Angst nach dem Amoklauf "Eine Verletzung an der Seele"

Ein Amoklauf mitten in München: Dass viele Menschen darauf mit Angst reagieren, ist vollkommen normal. Alexander Fischhold von der Telefonseelsorge erzählt, was er Anrufern jetzt rät.

Gedenken am OEZ in München
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Gedenken am OEZ in München

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Fischhold, was beschäftigt die Menschen, die sich nach dem Amoklauf an die Münchner Telefonseelsorge wenden?

Fischhold: Viele stellen Veränderungen an sich fest. Sie können nicht mehr schlafen oder haben Albträume. Sie mögen nicht essen, trauen sich nicht aus dem Haus, haben Flashbacks, plötzliche Schweißausbrüche. Diese sogenannte akute Belastungsreaktion ist heftig. Viele Münchner sind jetzt verunsichert oder verängstigt, egal ob sie die Tat direkt erlebt haben oder nicht.

Zur Person
    Alexander Fischhold ist Diplom-Theologe und leitet die Katholische Telefonseelsorge der Erzdiözese München und Freising.

SPIEGEL ONLINE: Was sagen Sie ihnen?

Fischhold: Erst einmal: Was sie erleben, ist bis zu einem gewissen Grad normal. Ein Vergleich: Wenn jemand auf eine heiße Herdplatte fasst, entwickelt sich eine Brandblase. Auch wenn sie die Hand schnell zurückziehen, ist sie da und schmerzt. Wer Todesangst erlebt, erleidet eine Verletzung an der Seele. Und die benötigt, genau wie die Brandblase, Zeit zum Heilen.

Ob dabei tatsächlich Lebensgefahr bestand oder nicht, ist irrelevant. Bei uns hat zum Beispiel eine Frau angerufen, die die Nacht zum Samstag in der Münchner Innenstadt am Stachus verbracht hat. Lange war unklar, ob es dort nicht auch eine Bedrohung gab. Sie fragte sich deshalb, ob sie nun überhaupt so neben der Spur sein dürfte, weil sie doch nie in Gefahr gewesen sei. Doch es ist völlig normal, dass auch sie die beschriebenen Symptome erlebt.

SPIEGEL ONLINE: Was unterstützt die Heilung?

Fischhold: Leichte körperliche Bewegung - schwimmen, laufen, spazieren - hilft, ein Trauma zu überwinden. Und natürlich hilft es, darüber zu sprechen. Ich frage die Menschen auch, was sie normalerweise machen, wenn Sie Stress haben. Von Alkohol oder Schlafmitteln rate ich ab. Wer partout nicht schlafen kann, steht am besten auf und macht etwas. Ein Bad nehmen, einen Film gucken, Fotos sortieren - was auch immer.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange dauert es normalerweise, bis die Angst und die Unruhe verschwinden?

Fischhold: Den meisten geht es schon nach einigen Tagen wieder besser, was nicht bedeutet, dass sie die Ereignisse vergessen. Wer länger als drei oder vier Wochen leidet, sollte eine Trauma-Ambulanz aufsuchen und sich professionelle Hilfe zur Heilung holen.

SPIEGEL ONLINE: Manche überstehen ein traumatisches Ereignis sehr gut, andere nicht. Psychologen sprechen von Resilienz, der Fähigkeit, Krisen gut zu verarbeiten. Wieso haben einige davon mehr und andere weniger?

Fischhold: Das hängt sicher damit zusammen, wie man insgesamt im Leben da steht. Wie stützend das Umfeld ist. Ob man schon andere Krisen erlebt und gemeistert hat. Für manche war zum Beispiel klar, dass sie gleich am Montag wieder arbeiten gehen, während andere das nicht getan haben. Wichtig ist: Es gibt da kein richtig oder falsch, kein stark oder schwach, sondern nur ein unterschiedlich.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es keinen Schnellkurs für Resilienz?

Fischhold: Um es wieder mit einem körperlichen Phänomen zu vergleichen: Eine Verletzung, die einen Untrainierten vielleicht zwei Monate an Krücken fesselt, hält einen Profifußballer nur zwei, drei Wochen vom Training ab. Profifußballer werden Sie auch nicht über Nacht.

SPIEGEL ONLINE: Reagieren die Menschen auch mit anderen Emotionen auf den Amoklauf?

Fischhold: Manche Anrufer sehen Ihre Vorurteile bestätigt, bringen rechtsradikale Parolen. Ich hoffe sehr, dass es uns gelingt, ein vertrauensvolles Verhältnis zu bewahren und nicht in Fremdenfeindlichkeit abzurutschen. Man muss sich klarmachen: Die allermeisten Flüchtlinge wollten Terror und Gewalt entkommen. Da sitzen wir im selben Boot.



