Umgang mit Depression Sprechen Sie drüber - aber nicht mit jedem

Depressive geraten schnell in einen Teufelskreis: Die Angst vor Ausgrenzung treibt Betroffene immer tiefer in ihre Krankheit. Ein Ausweg: sich öffnen, dem Umfeld die eigene Situation erklären. Am Arbeitsplatz und auch in der Familie gibt es für diese Regel jedoch Ausnahmen.
Allein mit der Last: Aus Angst vor Ausgrenzung ziehen sich Depressive zurück

Allein mit der Last: Aus Angst vor Ausgrenzung ziehen sich Depressive zurück

Foto: Corbis

Vier Millionen Deutsche leiden unter Depressionen, die Krankheit ist damit ein Volksleiden. Depressive Menschen dagegen denken nicht nur, sie wären die einzigen Betroffenen, sie empfinden sich zudem selbst als wenig liebenswert. Gleichzeitig haben sie Angst, wegen ihrer Krankheit gedemütigt zu werden. Eine internationale Studie hat jetzt gezeigt: Vier von fünf depressiven Patienten fühlten sich schon einmal wegen ihrer Krankheit diskriminiert. Diese Ablehnung verstärkt die Selbstzweifel, ein Teufelskreis entsteht.

Was können depressive Menschen tun, wenn sie benachteiligt werden? Und wie sollten Familie, Freunde und Arbeitskollegen mit der Krankheit umgehen?

"Grundsätzlich empfinden Menschen mit Depressionen es als große Erleichterung, über ihre Krankheit zu sprechen", sagt die Psychiaterin Christine Rummel-Kluge, Geschäftsführerin der Stiftung Deutsche Depressionshilfe . "Doch nicht in allen Fällen ist das ratsam."

Die Familie: Unterstützung durch verständnisvolle Verwandte

Vor Familie und Freunden können Betroffene die Krankheit meist nicht verstecken: Traurige Stimmung, Interesselosigkeit und Antriebslosigkeit sind die drei Hauptsymptome. Depressive haben häufig Konzentrationsstörungen, kaum Appetit und schlafen schlecht. "Aufklärung ist entscheidend, um herablassendes Verhalten zu verhindern oder vorzubeugen", so Rummel-Kluge.

Mit das Schlimmste sei für die Patienten, wenn das Umfeld die Krankheit nicht anerkenne. Durch Aussagen wie "reiß dich mal zusammen, mir geht es auch manchmal schlecht", fühlten Betroffene sich nicht ernst genommen und gleichermaßen diskriminiert. "Manchmal hilft es schon, den Angehörigen klar zu machen, dass Depression eine Krankheit ist, die behandelt werden kann", sagt Rummel-Kluge. Wichtig sei, dabei sachlich zu bleiben.

Wenn der Gefühlsterror trotz Gesprächen kein Ende nimmt, bleibt nichts anderes als Dritte einzuschalten. Häufig verhalten sich entfernte Verwandte rücksichtslos. Dann kann der Partner oder eine andere nahestehende Person versuchen, an das Mitgefühl des Skeptikers zu appellieren. "Wenn jedoch alle Versuche auf taube Ohren stoßen, sollte der Kontakt zumindest zwischenzeitlich abgebrochen werden", so Rummel-Kluge. "Auch wenn es schwer fällt."

Der Arbeitsplatz: an das Betriebsklima angepasst reagieren

Am Arbeitsplatz ist das keine Option. Eine Vertrauensperson, der Betriebsrat oder Betriebsarzt können helfen, Konflikte zu lösen. Wichtig sei es, schnell zu reagieren, bevor die gegenseitige Missgunst zu groß wird. Je nach Vertrauensverhältnis könne auch der Chef eingeweiht werden. Demütigungen am Arbeitplatz hielten nach dem ersten klärenden Gespräch selten an, sagt Rummel-Kluge.

Die Psychiaterin rät jedoch davon ab, am Arbeitplatz generell offen mit der Diagnose Depression umzugehen, gerade bei befristeten Verträgen oder in einem sowieso schon angespannten Betriebsklima. Wenn das Verhältnis zum Chef und den Kollegen dagegen gut sei, könne es eine große Erleichterung sein, die Krankheit öffentlich zu machen. "Dann entlasten die Kollegen einen Betroffenen eher in einer schlechten Phase", erklärt die Psychiaterin. "In guten Zeiten kann dieser sich dann revanchieren."

Oft verletzen Menschen die Gefühle von Depressiven auch unabsichtlich, weil sie nicht wissen, wie sie richtig mit ihnen umgehen sollen. "Manche Angehörige etwa verteufeln grundsätzlich Medikamente, weil sie sich nicht vorstellen können, dass diese bestimmte Vorgänge im Gehirn verändern, wodurch die Stimmung des Betroffenen besser wird", sagt Rummel-Kluge.

Der Freundeskreis: Betroffenen Zeit geben, den Kontakt halten

Freunde und Angehörige sollten den Patienten im Alltag nicht zu viel abnehmen und sich auf keinen Fall für sie aufopfern. Da Depressive dazu neigen, sich für alles selbst die Schuld zu geben, fühlen sie sich zusätzlich schlecht, wenn ihre Angehörigen zu viel Rücksicht nehmen oder selber Kraft und Mut verlieren.

Freundschaften werden in depressiven Episoden auf eine harte Probe gestellt: "Antriebslosigkeit ist ein Hauptsymptom der Krankheit", sagt Rummel-Kluge. "In einer depressiven Episode sagen die Kranken Einladungen von Freunden häufig ab. Viele Bekannte wenden sich irgendwann ab." Doch wenn sich Depressive zurückziehen, bedeutet das nicht, dass sie kein Interesse mehr an einer Freundschaft haben. Ihr Verhalten ist der Krankheit geschuldet. Menschen, die den Kontakt halten, wissen die Kranken später besonders zu schätzen.

Grundregeln: ruhig reagieren und Betroffene ernst nehmen

Die Angst vor Diskriminierung bestätigt sich nach den Zahlen der aktuellen Studie etwa am Arbeitsplatz nur in der Hälfte der Fälle. "Das Verständnis der Öffentlichkeit für Depressionen ist bereits wesentlich besser als noch vor einigen Jahren", sagt Rummel-Kluge. "Dennoch ist noch einiges zu tun, bis die Erkrankung Depression wie andere chronische Erkrankungen - etwa Diabetes - bewertet wird."

Entschließt sich ein depressiver Patient, seine Krankheit öffentlich zu machen, ist es wichtig, ruhig zu reagieren und seine Offenheit wertzuschätzen. "Man sollte sich unbedingt klar machen: Niemand, der nicht selbst betroffen ist, kann sich in die Situation hineinversetzten", so Rummel-Kluge. Ratschläge seien daher fehl am Platz. Positiver Nebeneffekt am entspannten Umgang mit depressiven Menschen: Fühlen sie sich in ihrer Situation verstanden und ernst genommen, kann das den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen.


Sind Sie selbst betroffen? Für Patienten und Angehörige gibt es Informationen und Hilfe bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe  und der Deutschen Depressionsliga .