Dentalphobie Wie die Angst vor dem Zahnarzt schwindet

Zahnarztbesuch: Auf dem Behandlungsstuhl fühlen sich viele Patienten ausgeliefert
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Zahnarztbesuch: Auf dem Behandlungsstuhl fühlen sich viele Patienten ausgeliefert

Von Gudrun Sartory

3. Teil: Die Furcht vorm Bohrer liegt in der Familie


Schlechte Vorbilder seitens der Eltern spielen offenbar ebenfalls eine Rolle. So berichtete uns jeder zehnte Phobiker, dass auch Mutter oder Vater Angst vor Zahnarztbesuchen hatte. Humphris und seine Kollegen kamen 2010 nach Durchsicht von 43 Studien zu dem Schluss, dass der Nachwuchs von Zahnbehandlungsphobikern die betreffenden Ängste häufiger entwickelt als andere Kinder. Den Mechanismus dahinter nennen Psychologen Modelllernen: Die Kleinen beobachten das Verhalten ihrer Eltern und ahmen es unbewusst nach. So könnte ein Kind, das von einer ängstlichen Mutter auf die Zahnbehandlung vorbereitet wird, empfindlicher auf Schmerzen reagieren als eines, dessen Mutter sich hinsichtlich seiner Zahnbehandlung unbekümmert verhält.

Ein kleiner Teil der Patienten berichtet, sie seien schon immer ängstlich gewesen - von einem traumatischen Ereignis oder übernervösen Eltern keine Spur. Hier liegen den Ängsten, die häufig auch mit anderen psychischen Störungen einhergehen, möglicherweise noch andere Ursachen zu Grunde.

Konfrontation mit der angstbesetzten Situation

Für die meisten Betroffenen gilt jedoch: So wie sie ihre Ängste einst gelernt haben, können sie diese auch verlernen. Ziel der Therapie ist zum einen, dass sich der Patient wieder angstfrei auf den Behandlungsstuhl setzen kann, zum anderen, dass er überhaupt zum Zahnarzt geht.

In Kooperation mit der Bochumer Zahnklinik hat unsere Arbeitsgruppe von der Bergischen Universität Wuppertal verschiedene Behandlungsformen erprobt. Die kognitive Verhaltenstherapie erwies sich dabei wiederholt als besonders wirksam. Sie bedient sich in der Regel dreier Methoden: Die Konfrontation mit der angstbesetzten Situation bildet das Kernstück der klassischen Verhaltenstherapie und hat sich vielfach bewährt. Beim gestuften Vorgehen erstellen Therapeut und Patient gemeinsam zunächst eine "Angsthierarchie" - eine Rangfolge der gefürchteten Situationen, die der Patient schrittweise erst in der Vorstellung durchspielt und dann tatsächlich umsetzt. Das kann bedeuten, einen Zahnarzt aus dem Telefonbuch herauszusuchen, einen Termin zu vereinbaren, zur Praxis zu gehen - bis hin zur eigentlichen Behandlung. Die Patienten schätzen vorab ihre Angst vor jeder Situation ein und nehmen sich eine nach der anderen so lange vor, bis sie keine Panik mehr auslöst.

Der Therapeut darf dabei nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam vorgehen. Die Art und Weise der Konfrontation kann unterschiedlich aussehen: Meist leitet der Therapeut den Patienten an, sich die jeweilige Situation vorzustellen, und zwar möglichst lebhaft und konkret. Der Betreffende kann aber auch Bilder von Instrumenten oder Videofilme von Zahnbehandlungen so lange betrachten, bis die Angst zurückgegangen ist.

In einer unserer Therapiestudien baten wir Dentalphobiker zu einer 90-minütigen Therapiesitzung. Sie sollten sich zunächst Videoaufnahmen einer Zahnarztbehandlung ansehen und sich danach vorstellen, sie würden dasselbe selbst erleben. 80 Prozent der Probanden gingen danach tatsächlich zum Zahnarzt, obwohl sie dies zuvor im Mittel seit zehn Jahren - in einem Fall sogar seit 38 Jahren - vermieden hatten. Für den langfristigen Erfolg ist es egal, ob sich die Patienten während der Konfrontation auf die Behandlung konzentrieren oder sich geistig ablenken, wie eine unserer Studien schon 2007 zeigte.

Als weitere Methode hat sich das sogenannte Stressimpfungstraining bewährt: Es soll Strategien vermitteln, mit denen Patienten ihre Angst und Anspannung regulieren können, zum Beispiel durch progressive Muskelrelaxation. Dabei lernen sie, den mit der Phobie einhergehenden körperlichen Reaktionen wie Muskelverspannung und schnellem Atmen gegenzusteuern und sich so rasch in einen entspannten Zustand zu versetzen. Zusätzlich ersetzen die Patienten ihre Befürchtungen wie "Ich werde es nicht aushalten" durch konstruktive Gedanken - zum Beispiel: "Auch diese Behandlung geht vorbei".

