Dentalphobie Wie die Angst vor dem Zahnarzt schwindet

Zahnarztbesuch: Auf dem Behandlungsstuhl fühlen sich viele Patienten ausgeliefert
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Zahnarztbesuch: Auf dem Behandlungsstuhl fühlen sich viele Patienten ausgeliefert

Von Gudrun Sartory

4. Teil: Narkose, Hypnose, Psychotherapie: Was hilft am besten?


In der eingangs erwähnten Studie verglichen wir die Wirksamkeit von vier Verfahren bei mehr als 130 Probanden mit Dentalphobie. Zur Wahl standen eine Vollnarkose, eine Kurzform der kognitiven Verhaltenstherapie sowie zwei Arten von Hypnose: eine per Audio-CD und eine "personalisierte" Form, bei der ein Mediziner den Patienten vor der Behandlung in Trance versetzt.

Beide Hypnoseformen linderten zwar die Ängste, doch weniger als die Hälfte der Patienten, die sich für diese Therapie entschieden hatten, erschienen auch zum zweiten Zahnarzttermin. Im Gegensatz dazu kehrten rund 70 Prozent der Probanden, die kognitive Verhaltenstherapie oder Vollnarkose gewählt hatten, auch zur zweiten Behandlung wieder. Allerdings gingen die Ängste nach einer Vollnarkose nicht zurück - die Patienten blieben unverändert phobisch. Im Gegensatz dazu erfüllten schon nach zwei Sitzungen einer Verhaltenstherapie nur noch 35 Prozent der Probanden die Kriterien einer Zahnbehandlungsphobie.

Wer den Gang zum Zahnarzt dann trotzdem noch scheut, kann zusätzlich zu Beruhigungsmitteln greifen. Ein kurzfristig wirksames Benzodiazepin etwa kann helfen. Allein nützt das Medikament allerdings wenig: Im Jahr 2000 verglichen wir gemeinsam mit Peter Jöhren die Wirksamkeit eines kurz zuvor verabreichten Tranquilizers mit der einer einzigen mehrstündigen Sitzung kognitiver Verhaltenstherapie. Während der Zahnbehandlung zeigten sich die psychologisch oder medikamentös therapierten Patienten zwar weniger ängstlich als eine unbehandelte Kontrollgruppe.

Unter den medikamentös behandelten Patienten kam es später jedoch häufiger zu Rückfällen, während die psychologisch betreuten immer weniger ängstlich wurden (siehe Kasten links). Rund 70 Prozent von ihnen erschienen zum Folgetermin zwei Monate später - verglichen mit einem Fünftel derer, die ein Beruhigungsmittel erhalten hatten.

Erfolge nach der ersten Sitzung

Dass eine einzige Therapiesitzung genügen kann, um Dentalphobikern Linderung zu verschaffen, wiesen 2008 auch schwedische und norwegische Psychologen von den Universitäten in Stockholm und Bergen nach. Wie das Team um Lars-Göran Öst zeigte, brachten fünf Sitzungen langfristig nicht mehr als eine einzige. Obwohl die Probanden zuvor im Schnitt mehr als elf Jahre nicht beim Zahnarzt waren, nahmen drei von vier Patienten den vereinbarten Folgetermin ein Jahr später wahr.

Eine Kombination aus Verhaltenstherapie und Medikamenten bringt offenbar keinen weiteren Vorteil - ob sie dem langfristigen Erfolg sogar schadet, ist umstritten. Psychologen und Mediziner von der University of Washington in Seattle und der Stanford University in Kalifornien berichteten 2007, es spiele keine Rolle, ob der Patient während der Behandlung sediert ist oder nicht. In beiden Fällen gingen innerhalb eines Jahres rund 70 Prozent der Behandelten erneut zum Zahnarzt. Wer die Angst vorm Bohrer besiegen möchte, sollte sich ihr also mit Hilfe eines Therapeuten stellen.

