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14. Juli 2014, 14:55 Uhr

Diagnose Bore-out

Die Mär des süßen Nichtstuns

Chronische Rückenschmerzen, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Depressionen: Langeweile im Job kann krank machen. Oft fehlt Bore-out-Betroffenen ein Ansprechpartner. Doch was hilft, wenn man unterfordert ist?

Torsten Gottschall hatte eigentlich immer gut zu tun in seinem Job. In der Behindertenarbeit einer städtischen Verwaltung in Schleswig-Holstein gab es für ihn selten Leerlauf. Bis seine Vorgesetzte ihn 2005 ins Controlling zwangsversetzte. "Die wollte mich loswerden", sagt Gottschall. Der Sozialwissenschaftler versteht nur wenig von Zahlen. "Plötzlich hatte ich keine Aufgabe mehr, es wurde immer weniger und weniger."

Die Schweizer Unternehmensberater Philippe Rothlin und Peter Werder prägten 2007 mit dem Buch "Diagnose Boreout" ein Symptom, dass als Krankheitsbild erst langsam erforscht wird. "Seitdem haben wir ein unglaubliches Feedback bekommen", sagt Rothlin. Im Gegensatz zum Burn-out beschreiben die Buchautoren Beschäftigte, die aus Langeweile ("boredom") oder Unterforderung im Job krank werden. Die Arbeitnehmer können dabei ähnliche Symptome wie beim Burn-out-Syndrom zeigen.

"Das Bewusstsein ist wichtig, dass Leute unter der Situation leiden", sagt Rothlin. Dabei gehe es keineswegs um Faulheit. Rothlin nennt das die "Mär des süßen Nichtstuns". "Es gibt Leute, die sind faul und schaden damit dem Unternehmen und den Kollegen." Wer Bore-out habe, werde aber in die Situation hineinmanövriert. "Das liegt in der Verantwortung des Vorgesetzten."

Folge von Zusammenlegungen

Bore-out entsteht durch zu wenige oder falsche Aufgaben, häufig in Verwaltungs- oder Dienstleistungsjobs, in denen Arbeiten wegrationalisiert oder durch Software erledigt werden. Nach der Zusammenlegung von Unternehmen entfallen Aufgaben, in Auftragsflauten brechen Kunden weg, anderswo werden Teams zu groß strukturiert. Nach Meinung von Rothlin trifft es vor allem Beamte, die Finanzindustrie, Bürojobs: "Maurer können nicht so tun, als ob sie arbeiten würden."

Laut dem Stressreport 2012 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (Baua) fühlen sich 13 Prozent der abhängig Beschäftigten fachlich und 5 Prozent mengenmäßig im Job unterfordert. Auch Gottschall hätte gerne mehr gemacht. "Der Stress war, dass mir nichts mehr zugemutet wurde", sagt er. Sozialwesen hatte er studiert, eine Ausbildung zum Psychotherapeuten gemacht, schließlich eine Alteneinrichtung geleitet. "Ich galt als Leistungsträger, und plötzlich war ich eine Null."

"Damit es so aussieht, als ob ich etwas tue"

Jahrelang sitzt er an seinem Schreibtisch, zählt die Minuten bis zum Feierabend und leidet. Das Surfen im Netz ist verboten, Bücher lesen zu auffällig. Jede einfache Schreibarbeit zieht er in die Länge. "Damit es so aussieht, als ob ich etwas tue", sagt er.

Paradoxerweise täuschen Bore-out-Betroffene häufig vor, beschäftigt zu sein, starren auf den Bildschirm, berichten Kollegen von einem Berg an Aufgaben. Mitunter machen sie Überstunden, um ihr Nichtstun zu kaschieren. Gerade diese Vertuschungsstrategien erzeugen aber laut Experten Stress und können die Gesundheit belasten.

"Ich kann nicht über Langeweile sprechen in einer Zeit, wo Leistung das Maß aller Dinge ist und jeder um seinen Job kämpft", sagt die österreichische Arbeitssoziologin Elisabeth Prammer. Sie hat Bore-out-Biografien unter die Lupe genommen. Das Problem sei weit verbreitet, werde aber tabuisiert. "Wir wurden in einem Leistungsdogma sozialisiert." Ihrer Meinung nach passt das Syndrom Bore-out in unsere Zeit ebenso wie Überforderung.

Häufige Folgen der Unterforderung: Depressionen

Gottschall berichtet von Gefühlen der Wertlosigkeit, von Antriebslosigkeit, Depression. "Ich hab mich tödlich gelangweilt", sagt er. Irgendwann stand seine Beziehung auf der Kippe, zweieinhalb Jahre begibt er sich wegen der Unterforderung in psychotherapeutische Behandlung. "Lange Fehlbeanspruchung kann krank machen", sagt Baua-Expertin Andrea Lohmann-Haislah. Unterforderung könne ebenso wie Überlastung zu Depressionen, chronischen Rückenschmerzen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Fachlich unterfordert seien laut Lohmann-Haislah vermehrt Beschäftigte im Gastgewerbe oder in Verkehrsbetrieben, wie Zimmermädchen und Busfahrer. Auch Tätigkeiten mit monotonen Arbeitsvorgängen, wie sie zum Beispiel teils Warenprüfer in der Qualitätskontrolle haben, unterfordern schnell. Selbstständige leiden seltener an Bore-out.

Die Folge ist meist Resignation. Nach einer Umfrage des Beratungsunternehmens Gallup über die emotionale Bindung zum Arbeitgeber leisten 67 Prozent der Arbeitnehmer Dienst nach Vorschrift.

In vielen Unternehmen fehle ein Ansprechpartner für das Thema, sagt Prammer. Firmen müssten alte Strukturen aufbrechen, Arbeitszeiten flexibler gestalten und Heimarbeit erlauben. Experten raten Betroffenen vor allem zum frühen Dialog mit dem Arbeitgeber. "Das Wichtigste ist die Eigenverantwortung. Man muss selber etwas tun", rät Rothlin. Beschäftigte sollten vom Vorgesetzten aktiv spannendere Aufgaben einfordern. "Und vielleicht auch einmal ungefragt neue Dinge erarbeiten, und sich nicht der Langeweile ergeben", sagt Rothlin.

Die Wünsche formulieren Arbeitnehmer dabei am besten positiv, rät Lohmann-Haislah. "Es geht darum, wie die Nachricht verpackt ist", erklärt auch Rothlin. In großen Unternehmen lohne sich der Blick in andere Abteilungen. Vielleicht bieten sich dort neue Aufgaben an. Und als letztes Mittel bleibt die Kündigung.

Nico Pointner, dpa

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