Irrationale Einstellungen zu Zahnbehandlungen

"Bei der kognitiven Restrukturierung macht sich der Patient zunächst seine irrationalen Überzeugungen und übersteigerten, 'dysfunktionalen' Gedanken zum Thema Zahnbehandlung bewusst. Dann lernt er, sie zu hinterfragen: "Wie oft kommt es vor, dass…?" Allerdings wurde die Wirksamkeit dieser Methode bislang nur in Kombination mit einer Konfrontation nachgewiesen.

In unserer Untersuchung in der Psychotherapie-Ambulanz der Wuppertaler Universität berichteten jene 20 Prozent der Patienten, welche die Zahnbehandlung nach der Therapie weiterhin vermieden, von einer größeren Zahl dysfunktionaler Überzeugungen. Der Psychologe Ad De Jongh von der Universität Amsterdam und seine Kollegen hatten schon 1995 festgestellt, dass Dentalphobiker irrationale Einstellungen zu Zahnbehandlungen zeigen und diese zur Aufrechterhaltung der Phobie beitragen. So glauben manche Betroffene, dass Zahnärzten die Ängste ihrer Patienten gleichgültig seien oder das eigene Gebiss ohnehin nicht mehr zu retten sei.

Neben der kognitiven Verhaltenstherapie - einer Kombination der drei geschilderten Vorgehensweisen - gibt es jedoch noch andere Methoden, die mehr oder weniger häufig zum Einsatz kommen. So bieten manche Zahnärzte eine Hypnose vor der Behandlung an oder versuchen, per Audio-CD dem Patienten über Kopfhörer zu Ruhe und Entspannung zu verhelfen. Der Hypnotiseur leitet den Patienten zum Beispiel dazu an, sich auf eine zuvor als angenehm beschriebene Aktivität zu konzentrieren, wie etwa Reiten oder Sonnenbaden.

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insgesamt 3 Beiträge
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leo32 12.04.2014
1. Hilflos fühlte ich mich damals auch immer...
Panikattacken, Angst sind auch mir vor dem Zahnarztbesuch nicht unbekannt. Leide seit Jahren darunter, habe auch schon so gut wie alles probiert. Seit einem Monat circa probier ich die Selbsthypnose Hypnose gegen Zahnbehandlungsangst und es hat sich schon gelohnt sie zu bestellen. Ich merke, dass ich den Zahnarztbesuch immer weniger als etwas Negatives und Unangenehmes empfinde. Vor zwei Wochen war ich dann beim Arzt und es ist gut gewesen, ich hatte keine Fluchtgefühle im Wartezimmer, war ruhig auf dem Liegestuhl und ich habe dem Arzt vertraut und war entspannt. Statt mich hilflos zu fühlen, war ich relativ locker und wie ich schon sagte, ich vertraute meinem Zahnarzt voll und ganz.
DemokratiePur 14.07.2015
2. Das soziale Aus
Ich kann nur unterstreichen, dass das soziale Aus droht, wenn man sich nicht aufrappelt und den Gang zum Zahnarzt macht. Ganz schrecklich. Meine Leidensgenossen kann ich daher nur ermuntern, ALLES zu tun, was helfen könnte, um wieder gute Zähne zu bekommen bzw. es gar nicht erst zu schlechten Zähnen kommen zu lassen (was die wenigsten Angstpatienten schaffen). Ich lese mir auch immer die Tipps vom Zahnarztangst-Ratgeber durch (www.zahnarztangstratgeber.de). Gebetsmühlenartig. Immer wieder. Hilft mir auch sehr. Also Leute: Wir können es schaffen. Wir MÜSSEN es schaffen. Das soziale Aus ist der Horror!
Linda2014 14.07.2015
3. Absolut schmerzlose Behandlung ist möglich
Bisher gab es zwei Zahnärzte, die konnten super behandeln. Einmal war das ein Bundeswehrzahnarzt und später eine niedergelassene Zahnärztin. Seitdem ich da nicht mehr wohne, hatte ich nicht mehr so ein Glück, aber es ging. Ein weitere Wegzug liess mich erahnen, was die Leute in der DDR bestimmt durchmachen mussten, aber zum Glück gab es ausser eine herausgefallene Plombe bisher auch nichts. Aber es reichte aus, dass ich Probleme bekam. Bis dahin nie Beschwerden aber seitdem... Ich weiß auch nicht, ob der Bohrer o. ä. mit Keimen kontaminiert gewesen ist. Darum bin ich inzwischen auch skeptisch zumal eine Zahnarztbehandlung im Grunde nur bedeutet, Löcher zu bohren und zu Füllen. irgendwann müssen die erneuert werden und die Zähne werden dadurch immer kleiner und die Löcher immer größer, bis nichts mehr geht. Am besten erst gar nicht soweit kommen lassen und zusehen, dass die Zähne in Ordnung bleiben. Gute Erfahrungen machen wir mit Grünem Tee, der mit Stevia gesüßt wird.
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