Paxlovid Was für die neue Coronatablette spricht – und was ihren Einsatz erschwert

Das Medikament Paxlovid senkt deutlich die Gefahr eines schweren Covid-19-Verlaufs bei Risikogruppen. Doch das Mittel hat leider auch ein paar Nachteile.
Foto: Fabian Sommer / dpa

Eine Million Packungen des Medikaments Paxlovid hat Deutschland bestellt. Das Mittel konnte in einer Studie die Zahl schwerer Covid-19-Verläufe bei Betroffenen mit hohem Risiko deutlich senken. Vorige Woche hat die Auslieferung des von Pfizer hergestellten Medikaments begonnen. Allerdings gibt es bei der Anwendung auch Schwierigkeiten. Zum einen muss das Medikament in der Frühphase der Infektion eingenommen werden – innerhalb von fünf Tagen nach Symptombeginn –, um Wirkung zu zeigen. Zum anderen hat es Wechselwirkungen mit zahlreichen anderen Medikamenten.

Paxlovid hemmt die Virusvermehrung im Körper, es enthält zwei Wirkstoffe, Nirmatrelvir und Ritonavir. Die Arznei wird in Form von Tabletten verabreicht und kann zu Hause eingenommen werden.

In einer Studie  mit rund 2200 Infizierten reduzierte die Behandlung das Risiko eines schweren Verlaufs um 89 Prozent. Während eine Gruppe fünf Tage lang alle zwölf Stunden Paxlovid bekam, erhielt die zweite Gruppe ein Scheinmedikament. Alle Studienteilnehmenden hatten aufgrund von Vorerkrankungen oder Lebensalter ein erhöhtes Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf und waren weder geimpft noch genesen. In der Placebo-Gruppe traten rund ein Dutzend Todesfälle auf, wohingegen keiner der mit dem Medikament behandelten Probanden starb.

»Paxlovid ist nicht der Pandemieüberwinder, sondern die Impfung«

Fachleute in Deutschland äußern zwar positiv, aber nicht überschwänglich zu dem neuen Präparat.

Der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes Ulrich Weigeldt begrüßte zwar die Fortschritte bei der Entwicklung von Covid-19-Medikamenten. »Einen breiten Einsatz von Paxlovid in den Hausarztpraxen erwarten wir nach aktuellem Kenntnisstand jedoch nicht.«

»Paxlovid ist nicht der Pandemieüberwinder, sondern die Impfung«, teilte die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (Degam) mit. Sie bezeichnete das Mittel sogar als Notnagel. Denn der Einsatz erfordere äußerste Vorsicht und gute Patientenaufklärung und -überwachung. Und es komme nur für eine kleine Gruppe von Menschen in Betracht, »für die ungeimpften über 65-Jährigen, die noch nicht genesen sind«.

Auf Nachfrage des SPIEGEL stellt die Degam allerdings klar, dass es um den Immunschutz geht und nicht um den Impfstatus. Das Mittel komme deshalb auch für Menschen infrage, die trotz Impfung keinen Immunschutz aufbauen konnten. Dies kann unter anderem Menschen betreffen, die mit einem Spenderorgan leben oder aufgrund von Krebs eine immunsuppressive Therapie erhalten. Auch sei das Alter von 65 Jahren keine »scharfe Grenze«. Die Empfehlung beruhe darauf, dass das Medikament in der Studie bei Menschen ab diesem Alter deutlich wirksamer gewesen sei.

Die Paxlovid-Studie wurde vor der Entdeckung von Omikron durchgeführt. Man geht jedoch davon aus, dass das Medikament auch gegen diese und andere Varianten wirkt. »Das gilt auch für Omikron-Subtyp BA.2, der sich gegenwärtig ausbreitet«, sagt der Experte der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP), Stefan Kluge. Der Arzt vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf koordiniert die Leitlinie mit Empfehlungen zur stationären Therapie von Covid-19-Patientinnen und -Patienten.

