Missbrauch und Methanol Wie realistisch war der "Tatort" aus Bremen?

Missbrauch, Entführung, Traumata: Der "Tatort" zeigte die dramatische Geschichte einer jungen Frau. Waren die psychologischen Details richtig dargestellt? Und wie gefährlich ist Methanol? Der Faktencheck.

Gerichtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner); vorne: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel)
ARD

Gerichtsmediziner Dr. Katzmann (Matthias Brenner); vorne: Hauptkommissar Stedefreund (Oliver Mommsen), Hauptkommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel)


Ein Mädchen verschwindet und taucht nach zehn Jahren wieder auf. Es gibt vor, in der Zeit von einem Paar entführt und von wechselnden "Freunden" missbraucht worden zu sein. Es lügt. Seine wahre Identität ist eine andere, seine wahre Geschichte eine andere, aber nicht minder verstörend.

Der "Tatort" aus Bremen mit Kommissarin Lürsen und dem Kollegen Stedefreund handelt von den psychischen Abgründen, in die ein Mensch schon in seiner Kindheit fallen kann. Wie faktentreu waren die Drehbuchautoren?

Nachdem das Mädchen bei der Familie auftaucht, schildert sie die erfundene Entführungs- und Missbrauchsgeschichte. Die Ermittler stoßen auf Fotos von ihr und dem Entführerpaar, sie wirken wie eine glückliche Familie. Hätten die Ermittler nicht da schon Verdacht schöpfen müssen?

Nein, nicht unbedingt. Opfer von Entführungen und Geiselnahmen bauen oft eine Bindung zu den Tätern auf. Psychologen gehen davon aus, dass es sich dabei nicht um eine bewusste Entscheidung, sondern um einen unbewussten Instinkt handelt, einen Schutzmechanismus, um das eigene Leben zu retten - ähnlich wie sich ein Kind auf seine Mutter fixiert.

Ein Beispiel für ein derartiges Verhalten bietet der Fall von Natascha Kampusch: Obwohl sie in den acht Jahren mehrmals die Gelegenheit hatte, zu fliehen, blieb sie lange Zeit bei ihrem Peiniger - auch, weil sie Angst um ihren Entführer hatte, der in den mehr als acht Jahren ihre einzige Bezugsperson war.

Beginnen die Opfer neben ihrer Beziehung zum Entführer noch, ihre eigentlichen Helfer, Polizisten und Einsatzkräfte abzulehnen, sprechen Psychologen vom Stockholm-Syndrom. Die Bezeichnung stammt von einem Bankraub 1973, bei dem ein 32-Jähriger vier Angestellte mehr als sechs Tage lang im Tresorraum festhielt. Nach dem unblutigen Ende der Geiselhaft besuchten die Opfer den Täter im Gefängnis, eine Frau verliebte sich sogar in ihn und blieb eng mit ihm befreundet.

Missbrauchs-"Tatort" aus Bremen
Bei der tatsächlichen Geschichte des Mädchens im "Tatort" hatte die Mutter sich, den Vater und den Bruder vergiftet, sie überlebte als einzige. Anschließend lassen die Psychologen sie Szenen der Familien nachspielen und interpretieren ihr Verhalten. Kommen solche Methoden tatsächlich zum Einsatz?

Ja, solche sogenannten projektiven Testverfahren sind in der Kinder- und Jugendpsychologie üblich. Beim Spielen oder durch Zeichnungen sollen die Betroffenen Fantasien, Gefühle oder Wünsche zum Ausdruck bringen, die sie sonst nicht aussprechen können.

Wie erfolgreich das sein kann, zeigt ein realer Fall mit einem stark traumatisierten Mädchen, bei dem alle Blutwerte darauf hinweisen, dass es vor Kurzem schwanger war. Im Gespräch streitet die 19-Jährige ab, überhaupt Sex gehabt zu haben. Mit Hilfe einer Skizze können Ärzte ihr schließlich ihr Geheimnis entlocken: Sie zeichnet eine schwangere Frau, die ein totes Kind zur Welt bringt.

