»Der Hochsommer des Lebens«: Expertinnen setzen sich für eine Entstigmatisierung der Menopause ein (Symbolbild)
»Der Hochsommer des Lebens«: Expertinnen setzen sich für eine Entstigmatisierung der Menopause ein (Symbolbild)
Foto: BONNINSTUDIO / Stocksy United

Expertinnen fordern Umdenken »Es ist an der Zeit, dass wir über die Wechseljahre und ihre Vorteile sprechen«

Menopause gleich Hitzewallungen und Nachlassen der sexuellen Lust? Nicht unbedingt. Expertinnen plädieren dafür, die Wechseljahre als neue Chance zu sehen – und Frauen mit Beschwerden besser zu helfen.

Ex-First-Lady Michelle Obama, 58, thematisierte in einem Podcast die Hitzewallungen, die sie während der Menopause ereilen. Die US-Schauspielerin Salma Hayek, 55, behauptete gar, die Wechseljahre seien verantwortlich für ihre größer werdenden Brüste. Die beiden prominenten Frauen gehen offen mit der Hormonumstellung um, die die Hälfte der Menschheit zu einem Zeitpunkt ihres Lebens ereilt. Doch üblich ist es immer noch nicht, das Wort Menopause öffentlich zu erwähnen. Eher wird von Frauen in ihren Vierzigern und Fünfzigern erwartet, dass sie diese Phase mit all ihren Nebenwirkungen still und ohne zu murren ertragen.

Die negative Einstellung zu den Wechseljahren wird allein schon an Bezeichnungen wie »Herbst des Lebens« oder »Abschied von der Fruchtbarkeit« deutlich. Und ja, sehr viele Frauen haben Beschwerden und Einschränkungen, weshalb sie wenig Positives an der Menopause finden.

Dennoch fordern Expertinnen und Experten verstärkt, den negativen Blick auf die Wechseljahre zu ändern. »Zeit für Veränderung: Wir brauchen eine neue Einstellung zur Menopause«, hieß etwa im Juni der Titel eines Leitartikels im Fachmagazin »The Lancet« . Die Menopause werde zu Unrecht stigmatisiert, heißt es darin. Man brauche dringend »einen ganzheitlichen und individuellen« Blick auf diese Lebensphase. »Die Wechseljahre sind in zu vielen Gesellschaften lange negativ belegt gewesen – oder totgeschwiegen worden.«

Die Menopause hat auch Vorteile

Ja, viele Frauen hätten Probleme in dieser Phase, manche litten unter Hitzewallungen und Nachtschweiß, Niedergeschlagenheit und kognitiven Einschränkungen, dem Nachlassen sexueller Lust oder Schlafstörungen. Eine Studie aus Norwegen  hat kürzlich herausgefunden, dass Frauen nach der Menopause häufiger schnarchen und an Schlafapnoe leiden.

Aber viele Frauen hätten diese Probleme eben auch nicht – nur erlaube es der Diskurs kaum, die positiven Seiten wahrzunehmen, heißt es in dem Artikel. Vorteile können zum Beispiel sein, dass die lästige Regelblutung ausbleibt und dass man nicht mehr verhüten muss. Die Wechseljahre könnten auch einen Neubeginn markieren: »Die Menopause kann eine Zeit sein, sein Leben, seine Beziehungen und seine künftigen Ziele neu zu erfinden.«

Die Menopause ausschließlich »als behandlungsbedürftiges Hormondefizit« zu sehen, sei falsch, schreiben die Medizinerinnen um Martha Hickey von der University of Melbourne und dem Royal Women’s Hospital Victoria (Australien). Das schüre negative Erwartungen und sei damit potenziell schädlich – denn Frauen mit negativen Erwartungen entwickelten häufiger Symptome, heißt es im Artikel »Die Menopause normalisieren«  im Fachmagazin »British Medical Journal« (BMJ). »Die Menopause ist für die Hälfte der Menschheit ein natürliches Ereignis.«

Hickey und ihre Kolleginnen fordern »ein realistischeres und ausgewogeneres Narrativ« für das weibliche Altern. Sie schlagen vor, Frauen besser aufzuklären und das Positive zu betonen: »Das Altern von Frauen als normal anzusehen, Stärke, Schönheit und Errungenschaften älterer Frauen zu feiern, kann das Narrativ ändern und positive Rollenmodelle anbieten.«