Generell hält auch Kluge fest: »Paxlovid ist kein Allheilmittel.« Er rechne dennoch mit einer relevanten Zahl von Patienten und Patientinnen, die damit binnen fünf Tagen nach Symptombeginn behandelt werden könnten. Geeignet sei das Medikament gemäß der vorliegenden Studie allerdings nur für Patienten ohne Impfschutz mit mindestens einem Risikofaktor, wozu auch ein Alter ab 50 Jahre zähle. »Es ist anhand bisheriger Daten kein Medikament für beispielsweise schlanke, sportliche 20-Jährige oder 60-Jährige mit Booster, die ein positives Testergebnis erhalten«, sagte Kluge. Zum Einsatz bei Geimpften generell gebe es bisher keine verlässlichen Daten.

Dass die Behandlung möglichst früh begonnen werden muss, ist ein Problem, weil Zeit vergehen kann, bis jemand wegen möglicher Covid-19-Symptome zum Arzt geht, und es dann noch einmal etwas dauert, bis ein Testergebnis vorliegt. Wegen der gebotenen Eile ist laut Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände vorgesehen, dass Ärzte ausnahmsweise Rezepte direkt an Apotheken schicken, die das Medikament dann beim Großhandel bestellen und es »möglichst kontaktarm« per Boten an Patienten ausliefern. »Apotheken dürfen Paxlovid nicht bevorraten«, hieß es.

Viele Wechselwirkungen möglich

Ein weiterer Haken beim Einsatz des Medikaments sind mögliche Wechselwirkungen mit einer Reihe anderer Medikamente, etwa gegen Bluthochdruck, Krebs, Depressionen oder zur Behandlung anderer Infektionen. Paxlovid blockiert ein Leberenzym, weshalb es mit zahlreichen gängigen Medikamenten nicht kombiniert werden kann. Dies dürfte die Verschreibung gerade für besonders gefährdete Patienten erschweren. Experten wie Kluge dringen darauf, die Gefahr von Wechselwirkungen zwingend zu überprüfen. In der Packungsbeilage sind Patienten aufgerufen, ihrem Arzt oder Apotheker eine Liste ihrer Arzneimittel zu zeigen. Auch Johanniskraut steht auf der Liste der Arzneien, bei denen Wechselwirkungen möglich sind, Patienten und Patientinnen sollten entsprechend auch erzählen, welche pflanzlichen Mittel sie eventuell einnehmen. Je nach Fall kann zum Beispiel kurzfristig auf ein anderes Medikament ausgewichen oder die Dosis zeitweise verringert werden. In einigen Fällen ist eine Paxlovid-Einnahme jedoch nicht möglich.

Zum Einsatz in der Schwangerschaft gibt es noch keine Daten. Frauen im gebärfähigen Alter sollten während der Behandlung und sieben Tage anschließend »eine Schwangerschaft vermeiden«, heißt es im Beipackzettel . Was dabei besonders zu beachten ist: Paxlovid kann auch die empfängnisverhütende Wirkung der Pille verringern.

Häufige Nebenwirkungen der Paxlovid-Einnahme sind Kopfschmerzen, Durchfall, Erbrechen sowie ein veränderter Geschmackssinn.

Paxlovid ist nicht das erste Mittel, das ambulante Patienten in der Frühphase der Sars-CoV-2-Infektion vor schweren Verläufen schützen soll. Bereits länger gegeben werden unter anderem sogenannte monoklonale Antikörper – in der Regel als Infusion. Neben Paxlovid werden in der jüngst aktualisierten Therapieleitlinie auch die Wirkstoffe Remdesivir und Molnupiravir genannt. Auch sie kommen jedoch nicht für alle Patientengruppen infrage. Und hier gilt ebenfalls die frühe Gabe als entscheidend für den Behandlungserfolg.

wbr/dpa
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