Lichtmangel "Eine Winterdepression muss ich niemals mit Medikamenten behandeln"

Lichtmangel ist der Auslöser für die saisonale affektive Störung, besser bekannt als Winterdepression. Dagegen hilft eine Lichttherapie. Welches Licht das richtige ist und wie lange es angewendet werden muss, erklärt Psychiater Dieter Kunz im Interview.
Herbstwetter: Das fur den Menschen so wichtige Licht dringt in der dunklen Jahreszeit kaum durch

Herbstwetter: Das fur den Menschen so wichtige Licht dringt in der dunklen Jahreszeit kaum durch

Foto: Angelika Warmuth/ picture-alliance/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Kunz, warum sind wir im Winter so schlecht drauf?

Kunz: Die Winterdepression ist der Winterschlaf des Menschen. Ein Energiesparmodus, der evolutionär gesehen sinnvoll war, um den Winter zu überstehen.

SPIEGEL ONLINE: Energie sparen ist ja schön und gut - aber muss man das schlecht gelaunt tun?

Kunz: Das ist wahrscheinlich ein Epiphänomen. Vielleicht führt die Passivität zur Herabgestimmtheit. Die Ursache der Winterdepression ist ganz eindeutig der Lichtmangel. Aber den kann man mit einer Lichttherapie einfach beheben.

ZUR PERSON

Dr. Dieter Kunz ist Psychiater und Schlafforscher als Chefarzt der Klinik für Schlafmedizin am St. Hedwig-Krankenhaus.

SPIEGEL ONLINE: Kann die mir der Arzt verschreiben?

Kunz: Leider bezahlen die Krankenkassen Lichttherapie nicht, obwohl Studien ihre positive Wirkung eindeutig gezeigt haben. Ich halte das für ethisch fraglich und ökonomisch dumm, denn viele Betroffene werden deswegen mit Antidepressiva und Psychotherapie behandelt, was wesentlich teurer ist als eine Tageslichtlampe, die nur etwa 100 bis 200 Euro kostet. Eine Winterdepression muss ich niemals mit Medikamenten behandeln! Mit Lichttherapie sollten sich nach spätestens zehn Tagen die Symptome bessern. Wenn nicht, ist es keine Winterdepression, dann sollte man einen Nervenarzt aufsuchen.

SPIEGEL ONLINE: Ist Winterdepression eine echte Depression?

Kunz: Ja. Gemeinsam ist beiden die allgemeine Herabgestimmtheit, die Antriebslosigkeit, der soziale Rückzug. Ein nicht-saisonal Depressiver hat aber meistens keinen Schokolade-Heißhunger, sondern Appetitmangel und Gewichtsverlust. Außerdem der Schlaf meist verkürzt, nicht verlängert.

SPIEGEL ONLINE: Wie wirkt das Licht?

Kunz: Neben den herkömmlichen Photorezeptoren gibt es auf der Netzhaut auch ein Photopigment namens Melanopsin, das auf sichtbares Blaulicht reagiert. Dieses Pigment ist mit der inneren Uhr im Gehirn verdrahtet und sagt ihm, wie lange die Tage sind und darüber, welche Jahreszeit herrscht. Zu wenig Blaulicht signalisiert also: Jetzt ist Winter - Energie sparen!

SPIEGEL ONLINE: Die Tageslichtlampe gaukelt dem Körper also Sommer vor?

Kunz: Ja. Und man sollte sie morgens einsetzen. Es gibt zwar auch Befunde, dass ein abendlicher Einsatz gegen Winterdepression ebenso wirksam ist, aber es könnte sein, dass Sie dann schlechter einschlafen, weil die Lampe Sie wach macht.

SPIEGEL ONLINE: Schützt es mich vor Winterdepression, wenn ich morgens alle meine normalen Lampen anmache?

Kunz: Das weiß man noch nicht so genau. Helligkeit hilft auf jeden Fall. Aber aktuelle Lampen sind sehr unterschiedlich in ihrer Lichtzusammensetzung. Was wir vor allem abends als unangenehmes Licht empfinden, also kalt-weißes Licht, hat einen eher hohen Anteil an Blaulicht. Diese Lampen helfen morgens. Warm-weißes Licht, das wir abends gerne haben, enthält weniger. Diese Lampen helfen morgens nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die ungeliebten Energiesparlampen haben also einen hohen Blaulichtanteil?

Kunz: Ja, zumindest deren kalt-weiße Vertreter. Und die werden Sie morgens als gar nicht so unangenehm empfinden. Aber sie sind nicht hell genug, um Winterdepression zu bekämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hell muss das Licht sein?

Kunz: Sicher sollte ausreichen, vor einer Tageslichtlampe mit einer Lichtstärke von 10.000 Lux täglich eine halbe Stunde zu sitzen. Es gibt es noch keine klare Studienlage, aber wahrscheinlich ist es nicht nötig, die ganze Zeit hineinzugucken, sondern alle zehn Minuten eine halbe Minute. Oder, wenn Sie nicht direkt davor sitzen, dann drei, vier Mal für eine Minute hineingucken.

SPIEGEL ONLINE: Für die Netzhaut ist das unbedenklich?

Kunz: Mit großer Wahrscheinlichkeit. Die Tageslichtlampen haben ja kein schädliches UV-Licht.

SPIEGEL ONLINE: Wären solche Lampen auch in Büros sinnvoll?

Kunz: Ja. Sie heben nicht nur die Stimmung, sondern machen auch leistungsfähiger und stärken die Gesundheit.

SPIEGEL ONLINE: Manche Leute gehen im Winter ins Solarium, um ihre Winterdepression zu bekämpfen.

Kunz: Ich habe die gleichen Erfahrungen gemacht, aber ich habe keine Ahnung, wie es funktioniert. Es kann nicht über die Netzhaut gehen, weil man ja Schutzbrillen aufhat. Vielleicht ist es Vitamin D?

SPIEGEL ONLINE: Im Winter, so wird immer empfohlen, soll man das wenige Tageslicht nutzen und draußen spazierengehen. Wie viel bringt das an einem trüben Wintertag?

Kunz: Selbst an grauen Wintertagen haben Sie draußen noch 7000 Lux. Klar, das ist weit entfernt von den 100.000 Lux an wolkenfreien Sommertagen. Aber immer noch mehr als die zehnfache Lichtmenge, die man in geschlossenen Räumen hat, wo Lampenlicht maximal 500 Lux erreicht. Und weil keiner direkt in die Lampe guckt, weil das unangenehm ist, hat man an der Netzhaut nur noch 100 Lux. Also: Auch das Tageslicht eines grauen Wintertags ist noch hilfreich, um Winterdepression zu verhindern. Sie müssen dafür aber natürlich auch mal in den Himmel gucken.

SPIEGEL ONLINE: Dann ist es wahrscheinlich nicht so clever, wenn im Winter die Sonne mal scheint, gleich mit Sonnenbrille rumzulaufen?

Kunz: Richtig. Aber wenn das Licht Sie blendet und Sie das unangenehm finden, setzen Sie die Brille lieber auf.

Das Interview führte Jens Lubbadeh