Alpträume Der Horror der zweiten Zahnreihe

Beim Traumdeuter gescheitert, versucht Frederik Jötten bei einer Psychologin, seine Alpträume loszuwerden. Doch die Inhalte sind einfach zu seltsam für eine Therapie.

Aufgeschreckt aus dem Schlaf: An die Handlung von Alpträumen kann man sich erinnern
Corbis

Aufgeschreckt aus dem Schlaf: An die Handlung von Alpträumen kann man sich erinnern


Dieser Alptraum kam immer wieder. Ich schlief schlecht und wollte etwas dagegen tun. Nachdem ich mit einem Traumdeuter ein absolutes Fiasko erlebt hatte, hörte ich von einer Psychotherapeutin, die seriös zu dem Thema forschte und therapierte. Ich machte einen Termin bei ihr. Direkt danach fürchtete ich mich - wer mir da wohl gegenübersitzen würde? Wer sich hauptberuflich mit Alpträumen beschäftigt, konnte doch nur eine finstere Gestalt sein, so wie dieser Traumdeuter, oder?

Nach einigen Wochen stand mir die Psychotherapeutin gegenüber. Sie war um die 30, trug einen geringelten Pulli, einen Schal mit Sternen drauf, und wenn sie lächelte, musste ich mitlächeln - sehr sympathisch, kein zusätzliches Alptraum-Potential.

Sie fragte: "Erst einmal sollten wir herausfinden, ob ihr Traum überhaupt ein Alptraum ist - hat er einen Höhepunkt?"

"Sie meinen, ob es sowas wie einen Cliffhanger gibt?"

Sie lächelte. "Na, erzählen Sie mal den Traum."

Ich erzählte: "Ich hetze zum Bahnhof, schaffe es gerade noch in den Zug. Ich bin froh, ihn noch erreicht zu haben - als mein Blick auf eine Schild fällt: Milano - und ich wollte nach Paris! Ich stürze nach draußen. Renne zu einem anderen Bahnsteig. Der Pfiff des Schaffners ertönt, ich reiße die Tür des richtigen Zugs auf. Stehe schweißgebadet und glücklich am Fenster, als er losfährt. Ich drehe mich um - und merke, dass ich mein Gepäck im ersten Zug vergessen habe. Den sehe ich behäbig aus dem Gleis in Richtung Italien rollen."

"Sind Sie aufgewacht?"

"Ja! Ich war total aufgewühlt."

"Die Definition des Alptraums ist eigentlich, dass das Leben oder das Selbstwertgefühl bedroht ist…"

"Aber Gepäck ist ja auch ziemlich wichtig…"

"Ich weiß nicht, was in Ihrem Koffer war." Sie schmunzelte. "Es ist untypisch, aber wenn Sie davon aufgewacht sind, wenn Sie Herzrasen hatten, Schweiß beim Aufwachen, dann war es ein Alptraum."

"Ja, ich hatte all diese Symptome! Noch schlimmer war es beim letzten Alptraum. Ich habe geträumt, dass der Zahnarzt noch eine zusätzliche Zahnreihe hinter meinen Zähnen entdeckt hatte - die hatte ich noch nie geputzt!"

"Davon sind Sie wirklich aufgewacht?", fragte sie. Ich nickte.

"Sie haben untypische Alpträume…", sagte sie vorsichtig.

"Naja, ich sorge mich sehr um meine Zähne - die ganze Reihe hatte ich noch nie gesehen und geputzt, die hatte ich quasi mein Leben lang den Kariesbakterien zum Fraß vorgeworfen!"

"Dann sind Sie aufgewacht, weil das so ein Schock war?"

"Ja!"

"Untypisch zwar, aber das könnte man durchaus auch behandeln." Sie war wirklich sehr einfühlsam und gab sich immer noch Mühe, mich ernst zu nehmen, obwohl ich das inzwischen selbst nicht mehr schaffte. Jetzt wollte ich zumindest noch etwas mehr über Träume erfahren.

"In letzter Zeit habe ich allerdings eher das Gegenteil von Alpträumen."

"Supertolle Träume? Verraten Sie mir einen?"

"Ich träume, dass ich Sachen, die ich schon lange verloren habe, wiederfinde…"

"Das Gepäck! Dann ist ja alles gut!"

"Nein, es war eine Sonnenbrille. Außerdem habe ich geträumt, dass ich einen Koffer Geld gefunden habe", sagte ich.

"Schön für Sie! Das muss man nicht behandeln."

"Aber das hat doch nichts mit Realität zu tun", sagte ich. "Das sind doch Träume, die einen einlullen. Man wacht auf mit dem Gefühl, reich zu sein - und dann realisiert man, dass man doch wieder arbeiten muss!"

