefahr ist in jedem Fall da. Die amerikanische Intellektuelle Barbara Ehrenreich, wie Susan Sontag eine ehemalige Brustkrebspatientin, hat darüber ein ausgesprochen nachdenkenswertes Buch mit dem bezeichnenden Titel "Smile or Die" geschrieben.

SPIEGEL: Wo stehen wir gerade im 21. Jahrhundert?

Hitzer: Die Idee der Gefühlsarbeit, also dass ich an meinen eigenen Gefühlen durch das Gespräch mit anderen, womöglich mit einem Therapeuten, arbeiten kann, hat aus meiner Sicht in den letzten Jahren an Wirkung verloren. Es wird nach wie vor viel über Gefühle gesprochen, aber sie sollen für sich stehen, ihnen wird eine eigene Qualität von Wahrheit zugesprochen. Ich selbst muss also gar nicht mehr unbedingt an meinen Gefühlen arbeiten. Demgegenüber scheinen mir Überzeugungen an Bedeutung zu gewinnen, dass man Gefühle managen kann, vor allem auch die Gefühle der anderen, und dass Kommunikationstechniken hier die Methode der Wahl sind. Die Mitteilung einer Krebsdiagnose etwa, die sogenannte Breaking Bad News, wird heute im Medizinstudium vor allem unter dem Gesichtspunkt gelehrt: Wie kann ich als Arzt oder Ärztin die Gefühle meines Patienten dadurch beeinflussen, dass ich bestimmte Techniken und Bedingungen von Kommunikation beachte? Dieser Gedanke ist neu.

Mehr lesen über Verwandte Artikel