Psychische Erkrankungen Der Mythos vom Massenleiden

Depressionen, Angststörungen, Süchte: Psychologen und Psychiater bauschen die Verbreitung seelischer Leiden systematisch auf. Dabei zeigen Studien, dass die Zahl psychisch Kranker gar nicht gestiegen ist.
Mann unterm Regenschirm: Steigt die Häufigkeit von Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Leiden wirklich?

Mann unterm Regenschirm: Steigt die Häufigkeit von Depressionen, Angststörungen und anderen psychischen Leiden wirklich?

Foto: Nicolas Armer/ picture alliance / dpa

Wie eine ansteckende Seuche scheinen die Gemütserkrankungen sich auszubreiten. "Psychische Erkrankungen nehmen dramatisch zu", warnen Leute, die es wissen müssen: Mitglieder der Vereinigung psychotherapeutischer Kassenärzte. Man sehe bisher "nur die Spitze des Eisbergs - psychische Krankheiten wie Angststörungen und Depressionen haben längst das Ausmaß von Volkskrankheiten angenommen". Ähnlich alarmistische Töne schlägt die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde an: "Depressionen, Angsterkrankungen, Süchte - so heißen die neuen Zivilisationskrankheiten, die sich immer mehr zu den 'herkömmlichen' Volkskrankheiten" gesellen.

Meldungen wie diese sind mehr als zehn Jahre alt. Seither sollen die Bürger noch viel gestörter geworden zu sein: In Deutschland bricht die Zahl der psychischen Diagnosen gerade alle Rekorde. Psychische Störungen gehören zu den häufigsten Gründen für Behandlungen im Krankenhaus - vor Herzinfarkt, Schlaganfall und Rückenschmerz. Die Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch psychische Störungen ist in zehn Jahren um 200 Prozent gestiegen.

Auch bei den Frühverrentungen steigt der Anteil der psychischen Störungen - und hat die Spitzenposition eingenommen. Der Trend schlägt sich schließlich in den Arzneimittelstatistiken nieder: Die Verordnung von Psychopharmaka steigt seit Jahren, bei Mitteln gegen Depressionen liegt die Zuwachsrate bei 15 Prozent - pro Jahr.

Und so nehmen viele Menschen die Schreckensmeldungen der Therapeuten und Psychiater für bare Münze. "Die heute heranwachsende Generation wird in allem Ernst mit der Botschaft konfrontiert, noch nie sei eine Generation so sehr von seelischen Erkrankungen bedroht gewesen", sagt der Mediziner und Soziologe Norbert Schmacke vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen.

Nagt der steigende Wohlstand an der Seele?

Wir leben in einem Zeitalter der psychischen Störungen, daran lassen die Statistiken scheinbar keinen Zweifel zu. Der steigende Wohlstand, die Tatsache, dass immer mehr Menschen alleine leben, und die veränderten Anforderungen in der globalisierten Arbeitswelt scheinen an der Seele zu nagen. Doch wer hat diese Psycho-Welle ins Rollen gebracht?

Mitarbeiter von Krankenkassen mögen die Zahlen übertreiben, Journalisten mögen sie zuspitzen - doch sie gehen zurück auf Ärzte. Diese haben in den vergangenen Jahren immer mehr psychische Störungen diagnostiziert und auf diese Weise die Statistiken nach oben getrieben. Dieser Anstieg der Diagnosen bedeutet aber keineswegs, dass psychische Störungen heute häufiger vorkommen als früher.

Davon zeugen Analysen, in denen Gesundheitsforscher nicht das Diagnoseverhalten, sondern die tatsächliche Verbreitung von seelischen Störungen betrachten, und zwar zu verschiedenen Zeitpunkten. Für eine solche systematische Literaturübersicht  suchten Epidemiologen um Dirk Richter vom Universitätsklinikum Münster in medizinischen Datenbanken und fanden 44 Studien zur Verbreitung seelischer Störungen bei Erwachsenen sowie bei Kindern und Jugendlichen, und zwar aus den Vereinigten Staaten von Amerika, Kanada, Australien, den Niederlanden, Großbritannien und Deutschland. Es ging um depressive Störungen, Angst- und Panikstörungen sowie um allgemeine seelische Belastungen. Der Zeitraum der Studien reichte von 1947 bis zur Gegenwart.

Anschließend analysierten die Forscher diese Studien und fragten: Nimmt die Verbreitung psychischer Erkrankungen insgesamt ab oder zu? Das überraschende Ergebnis: Weder bei den Studien zu den Kindern und Jugendlichen noch bei den Erwachsenen ergab die Auswertung eine eindeutige Tendenz.

Unterstellte Zunahme

Diese Übersichtsanalyse offenbart, dass in den Industriestaaten des Westens die psychischen Störungen nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zugenommen haben. Der vermutete Anstieg der psychiatrischen Krankheiten hat nicht stattgefunden. Die Münsteraner Epidemiologen stellen klar: "Die unterstellte Zunahme psychischer Störungen aufgrund des sozialen Wandels kann nicht bestätigt werden."

Bei steigenden Raten psychischer Erkrankungen in einer Gesellschaft wäre auch zu erwarten, dass die Lebensqualität sinkt. Auch diesen Aspekt haben die Münsteraner untersucht: In den Studien fragten Forscher Einwohner bestimmter Länder von 1946 an, inwiefern sie sich als glücklich und zufrieden bezeichnen würden. In Westeuropa und Nordamerika hatte die Lebenszufriedenheit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg leicht zugenommen und hat sich, ungeachtet der gesellschaftlichen Veränderungen, seither kaum verändert. Alles in allem verweist das auf eine Zufriedenheit auf einem stabilen, hohen Niveau.

In westlichen Staaten geht schließlich auch die Zahl der Suizide stark zurück. In Deutschland ist sie seit Anfang der achtziger Jahre ungefähr um die Hälfte gesunken. Jeden Tag nehmen sich rund 20 Menschen weniger das Leben als vor dreißig Jahren. Die Abnahme der Suizidrate, die Zahlen zur Lebenszufriedenheit sowie die Studienergebnisse zur Verbreitung der psychischen Störungen bieten "sogar die Möglichkeit, über eine Abnahme eben dieser zu spekulieren", sagen die Münsteraner Forscher. Die Epidemie der psychischen Störungen ist ein Mythos.

Dieser Artikel beruht auf einem Auszug aus dem neuen Buch von SPIEGEL-Autor Jörg Blech: "Die Psychofalle - wie die Seelenindustrie uns zu Patienten macht." (S. Fischer)

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