Früherkennung, OPs, Nachsorge Wieso die Coronapandemie die Krebssterblichkeit erhöhen wird

Seit Beginn der Pandemie gehen weniger Menschen zur Krebsfrüherkennung, in Kliniken werden OPs und Behandlungen verschoben, auch die Nachsorge leidet. Lesen Sie hier eine traurige Bilanz.
Medizinisches Personal im Deutschen Krebsforschungszentrum

Medizinisches Personal im Deutschen Krebsforschungszentrum

Foto: Uwe Anspach / picture alliance / dpa

Die Coronapandemie beeinträchtigt die Versorgung von Krebskranken in Deutschland – und zwar in allen Bereichen, von der Früherkennung bis zur Nachsorge.

Expertinnen wie Susanne Weg-Remers vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) warnen deshalb: »Da werden wir in ein, zwei Jahren noch eine schwierige Situation erleben.«

Sie ist sich sicher, dass in den kommenden Jahren mehr fortgeschrittene Krebserkrankungen entdeckt werden.

»Aus Angst vor Ansteckung nehmen etliche Menschen die Krebsfrüherkennung nicht wahr«

Im Gespräch mit dem SPIEGEL sagte zuletzt der Vorstandsvorsitzende des DKFZ, Michael Baumann, Krebskranke stünden in der Pandemie oft hinten an. Er gehe davon aus, »dass wir die Folgen davon ab Ende 2022 oder Anfang 2023 in den Todesstatistiken sehen werden «.

Ein Teil des Problems sind Engpässe im Gesundheitssystem, ein anderes der Verzicht auf die Früherkennung aus Sorge, sich in Praxis oder Klinik mit Corona zu infizieren oder aus Rücksichtnahme. Weg-Remers sagt, sie habe Verständnis für die Zurückhaltung, wenn man nur zur Vorsorge in eine Praxis oder ein Krankenhaus gehen soll. »Aus Angst vor Ansteckung nehmen etliche Menschen die Krebsfrüherkennung nicht wahr.«

So würden Mammografie und Darmspiegelungen deutlich weniger genutzt als vor der Pandemie. »Menschen meiden nicht nur aus Angst vor Coronainfektionen die Krebsvorsorge, sondern weil sie das Gesundheitssystem nicht zusätzlich belasten wollen«, sagt Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), Thomas Seufferlein.

Weg-Remers und Seufferlein raten zur Krebsfrüherkennung, weil sie helfen kann, Tumore zu entdecken, wenn sie die Heilungschancen noch größer sind. Insbesondere bei Darm- und Gebärmutterhalskrebs lassen sich schon Vorstufen erkennen – und entfernen.

Viele Deutsche nehmen Angebote zur Früherkennung nicht wahr

Viele Deutsche nehmen ohnehin Angebote zur Früherkennung nicht wahr. Laut AOK ist ein relevanter Teil ihrer anspruchsberechtigten Versicherten über einen Zeitraum von zehn Jahren von der Krebsfrüherkennung noch nicht oder nur begrenzt erreicht worden.

Während der Pandemie kam es laut der Krankenkasse zu Einbrüchen bei der Krebsfrüherkennung, die gesundheitliche Folgen befürchten ließen. Besonders starke Rückgänge um fast 20 Prozent waren 2020 bei der Früherkennung von Hautkrebs zu verzeichnen, bei Anfang 2021 weiter rückläufigem Trend. Rückgänge der Teilnahmequoten im Vergleich zu 2019 von je 8,1 Prozent wurden beim Mammografie-Screening und bei der Prostatakrebs-Früherkennung festgestellt. Bei der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs waren es minus 5,5 Prozent.

Bei einer von der AOK in Auftrag gegebenen Forsa-Befragung gab im Mai 2021 jeder Fünfte an, dass er wegen Corona nicht zu einem oder zu mehreren Krebsvorsorgeuntersuchungen gehen konnte oder wollte.

Die Schätzung: 71.000 verspätete oder ausgebliebene Diagnosen

Die Barmer schätzt, dass 71.000 Menschen in Deutschland keine oder eine verspätete Krebsdiagnose erhielten, darunter 11.000 Brustkrebspatientinnen und 9000 Menschen mit Melanomen (schwarzem Hautkrebs). »Wir gehen davon aus, dass die Krebssterblichkeit dadurch deutlich steigt«, sagt Ursula Marschall, leitende Medizinerin der Barmer.

Der langjährige Onkologe Andreas Schalhorn appelliert an jeden und jede mit dem kleinsten Verdacht auf einen Tumor, diese Frage trotz Corona zu klären: »Die Abklärung sollte unter keinen Umständen aufgeschoben werden.« Der Mediziner aus München rät zu einer vollständigen Corona-Immunisierung, um ein mögliches Risiko einer Ansteckung bei den Untersuchungen zu minimieren.

Die Barmer berichtet zudem, dass die Zahl der Krebsoperationen 2020 um 26,3 Prozent zurückging. Strahlentherapien verzeichneten ein Minus von 28 Prozent. Auch 2021 sei der Stand vor Corona nicht wieder erreicht worden, so Marschall. Auf Basis der AOK-Abrechnungsdaten im Pandemiezeitraum von März 2020 bis Juli 2021 zeigte sich ein Rückgang der Zahl der Darmkrebsoperationen um 13 Prozent, bei den Brustkrebsoperationen um vier Prozent im Vergleich zu 2019.

Auch bei der Krebsnachsorge laufe es nicht rund, sagt Seufferlein, ärztlicher Direktor Innere Medizin der Uniklinik Ulm. »In den Gipfeln der Pandemie ist auch die Zahl der Nachsorge-Patienten um 30 Prozent gesunken.« Das sei bedauerlich, sei doch Nachsorge – also eine fortlaufend medizinische und psychosoziale Unterstützung – in den ersten fünf Jahren nach Entfernen eines Tumors sehr wichtig, danach nehme das Risiko eines Rückfalls deutlich ab. Laut Weg-Remers wurden bei den Krebszentren der Unikliniken in Deutschland im Dezember 2021 ein Viertel weniger Krebsnachsorge-Termine ausgemacht als vor der Pandemie.

wbr/dpa