Eltern-Ratgeber "Kinder müssen lernen, mit Frust umzugehen"

Wie erzieht man Kinder zu schlauen und glücklichen Menschen? In seinem Buch "Brain Rules für Ihr Baby" behauptet der Entwicklungsbiologe John Medina, dass Eltern aus der Hirnforschung jede Menge lernen können. Im Interview erklärt er, worauf es ankommt.
Lernen: "Überehrgeizige Eltern neigen dazu, ihre Kinder mit anderen zu vergleichen"

Lernen: "Überehrgeizige Eltern neigen dazu, ihre Kinder mit anderen zu vergleichen"

Foto: Corbis

In den USA kommt man an John Medina kaum vorbei: Seit Jahren landet der Entwicklungs- und Molekularbiologe mit seinen Sachbüchern auf den oberen Plätzen der amerikanischen Bestsellerlisten. In seinem letzten Buch "Gehirn und Erfolg: 12 Regeln für Schule, Beruf und Alltag" leitet er aus der Hirnforschung Handlungsempfehlungen ab, wie wir erfolgreicher werden können. Jetzt hat Medina erneut provokant die Erkenntnisse der Neurowissenschaften in einen Ratgeber für Eltern übersetzt.

SPIEGEL ONLINE: Herr Medina, viele Eltern möchten, dass ihre Kinder später in Schule und Beruf erfolgreich sind. Was können sie dafür tun?

Medina: Überehrgeizige Eltern neigen dazu, ihre Kinder ständig mit anderen Gleichaltrigen zu vergleichen, setzen die Kleinen unter Druck und schicken sie in Frühförderkurse. Das Geld können sie sich sparen. Wer mit vier Jahren ein wenig rechnen kann, wird später noch lange kein Mathe-Genie. Dieses Leistungsstreben kann den Kindern sogar schaden. Wie wir heute wissen, bestimmt etwas ganz anderes den späteren Erfolg der Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Worauf kommt es an?

Medina: Kinder müssen lernen, mit Frustration und Fehlschlägen richtig umzugehen. Sie sollten sich davon nicht entmutigen zu lassen, sondern an Niederlagen wachsen.

SPIEGEL ONLINE: Wie können Eltern das beeinflussen?

Buch

John Medina:
Brain Rules für Ihr Baby

Wie neurowissenschaftliche Erkenntnisse helfen, dass Ihr Kind schlau und glücklich werden kann.

300 Seiten; 24,95 Euro.

Medina: Indem sie darauf achten, wie sie auf den Erfolg eines Kindes reagieren. Bringt die Tochter zum Beispiel eine gute Note nach Hause, haben die Eltern im Prinzip zwei Möglichkeiten: Sie können betonen, wie schlau die Kleine ist. Oder sie können das Mädchen für seine Anstrengung loben. "Toll, dass du dir so viel Mühe gegeben hast", wäre eindeutig die bessere Reaktion.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Medina: Weil das Kind lernt, dass seine Anstrengung ihm die gute Note eingebracht hat. Stellen Sie sich umgekehrt vor, die Leistung eines Kindes wird immer nur seiner Intelligenz zugeschrieben. Was passiert, wenn es eines Tages eine schlechte Note nach Hause bringt? Das Kind wird natürlich denken, dass es dumm ist. Und es wird künftig schwierige Aufgaben meiden - in der Angst, daran zu scheitern und dumm dazustehen. Das kann man zum Beispiel an Studenten beobachten, die an die Elite-Universität Harvard aufgenommen werden. Sie alle sind hoch intelligent. Doch die einen wachsen an den neuen Herausforderungen ihres Studiums, die anderen knicken ein und scheitern.

SPIEGEL ONLINE: Was können Eltern noch für das Glück ihrer Kinder tun?

Medina: Sie sollten die Gefühle der Kleinen ernst nehmen und gezielt auf sie eingehen. Das kann ein Trotzanfall sein ebenso wie die Freude über eine Kugel Eis. Oder die Trauer um einen toten Goldfisch.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das aussehen?

Medina: Stellen Sie sich vor, der Goldfisch Ihrer dreijährigen Tochter ist gestorben. Nie zuvor hat das Kind den Tod erlebt, es ist am Boden zerstört. In diesem Moment ist es enorm wichtig, wie Sie mit den Gefühlen Ihrer Tochter umgehen. Manche Eltern erklären dem Kind, dass der Tod zum Leben dazugehört, und fahren mit ihm los, um einen neuen Goldfisch zu kaufen. Andere fordern das Mädchen auf, tapfer zu sein, schließlich sei es ja nur ein Goldfisch gewesen. Und noch andere lassen den Spross mit seiner Trauer allein, weil sie mit dessen Gefühlen nicht umgehen können. Alle drei Reaktionen nehmen die Emotionen des Kindes nicht ernst.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollen Eltern sonst reagieren?

Medina: Gehen Sie auf die Gefühle Ihres Kindes ein. Für Sie ist es vielleicht nur ein läppischer Goldfisch; für Ihre Tochter stellt der Tod des Tiers einen großen Verlust dar. Erklären Sie ihr, wie leid es Ihnen tut. Wie traurig Sie selbst werden, wenn jemand stirbt, der Ihnen nahesteht. Nehmen Sie das Kind in den Arm und erklären Sie, dass die Trauer mit der Zeit vorbeigehen wird, das Kind aber immer zu Ihnen kommen kann, wenn es noch mal traurig ist. Damit helfen Sie ihm auch, seine Gefühle zu benennen. Das ist enorm wichtig. Denn eines wissen wir heute mit Sicherheit: Wie Sie mit den Gefühlen Ihres Kindes umgehen, wird dessen späteres Glück entscheidend beeinflussen.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Medina: Weil das Kind so lernt, sich mit seinen Gefühlen auseinanderzusetzen, sie zu benennen und zu kontrollieren. Das wird ihm im späteren Leben enorm weiterhelfen. Es wird besser mit Kritik umgehen können und besser im Team arbeiten. Es wird auch mehr Freundschaften schließen - ausgeglichene Menschen finden leichter Freunde als jemand, der launisch oder aufbrausend ist. Und wir haben aus Studien gelernt, dass nichts unser Glück so bestimmt wie die Freundschaften, die wir schließen.


John Medina: "Brain Rules für Ihr Baby, Huber, 300 Seiten, 24,95 Euro