Impfstopp für AstraZeneca So arbeitet das Paul-Ehrlich-Institut

Expertinnen und Experten des Paul-Ehrlich-Instituts haben mit einem kurzen Schreiben einen kompletten Impfstopp für AstraZeneca in Deutschland erreicht. Die Macht der Behörde ist gesetzlich verankert. Doch wie arbeitet sie?
Eine Laborantin des Paul-Ehrlich-Instituts (Archivbild)

Eine Laborantin des Paul-Ehrlich-Instituts (Archivbild)

Foto: Daniel Roland / AP

Die Vakzine von AstraZeneca wird in Deutschland auf unbestimmte Zeit nicht mehr geimpft. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zog die Notbremse, nachdem bei mehr als 1,6 Millionen Impfungen bislang sieben Fälle bekannt wurden, darunter drei Todesfälle, bei denen es zu Thrombosen der Hirnvenen im zeitlichen Zusammenhang mit der AstraZeneca-Impfung kam. Das entspricht ungefähr vier Fällen pro einer Million Geimpfter.

Noch am Montag warnten Politiker wie der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach, der Impfstopp sei übertrieben. Doch Spahn sagt, sein Haus habe keine politische, sondern eine »rein fachliche« Entscheidung getroffen – er folge einer aktuellen Empfehlung  des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI).

Das Paul-Ehrlich-Institut im hessischen Langen

Das Paul-Ehrlich-Institut im hessischen Langen

Foto: Patrick Scheiber / imago images

Umdenken nach »intensiven Beratungen«

Darin schreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von »intensiven Beratungen«, die sie zum Umdenken bewegt hätten. Denn noch vergangene Woche wollte Deutschland am Impfen mit AstraZeneca festhalten.

Ein Schreiben reicht aus, um die komplette deutsche Impfkampagne ins Wanken zu bringen? Das Paul-Ehrlich-Institut, das aus dem 1896 gegründeten »Institut für Serumforschung und Serumprüfung« hervorgegangen ist, hat nicht nur eine lange Geschichte, sondern als »Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel« auch die entsprechende Autorität. Es ist nach seinem ersten Direktor benannt, dem deutschen Immunologen und Nobelpreisträger Paul Ehrlich (1854–1915).

Das Institut im hessischen Langen ist dem Gesundheitsministerium unterstellt und sorgt für die Regulierung von Vakzinen und Arzneimitteln . In dieser Funktion entscheiden die Expertinnen und Experten des Hauses über die Zulassung von Impfstoffen und biomedizinischen Arzneien. Die Genehmigung klinischer Studien über die vom Institut betreuten Arzneimittel fällt ebenso in den Aufgabenbereich.

»Ich glaube, wir haben hier eine besondere Verpflichtung«

Entsprechend wird die Impfpause für AstraZeneca von PEI-Präsident Klaus Cichutek verteidigt. »Die Bürgerinnen und Bürger wollen sich darauf verlassen, dass die Impfstoffe, die wir zulassen, sicher und wirksam sind«, sagte Cichutek den ARD-»Tagesthemen«. »Ich glaube, wir haben hier eine besondere Verpflichtung.«

Die Entscheidung, die AstraZeneca-Impfungen auszusetzen, wurde entsprechend einstimmig von den Expertinnen und Experten des Instituts getroffen. Alle waren sich einig, dass die sieben beobachteten Fälle »mit der Impfung zusammenhängen könnten«.

Im Institut gelten strenge Qualitätsstandards. Publikationen und Expertisen aus dem Haus unterliegen nach eigenen Angaben einem Vieraugenprinzip. Alles, was publiziert wird, wird noch mal von einem Mitglied des Führungsteams  abgesegnet. Gegenwärtig sitzen dort fünf Frauen und sieben Männer, darunter PEI-Präsident Cichutek. Die Forschung auf den Gebieten der Virologie, Immunologie, Allergologie und Hämatologie ist international anerkannt, unter anderem kooperiert die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit dem Paul-Ehrlich-Institut.

Macht durch Chargenfreigabe

Als selbstständige Bundesoberbehörde wird das Institut aus Steuergeldern finanziert, aber auch extern gefördert – unter anderem von der Europäischen Kommission oder der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Neben der Impfstoff-Zulassung obliegt der Behörde auch die staatliche Chargenfreigabe der Stoffe. Gerade darin liegt ein großer Teil ihrer Macht begründet. Vor der Vermarktung ist in Deutschland eine staatliche Prüfung von Impfstoffchargen per Gesetz vorgeschrieben. Auch wenn Pharmakonzerne bereits hohe Qualitätsstandards aufweisen – ihre Vakzinen müssen noch einmal durch das PEI-Labor.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels stand, das Paul-Ehrlich-Institut heiße erst seit 1972 so; tatsächlich wurde es bereits 1947 umbenannt. Auch, dass das PEI für Medizintechnik zuständig ist, ist nicht richtig. Wir haben die Passagen korrigiert.

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