Bevor sie das traumatische Erlebnis mit Worten beschreiben kann, kommuniziert das Mädchen einen Tag lang nur durch Zeichnungen mit den Ärzten (die ganze Geschichte lesen Sie hier).

Gleich fünf Menschen sterben in dem "Tatort" an Methanol, nur das Mädchen überlebt. Wie gefährlich ist der Stoff?

Methanol, auch Methylalkohol genannt, ist ein Lösungsmittel, das zur Erblindung führen kann und in höheren Dosen tödlich ist. Toxikologen zufolge gibt es keine harmlose Dosis, der Konsum ist immer gefährlich. 2013 etwa starb ein 19-jähriger Berliner auf der Insel Java an einer Methanolvergiftung durch gepanschten Alkohol.

Es ist nicht das Methanol selbst, das zur Vergiftung führt, sondern dessen Abbauprodukte, vor allem Ameisensäure. Diese sammelt sich im Körper an und ist hauptsächlich dafür verantwortlich, dass es zu einer sogenannten metabolischen Azidose kommt, einer Übersäuerung des Bluts. Zudem blockiert sie die Zellatmung. Beides kann tödliche Folgen haben.

Die Vergiftungserscheinungen treten nach und nach auf: Zunächst wirkt Methanol ähnlich berauschend wie Ethanol und ist von einem gewöhnlichen Alkoholrausch kaum zu unterscheiden. Nach einer Stunde können sich Kopfschmerzen, Schwindel, Übelkeit und Erbrechen bemerkbar machen. Später kommen Sehstörungen und Bewusstlosigkeit hinzu.

Je nach eingenommener Menge kann es bis zu 72 Stunden - also drei Tage - dauern, bis die Azidose zu nachhaltigen Schäden im Gehirn, der Leber, den Nieren und insbesondere des Sehnervs führt. Unbehandelt endet eine Methanolvergiftung oft tödlich. Meistens durch Herz- und Atemstillstand.

Ein gutes Gegenmittel ist bemerkenswerterweise Ethanol, also gewöhnlicher Trinkalkohol: Sowohl Methanol als auch Ethanol werden mithilfe des Enzyms ADH abgebaut, das allerdings eine höhere Affinität zu Ethanol als zu Methanol hat. Die Gabe von Ethanol bremst somit den Abbau von Methanol in die giftige Ameisensäure, das Methanol wird nach und nach über die Nieren ausgeschieden.

irb/cib



insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
stand.40 16.03.2015
1. Zum Tatort
mit Sabine Postel.Gute Schauspielerin.Sie spielt eben ihre Rolle entsprechend dem Drehbuch.Der Film war besser als der davor aber vom Hocker haut er nicht.
Annabelle1811 16.03.2015
2. Also, für mich war
in diesen Tatort ziemlich viel reingepackt worden. Und zum Schluß hab ich mir nur gedacht, was für ein Krampf und habe es bereut, ihn angeschaut zu haben.
bartholomew_simpson 16.03.2015
3. Ein Krimi
kann in den seltensten Fällen absolut realistisch sein, da aus dramaturgischen Gründen gewisse Abweichungen von der Realität einfach notwendig sind. Nichtsdesto trotz war es wieder ein spannender Tatortabend.
skylarkin 16.03.2015
4.
Ja ich fand den Tatort gut, aber bitte um die Beantwortung folgender Fragen(auch weil ich teilweise akustische Verständnisprobleme hatte): Warum und mit welchem Trick hatte sich 'Fiona'den Wohnmobilhippies angeschlossen?Von wem und warum wurden diese dann getötet?Danke
mat76 16.03.2015
5.
Angeschlossen sicher wie schon bei der Mutter: mit einer Lüge. Umgebracht sicher von dem Partner/Pfleger, der den Wohnungwagen später auch angezündet hat.
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