Abstand im Bierzelt? Unmöglich.
Abstand im Bierzelt? Unmöglich.
Foto: Nikada / Getty Images

Superspreading-Event Oktoberfest Die Wiesn, das Virenschmankerl

Nach zwei Jahren Pause findet das Oktoberfest wieder statt – ohne Coronaschutzmaßnahmen. Millionen Wiesn-Besucher nehmen das Infektionsrisiko und die Verbreitung neuer Varianten in Kauf. Kann man es ihnen verübeln?
Von Katherine Rydlink, München

Seit drei Monaten kann man beobachten, wie auf der Theresienwiese in München eine kleine Stadt entsteht: Erst kamen die Häusergerüste, dann die Zeltplanen, die vielen kleinen Buden, die Fahrgeschäfte und die Toilettenhäuschen. Jedes Mal beim Vorbeifahren sah das Gelände mehr nach Wiesn aus, und jedes Mal stellte sich die Frage: Ob sie das Oktoberfest wohl doch noch absagen?

Haben sie nicht, am Samstag ist Anstich. Das größte Volksfest der Welt – und gleichzeitig die größte Veranstaltung in Deutschland seit Beginn der Pandemie – lädt für zwei Wochen zum Feiern ein, und das auch noch völlig ohne Coronaregeln. Obwohl sämtliche Expertinnen und Experten prophezeien, dass das Oktoberfest ein Superspreading-Event werden wird.

In München fragt man sich nun: Ist allein der Gedanke, hinzugehen, naiv? Sogar verantwortungslos? Wird die ganze Stadt kontaminiert sein, die Müllabfuhr ausfallen, werden Polizei und Feuerwehr mit Corona flach liegen?

Für Bayerns CSU-Politiker lautet die Antwort klar: So ein Schmarrn, o'zapft wird! Markus Söder hat schon angekündigt, ohne Maske zur Oktoberfest-Eröffnung zu gehen. Auch sein Gesundheitsminister Klaus Holetschek will zur Wiesn, aber eher mal unter der Woche mittags, wenn’s nicht so voll ist.

Wie schon so oft in der Pandemie ist mal wieder eine persönliche Kosten-Nutzen-Rechnung (auch: »Eigenverantwortung«) gefragt. Es gilt, abzuwägen, ob die lange vermisste Wiesn es wert ist, danach für eine oder zwei Wochen krank zu sein.

Schauen wir uns mal die Fakten an:

  • Die Infektionszahlen in Deutschland steigen aktuell wieder, das RKI meldete am Freitag mehr als 38.700 Fälle. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Bayern liegt bei 275.

  • In den zwei Wochen Wiesn werden rund sechs Millionen Besucherinnen und Besucher erwartet, viele davon aus der ganzen Welt – ein günstiger Anlass für neue Varianten-Kombinationen.

  • In den vergangenen Wochen hat es mehrere Volksfeste gegeben, die die Coronazahlen deutlich in die Höhe getrieben haben.

  • Die an die Omikron-Variante angepassten Impfstoffe kommen zu spät. Es dauert etwa 14 Tage, bis der zusätzliche Immunschutz aufgebaut ist – wer sich jetzt erst impfen lässt, dem bringt das für die Wiesn nur wenig.

  • Sich mit einer FFP2-Maske schützen ist auch auf dem Oktoberfest möglich. Doch seien wir mal ehrlich: Wie praktikabel ist es, die FFP2-Maske für jeden Schluck Bier und jeden Bissen Brathendl ab- und wieder aufzuziehen? Wird es wirklich Menschen geben, die ihren »Layla«-Gesang durch einen Mundschutz dämpfen werden? Und wer hält das bei steigendem Alkoholpegel den ganzen Abend durch?

  • Auch Abstandhalten auf der Wiesn: völlig illusorisch. Das kleinste Oktoberfest-Zelt fasst rund 1000 Sitzplätze, in den großen finden bis zu 10.000 Menschen Platz. Und selbst wer nur mal über die Wiesn schlendern und sich ein Lebkuchenherz kaufen will, muss mit Menschenmassen rechnen.

Infektionsgefahr im Freien geringer? Na ja.

Infektionsgefahr im Freien geringer? Na ja.

Foto: Heinz Gebhardt / IMAGO

So ziemlich alles deutet also darauf hin, dass die Wiesn ein Schmankerl für Viren jeglicher Couleur wird: Es wird wohl die seit zwei Jahren beste Chance, sich Corona einzufangen – wer hat noch nicht, wer will noch mal?

Doch schauen wir uns auch mal diese Fakten an:

  • Für Auswärtige ist das oft nur schwer nachvollziehbar, aber: Die Wiesn ist nicht einfach irgendein Volksfest. Sie ist das Ereignis in München, ein Aushängeschild Deutschlands, das Herz der bayerischen Kultur, Offline-Partnerbörse und Geschäftsbeziehungs-Schmiede in einem.

  • Anders als noch vor einem Jahr sind rund 76 Prozent der Deutschen gegen das Coronavirus geimpft, 62 Prozent drei- oder vierfach. Die Impfungen schützen kaum vor Ansteckung, jedoch vor schweren Verläufen und zu einem gewissen Grad auch vor Long Covid.

  • Vor einem Jahr, als die Delta-Variante noch dominierte, waren mehr als doppelt so viele Betten auf den Intensivstationen mit Coronapatienten belegt wie heute.

  • Insbesondere vulnerable Gruppen sollten ihr Infektionsrisiko gering halten. Vermutlich ist der Hinweis für die Betroffenen sowieso unnötig, jedoch hat selbst der Oktoberfestchef Clemens Baumgärtner besonders gefährdeten Personen vom Wiesn-Besuch abgeraten.

Wir alle sind in den vergangenen zweieinhalb Jahren zu Virenprofis geworden. Wir wissen, wie tückisch Aerosole sind und dass Omikron viel ansteckender ist als vorherige Varianten. Wir wissen, dass nicht nur alte Menschen schwer erkranken können  und dass es Langzeitsymptome gibt, die oft gerade junge Menschen ereilen . Wir wissen, dass wir andere in Gefahr bringen können, aber auch, wie wir andere schützen können.

Wer auf die Wiesn geht, tut das im Bewusstsein, dass das Risiko, sich dort anzustecken, sehr viel höher ist als bei so ziemlich allen anderen Aktivitäten.

Wir haben mittlerweile genug Informationen über das Virus, um mündige Entscheidungen zu treffen – und mit den möglichen Konsequenzen zu leben.

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