Manche Beschwerden kann man nicht schönreden

»Die zweite Lebenshälfte ist nicht der ›Herbst des Lebens‹«, sagt auch die Wiesbadener Frauenärztin Sheila de Liz, die mit »Woman on Fire« einen Bestseller über die Wechseljahre geschrieben hat, in einem Trailer zu ihrem Buch. »Es ist mehr der Hochsommer.« Auch de Liz findet, dass das Bild dieser Lebensphase sich ändern muss: »Es ist an der Zeit, dass wir über die Wechseljahre und ihre Vorteile sprechen.«

Katrin Schaudig, Präsidentin der Deutschen Menopause Gesellschaft, findet den Ansatz gut, ist aber skeptisch, wie das praktisch aussehen soll. Etwa 30 bis 50 Prozent aller Frauen hätten in den Wechseljahren Beschwerden, die ihre Lebensqualität beeinträchtigen, sagt sie. »Es gibt Frauen, die haben richtig ätzend schlimme Probleme. Da hilft es auch nichts, wenn man die Menopause neu bewertet. Das kann man sich nicht schönreden.« Die Hamburger Gynäkologin sagt aber auch: »Dass die Wechseljahre auch Vorteile haben, ist unbestritten.« Dass das Thema so »unpopulär« sei, nur verschämt diskutiert werde, liegt ihrer Ansicht nach am Bild, das unsere Gesellschaft von alten Frauen hat: »Alt gleich arm, schrumpelig, krank und doof.«

Die Forderung nach radikaler Umdeutung findet Schaudig dennoch »etwas gestelzt«. Wichtiger sind ihr drei andere Punkte: Das Thema müsse »entideologisiert«, Frauen müssten besser aufgeklärt und Gynäkologen besser ausgebildet werden. Hormonbedingte Probleme in den Wechseljahren kämen in der überwiegend klinischen Ausbildung kaum vor. »Aber die Fachgesellschaften sind da dran«, sagt Schaudig, die auch für die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie und die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe spricht.

Nur wenige Frauen nehmen Hormonersatzpräparate

Viele Diskussionen gibt es nach wie vor um einen Behandlungsweg in den Wechseljahren: die Hormonersatztherapie. Von den einen wird sie als Lösung vieler Probleme angepriesen, von anderen wegen der potenziellen Nebenwirkungen entschieden abgelehnt. Laut Techniker Krankenkasse (TK) bekamen 2021 nur noch gut sechs Prozent der bei der TK versicherten erwerbstätigen Frauen zwischen 45 und 65 Jahren ein Hormonpräparat verordnet. Die Zahl der Verordnungen sinkt seit Jahren, wie der TK-Gesundheitsreport zeigt. Zur Jahrtausendwende hatten noch 37 Prozent Hormone gegen Wechseljahresbeschwerden eingenommen.

Ein Schritt in diese Richtung könnten Östrogentabletten sein, die vaginal eingeführt werden. Sie sind in Großbritannien inzwischen ohne Rezept erhältlich. Zoe Schaedel und Janice Ryder vom Department of Women and Children’s Health am King’s College in London bewerteten die Freigabe im Mai dieses Jahres im »Lancet« positiv . Die Tabletten sollen gegen das urogenitale Menopausensyndrom helfen, zu dem unter anderem Scheidentrockenheit gehört, ebenso wie Schwierigkeiten beim Urinhalten oder der Verlust sexueller Lust.

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) merkte dennoch an, dass das vaginale Östrogen nicht vom ganzen Körper verarbeitet werde. Eine vaginale Therapie helfe außerdem im Gegensatz zur systemischen Therapie nicht gegen andere Menopausen-Symptome wie Hitzewallungen, Nachtschweiß, gedrückte Stimmung oder Schlafprobleme, hieß es in einem Blog-Beitrag zum Thema .

Die Hamburger Gynäkologin Schaudig betont, dass jede Frau anders ist. »Jede Frau braucht eine andere Therapie«, sagt sie. Das wichtigste To-do bei der Menopause ist aus ihrer Sicht, die Behandlung zu individualisieren und die Beratung zu verbessern.

kry/Sandra Trauner, dpa
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