Zum Wohl des Patienten
Fünf einfache Regeln für Ärzte
Viele Menschen empfinden Unbehagen vor einer Zahnbehandlung, auch wenn sie nicht an einer ausgewachsenen Phobie leiden. Ihnen wäre schon mit ein paar einfachen Maßnahmen geholfen. Wie ein Team um den Zahnchirurgen Peter Jöhren von der Universität Witten/Herdecke 2006 berichtete, wünschen sich die meisten ängstlichen Patienten auf dem Behandlungsstuhl vor allem eine ausführliche Aufklärung (69 Prozent), einen mitfühlenden Arzt und eine schmerzfreie Behandlung (jeweils 62 Prozent). Mit folgenden einfachen Verhaltensregeln können Ärzte ihren Patienten helfen.
1. Leidenszeit
Die Leidenszeit beginnt bei vielen schon im Wartezimmer: Hier können Zahnärzte ein allzu klinisches Ambiente vermeiden und Ablenkung beispielsweise durch Zeitschriften oder Fernsehen anbieten.
2. Informieren
Vor der Behandlung sollte der Arzt darüber informieren, was er grundsätzlich vorhat, und vor jedem einzelnen Behandlungsschritt nochmals ankündigen, was als Nächstes passiert. Auf diese Weise lässt sich ein Erschrecken während der Behandlung vermeiden, etwa beim Einschalten des Bohrers.
3. Betäubung
Für viele ängstliche Patienten stellen Analgetika eine Hilfe dar. Auch wenn mancher die Behandlung ohne sie durchstehen würde, sollte der Wunsch nach schmerzlindernden Mitteln erfüllt werden.
4. Kontrolle über die Behandlung
Dem Gefühl, der Situation hilflos ausgeliefert zu sein, lässt sich vorbeugen. Der Arzt könnte zum Beispiel vorschlagen, dass sich der Patient per Handzeichen bemerkbar macht, wenn er eine Pause braucht – so erlebt er ein Gefühl der Kontrolle über die Behandlung.
5. Mitgefühl
Der Zahnarzt sollte etwaige Ängste ernst nehmen und Mitgefühl zeigen, zum Beispiel, indem er während der Behandlung regelmäßig nachfragt, ob sie für den Patienten erträglich ist.

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insgesamt 3 Beiträge
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leo32 12.04.2014
1. Hilflos fühlte ich mich damals auch immer...
Panikattacken, Angst sind auch mir vor dem Zahnarztbesuch nicht unbekannt. Leide seit Jahren darunter, habe auch schon so gut wie alles probiert. Seit einem Monat circa probier ich die Selbsthypnose Hypnose gegen Zahnbehandlungsangst und es hat sich schon gelohnt sie zu bestellen. Ich merke, dass ich den Zahnarztbesuch immer weniger als etwas Negatives und Unangenehmes empfinde. Vor zwei Wochen war ich dann beim Arzt und es ist gut gewesen, ich hatte keine Fluchtgefühle im Wartezimmer, war ruhig auf dem Liegestuhl und ich habe dem Arzt vertraut und war entspannt. Statt mich hilflos zu fühlen, war ich relativ locker und wie ich schon sagte, ich vertraute meinem Zahnarzt voll und ganz.
DemokratiePur 14.07.2015
2. Das soziale Aus
Ich kann nur unterstreichen, dass das soziale Aus droht, wenn man sich nicht aufrappelt und den Gang zum Zahnarzt macht. Ganz schrecklich. Meine Leidensgenossen kann ich daher nur ermuntern, ALLES zu tun, was helfen könnte, um wieder gute Zähne zu bekommen bzw. es gar nicht erst zu schlechten Zähnen kommen zu lassen (was die wenigsten Angstpatienten schaffen). Ich lese mir auch immer die Tipps vom Zahnarztangst-Ratgeber durch (www.zahnarztangstratgeber.de). Gebetsmühlenartig. Immer wieder. Hilft mir auch sehr. Also Leute: Wir können es schaffen. Wir MÜSSEN es schaffen. Das soziale Aus ist der Horror!
Linda2014 14.07.2015
3. Absolut schmerzlose Behandlung ist möglich
Bisher gab es zwei Zahnärzte, die konnten super behandeln. Einmal war das ein Bundeswehrzahnarzt und später eine niedergelassene Zahnärztin. Seitdem ich da nicht mehr wohne, hatte ich nicht mehr so ein Glück, aber es ging. Ein weitere Wegzug liess mich erahnen, was die Leute in der DDR bestimmt durchmachen mussten, aber zum Glück gab es ausser eine herausgefallene Plombe bisher auch nichts. Aber es reichte aus, dass ich Probleme bekam. Bis dahin nie Beschwerden aber seitdem... Ich weiß auch nicht, ob der Bohrer o. ä. mit Keimen kontaminiert gewesen ist. Darum bin ich inzwischen auch skeptisch zumal eine Zahnarztbehandlung im Grunde nur bedeutet, Löcher zu bohren und zu Füllen. irgendwann müssen die erneuert werden und die Zähne werden dadurch immer kleiner und die Löcher immer größer, bis nichts mehr geht. Am besten erst gar nicht soweit kommen lassen und zusehen, dass die Zähne in Ordnung bleiben. Gute Erfahrungen machen wir mit Grünem Tee, der mit Stevia gesüßt wird.
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