Warten auf ein Spenderherz "Es ist ein Wettlauf mit dem Tod, und man weiß nicht, wer schneller sein wird"

Marc Bargmann bekam vor elf Jahren ein neues Herz. Von wem, weiß er bis heute nicht. Hier erzählt er, wie er die Zeit damals erlebt hat - und was er über die aktuelle Organspende-Debatte denkt.
Aufgezeichnet von Barbara Hans
Foto: Marc Bargmann

Der erste Kontakt zu Marc Bargmann ist mehr als elf Jahre her. In seiner ersten Mail im Herbst 2008 schrieb er: "Da ich im Moment auf einer Halbintensivstation liege und diese nicht verlassen darf, müssten wir uns dann quasi an meinem Krankenbett kennenlernen. Ich hoffe, das ist Ihnen nicht unangenehm. Sie können versuchen, mich mobil zu erreichen, aber mein Empfang in diesem Bunker ist manchmal ziemlich schlecht." Der Bunker war die Uniklinik Hannover; Bargmann, zweifacher Vater, damals 37 Jahre alt, wartete dort auf ein neues Herz und eine neue Lunge, und seine Chancen waren schlecht. Wir trafen uns mehrmals in der quälenden Zeit des Wartens und nach der Transplantation, der Text erschien 2009. Hier blickt Bargmann zurück:

"Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, als mir die Ärzte 2008 sagten: 'Wenn Sie leben wollen, kommen sie um eine Herz-Lungen-Transplantation nicht herum.'

Damals war ich sehr schnell dabei: 'Dann soll es so sein', dachte ich. Einige Tage zuvor hatte ich diese Welt bereits um ein Haar verlassen, mein Herz stand still, nur dank eines umsichtigen Pflegers hatte ich überlebt. Das hatte mich damals schon irgendwie erschreckt. 

Im Krankenhaus machte ich mir bewusst, was das für ein Kampf werden würde. Und ich habe mich auch gefragt, warum das überhaupt so ein Kampf sein musste. Warum waren die Wartelisten so lang? Warum konnte man das nicht verkürzen?

Die Ärzte und Pfleger klärten mich darüber auf, dass in Deutschland, im Gegensatz zum europäischen Ausland, jeder Bürger explizit einer Organspende zustimmen muss. Das heißt, er braucht einen Spenderausweis. Hat er oder sie keinen, wäre aber aufgrund seines Zustandes geeignet, seine Organe zu spenden und damit mehrere Leben zu retten, geht ein langwieriger Prozess los, oft müssen die Angehörigen entscheiden. Eine zugegebenermaßen unglückliche Konstellation.

Ich habe damals extrem viel Zuspruch bekommen, von allen Seiten, auch von Menschen, die mich quasi nicht kannten. Alle sagten mir, sie würden sofort ihre Organe spenden. Trotzdem hatten die wenigsten einen Spenderausweis. Was daran lag, dass es sie nicht überall gab, man also selbst sehr dahinter her sein musste, einen solchen Ausweis zu bekommen. Menschen, die auf ein Organ warteten, starben, weil der bürokratische Akt vielen Gesunden eine zu große Hürde war. 

"Sicher war: Jemand anderes muss sterben"

Ich war schließlich auf der Warteliste, aber die Hoffnung auf eine Organspende war gering. Meine Größe, sagten die Ärzte, sei schwierig, und meine seltene Blutgruppe auch. Ein großer Körper braucht große Organe - ich bin 1,85 Meter groß. Zudem brauchte ich eben nicht nur ein neues Herz, sondern auch eine neue Lunge. 

Dazu kam, dass in Deutschland zwar technisch sehr gut und viel transplantiert wird, aber der Bedarf an Organen nicht annähernd gedeckt werden kann. Die meisten Organe kommen aus dem Ausland, Deutschland profitiert enorm von der Zusammenarbeit mit anderen europäischen Ländern, in denen viel mehr Menschen potenzielle Organspender sind. 

Während ich in meinem keimfreien Klinikbett lag und meine Hoffnung zu überleben schwand, beschäftigte ich mich auch damit, was es eigentlich bedeutet, wenn mir jemand Organe spendet. Sicher war: Jemand anderes muss sterben. Der Gedanke, dass jemand anderes für mich sterben muss, machte mir unfassbar zu schaffen. Bis ein Arzt zu mir ans Krankenbett kam und sagte: 'Dieser Mensch, der stirbt und Ihnen die Organe spendet, die Sie zum Überleben brauchen, stirbt nicht für Sie. Dieser unglückliche Mensch muss leider so oder so sterben. Und mit dieser Geste, seine Organe zu spenden, damit einer oder mehrere andere Menschen überleben können, hat er die größte menschliche Geste gezeigt, die möglich ist.'

Tatsächlich hat mich das beruhigt. Ich konnte mich wieder voll darauf konzentrieren, meinen Weg weiterzugehen. Und dieser Weg ist wirklich der schwerste, den man gehen kann. Es ist ein Wettlauf mit dem Tod und man weiß nicht, wer am Ende schneller sein wird. Das Schlimmste ist, dass man dabei völlig hilflos ist.

"Ich werde meinem Spender im Himmel erzählen, was er möglich gemacht hat"

Fast zwölf Jahre ist das jetzt her. Schon damals wurde die Widerspruchslösung hitzig diskutiert. Heute wird im Bundestag darüber abgestimmt, und ich als Betroffener kann die Debatte darüber nicht verstehen. Niemand wird doch entmündigt, ausgeweidet, verkauft. Diese Denkweise ist hanebüchen. Ich lese das so oft auf Facebook, nach dem Motto: "Die wollen andere für sich sterben lassen, um nicht selbst in Würde sterben zu müssen." Das erschreckt mich.

Ich sehe es so: Die Widerspruchslösung befreit die Menschen, die grundsätzlich spenden wollen, von der Hürde, sich durch die Bürokratie wurschteln zu müssen. Es müssten dann eben diejenigen aktiv werden, die nicht spenden wollen. Es steht ja jedem frei, dies zu tun.

Meine Transplantation ist jetzt elf Jahre her, und mir geht es wirklich gut. Ohne meinen Spender wäre das nicht möglich. Dafür ist ihm mein ewiger Dank sicher. Und wenn wir uns irgendwann im Himmel treffen, werde ich ihn – oder sie, das erfährt man ja nicht – auf einen Drink in eine nette Himmelsbar einladen. Wir werden chillige Musik hören und ich werde ihm erzählen, was er mit seiner Spende möglich gemacht hat. Und wir werden uns gemeinsam darüber freuen, denn seine Organe sind meine Organe.

In dem Moment, als ich nach der Transplantation aufgewacht bin und in meinem Krankenbett auf meiner Luftgitarre Panteras 'Walk' gespielt habe, habe ich den Auftrag angenommen, so lange und so gut wie möglich mit seinen Organen zu leben. Ich empfinde das als Pflicht."

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