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mareikeJosi 26.07.2016
1. Mediale Panikmache
und Massenhysterie. So schade es um jedes Opfer ist und so tragisch für die Angehörigen - es ist nun einmal wahrscheinlicher, durch Feinstaub, Rauchen, Burgeressen, Verkehrsunfälle oder Blitzeinschläge zu Tode zu kommen, als durch amoklaufende junge Männer oder durch irgendwelche Terroristen. Viele der vollkommen unbeteiligten Menschen, die sich jetzt so aufspulen, scheinen es zu genießen, sich in Hysterie und Panik zu suhlen und wären die Opfer nicht beim Burgerbrater erschossen worden, sondern irgendwo vom Auto überfahren, würde niemand für sie eine Kerze aufstellen. Es ist auch heuchlerisch.
hansw 26.07.2016
2. Objection Your Honour
Der Interview-Partner ist Diplom-Theologe. Das reicht, um seine Aussagen einzuordnen. Der Mann hat sicher noch keine Kriegs- und Nachkriegszeit erlebt, ich schon. Damals gab es Millionen Menschen, auch Kriegsversehrte, mit Traumata. Nur wusste damals kein Mensch, was ein Traumata war. Es gab auch keine psychologischen Hilfen. Bei dem Wort Psychologe hätten die meisten Menschen nur ungläubig gestaunt. Millionen Menschen mussten sich allein auf neue Verhältnisse einstellen. Dazu gehörten insbesondere heimgekehrte Kriegsgefangene, die teilweise 10 und mehr Jahre hinter Stacheldraht verbracht hatten. Das Wort Angst wurde deshalb kaum benutzt, weil die Menschen fast ausschliesslich damit beschäftigt waren, zu überleben. Frage an den Diplom-Theologen: Haben Sie eine, nur eine, Hamsterfahrt in der Dritten Klasse der Reichsbahn erlebt? Ich schon. Das Überleben hat wohl garantiert, dass es kaum psychologische Probleme oder Traumata gab. Albträume wurden im Familienkreis offen besprochen und diskutiert und damit erledigt. Selbstmitleid war der Eingang zum Hungertod. Hat der Theologe einen Menschen verhungern sehen? Ich schon. Die Rolle der Religionen in diesen Jahren war schlimm und förderte das Denunzieren anderer Menschen. Die Verteilung der Care-Pakete war den örtlichen Pfarrern übertragen worden. Wer bekam also solche Pakete? Die Antwort kann sich jeder leicht geben. Wer immer heute von Angst oder Traumata spricht, bemitleidet sich. Zur Heilung ist nach meiner Auffassung Religion nicht geeignet. Helfen kann nur Selbsthilfe.
tornadomiterlebt 26.07.2016
3. meine gedanken zu angst ....
es ist verrueckt wenn ich mir ueberlege, ich habe den grossteil meines lebens in einem land gelebt, das von Waffengewalt gezeichnet ist. ich kann mich nicht erinnern jemals dort angst gehabt zu haben, ich bin taeglich zur arbeit gefahren, habe also mein leben so normal gelebt wie viele andere. jetzt bin ich wieder zuhause in meinem Heimatland und stelle fest, dass ich ploetzlich gewisse angstgefuehle in mir merke. es ist jetzt nicht so, dass ich gelaehmt bin in meinem lebensablauf, dass ich angst habe spazieren zu gehen oder angst vor menschen habe, aber ich bin mir doch auf irgendeine weisse bewusst, dass ich hier nun vielleicht naeher am terrorgeschehen lebe also zuvor?? wie gesagt, ich kann es sehr schlecht in worten beschreiben, aber ich verstehe nicht warum ich die letzten 36 jahre einkaufen gehen konnte, tanken gehen konnte, auf grossveranstaltungen gehen konnte , in Einkaufszentren gehen konnte ohne ein gefuehl der Unsicherheit gehabt zu haben, aber hier nach den schrecklichen Ereignissen der letzten Wochen habe ich ein leicht unsicheres gefuehl. Ist es Angst was ich fuehle oder ist es nur die momentane Unsicherheit durch den schrecken der uns widerfahren ist?? ich waere dankbar fuer ein feedback von jemandem. vielleicht hat es ja auch etwas damit zu tun, dass ich nun auch aelter geworden bin.
nordlys, 26.07.2016
4. Fremdenfeindlichkeit?
Ist es Fremdenfeindlichkeit, wenn man gegen die Zuwanderung von Menschen "ohne Obergrenze" ist? Ist es Fremdenfeindlichkeit, wenn man Armutsmigration ablehnt? Ist es Fremdenfeindlichkeit, wenn man den sozialen Frieden und die Sozialsysteme durch die unbegrenzte Aufnahme von Menschen aus Afrika, Nahost und Asien (Pakistan!) in Gefahr sieht? Ist es Fremdenfeindlichkeit, wenn man bei einer großen Zahl von Zuwanderern aus dem Nahen Osten einen drohenden Clash of Cultures befürchtet, da sich die Integrationbereitschaft und Integrationsfähigkeit von Menschen aus diesem Kulturkreis in unserem und auch in anderen Ländern vielfach bereits als mangelhaft herausgestellt hat? Ist es Fremdenfeindlichkeit, wenn man eine gesteuerte Migration fordert, die unserer Gesellschaft Vorteile bringt, z.B. nach dem kanadischen Punktemodell? Ist es Fremdenfeindlichkeit, wenn man sein Kind nicht in eine Klasse mit nahezu 50% Migrantenanteil schicken möchte, weil in diesen Klassen erkennbar das Niveau absinkt und die Lehrer überfordert sind? Usw usw
forumgehts? 26.07.2016
5. Unsere
Politiker wollen doch, dass wir Angst vor Terroristen etc haben. Sonst hätten wir nämlich eine wohl zu begründende Angst vor unseren Politikern!
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