"Ach freuen Sie sich doch darüber! Ich würde jeden schönen Traum mitnehmen." Wir einigten uns dann darauf, dass ich keine Therapie brauchte, denn während ich auf den Termin gewartet hatte, war die Anzahl der Alpträume zurückgegangen, auf etwa einen pro Monat. Als ich ging, fühlte ich mich besser als vorher.

Es war gut zu wissen, wo es Hilfe gibt, wenn Alpträume wirklich einmal überhand nehmen würden.

Veranstaltungshinweis: Frederik Jötten liest aus den Büchern "Viel Rücken. Wenig Rat." und "Vertragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker?" sowie neue Kolumnen am 6. Mai 2014 in Frankfurt, Café Jannis, Hanauer Landstr. 6, 20 Uhr, Eintritt frei.

PESTIZIDE UND KEIME - FRAGEN AN DEN EXPERTEN

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
yast2000 23.04.2014
1. Na, ich weiß ja nicht...
Sollten Alpträume nicht standesgemäß von den Alpen handeln? Also so eine Art Bergsteigerdrama mit Gipfelerklimmung, dann rutscht der Berg einfach weg und man ist wieder in der Ebene? ;-)
UlliK 23.04.2014
2. Mein Alptraum ...
... ist, irgendwann Traumdeuter ernst zu nehmen!
Wagoo 23.04.2014
3.
Das mit der zweiten Zahnreihe erinnert mich an einen Traum: Ich stand vorm Spiegel und blickte mir ins Gesicht. Dann bewegte ich meinen Kopf zur Seite und sah plötzlich im peripheren Sichtfeld, dass ich garkein Mensch bin. Denn es offenbarte sich eine optische Täuschung, welche mein Gesicht nur von vorne menschlich erscheinen ließ. In Wahrheit hatte ich einen sehr seltsamen Kopf, vergleichbar mit dem einer Gottesanbeterin, aber noch etwas spezieller. Das kann man mit Worten garnicht richtig beschreiben. Jedenfalls war der Traum derart seltsam, dass ich noch ein paar Tage daran zu kauen hatte. Aber das ist die Sorte Traum die ich liebe. Richtig schön seltsam! Ein anderes einmalig-mehrfaches Traumerlebnis war auch ganz besonders: Und zwar hatte ich ein bewusstes Traumerlebnis, wobei ich den selben Traum dreimal direkt hintereinander erlebt habe. Allerdings wusste ich ab dem zweiten Mal, dass es ein Traum ist und konnte zusammen mit Urmel aus dem Eis (samt seiner tierischen Freunde) den Ablauf ändern und so meine Familie vor den Killern retten, die jedesmal in unsere Wohnung eingebrochen sind. Solch ein bewusster Traum kam leider nie wieder vor, zumindest kann ich mich nicht erinnern. Ich denke ich würde. Alpträume, in denen man Menschen umbringt und dann im Wald versteckt, sind unfassbar schlimm. Solche hatte ich auch schon. Im Traum kommt es einem als Realität vor, man fühlt sich durch und durch ekelhaft. Man läuft an Menschen vorbei, fühlt und sieht ihre Blicke und rechnet jeden Moment damit aufzufliegen. Man hat etwas Schreckliches getan. Dann wacht man auf und muss erstmal realisieren, dass das nur ein Traum war. Das Gefühl nimmt man aber eine Zeit lang mit, derart intensiv ist das.
longshanksedward8 23.04.2014
4. Blackrobe, netter Film von 1991
Die Realität wird von unserer Wahrnehmung bestimmt. Traum wird erlebt, also scheint er eine andere Realtät zu sein. Nur in diesem anderen Universum gilt je nach Welt eine andere Logik als hier. Wenn wir hier wieder aufschlagen, erscheint uns daher das Erlebte oft als unsinnig. Dieser Wahrnehmungskonflikt ist im oben genannten Film als kuktureller Unterschied gut beschrieben, von welchen Standpunkt man die Traumwelt aus beobachten kann.
L!nk 23.04.2014
5. Albträume
Zitat von yast2000Sollten Alpträume nicht standesgemäß von den Alpen handeln? Also so eine Art Bergsteigerdrama mit Gipfelerklimmung, dann rutscht der Berg einfach weg und man ist wieder in der Ebene? ;-)
Naja, eigentlich heißt es "Albtraum", das kommt von Alben, in die man alles rein kleben und reinschreiben kann, auch mit alternativer Rechtschreibung. Insgesamt frage ich mich bei diesem Artikel, ob wohl schon wieder Sommer ist, oder warum sonst es nichts interessantes zu lesen gibt.
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