Europäische Studie Jeder zehnte Arbeitnehmer war schon depressiv

Tausende Arbeitnehmer melden sich jährlich wegen psychischer Leiden krank. Jeder zehnte Arbeitnehmer in Europa, so das Ergebnis einer aktuellen Umfrage, ist schon einmal wegen einer Depression zu Hause geblieben. Schätzungen zufolge betragen die Kosten dafür fast 100 Milliarden Euro.
Einsam, hilflos, unsicher: Menschen mit Depressionen geraten häufig in eine Spirale, aus der sie nur schwer wieder herauskommen

Einsam, hilflos, unsicher: Menschen mit Depressionen geraten häufig in eine Spirale, aus der sie nur schwer wieder herauskommen

Foto: DPA

Oft beginnt es ganz banal: Schmerzen im Nacken, Schulterbeschwerden, Magenprobleme oder immer wiederkehrende Erkältungen. Später kommen Schlafstörungen oder Konzentrationsstörungen hinzu. Und die Ärzte, die nach physischen Ursachen fahnden, finden zunächst nichts. Dabei ist der Grund für das Leiden psychischer Natur. Gepaart mit Unsicherheiten oder Angstgefühlen führt das mitunter dazu, dass Betroffene sich krank melden.

Eine aktuelle Umfrage zeigt jetzt: Jeder zehnte Arbeitnehmer in Europa ist schon einmal wegen einer Depression zu Hause geblieben. Herausgefunden hat dies der Fachverband European Depression Association (EDA) in einer repräsentativen Online-Umfrage unter mehr als 7000 Europäern. Den ersten Ergebnissen zufolge, die am Montag im Brüssel vorgestellt wurden, verursacht jeder Depressionsschub durchschnittlich einen Ausfall von 36 Arbeitstagen.

Jeder fünfte Befragte hat demnach schon einmal die Diagnose Depression zu hören bekommen - am häufigsten waren Briten betroffen (26 Prozent), am seltensten die Italiener (12 Prozent). Deutsche Arbeitnehmer blieben der EDA zufolge am ehesten wegen eines Krankheitsschubs zu Hause (61 Prozent). Mit durchschnittlich 41 Tagen blieben sie der Arbeit auch am längsten fern. Zugleich klagten Umfrage-Teilnehmer aus Deutschland besonders über mangelnde Unterstützung durch den Arbeitgeber.

Angehörige und Freunde sollten aufhorchen

Depressionen

Detlef Dietrich, Ärztlicher Direktor des Ameos Klinikums Hildesheim ist Koordinator des Europäischen Depressionstags für Deutschland, der jährlich am 1. Oktober begangen wird und auf die lange tabuisierte Krankheit aufmerksam machen soll. Depressionen seien ein Volkleiden, so Dietrich, dennoch würden sie bei vielen Patienten nicht erkannt. Angehörige oder Freunde sollten aufhorchen, wenn jemand über Wochen hinweg über mehrere typische Symptome wie Schlafstörungen, Energiemangel oder innere Unruhe klagt.

Oft seien Probleme und Sorgen am Arbeitsplatz die Ursache: "Die Menschen leiden unter der Verdichtung von Aufgaben. Gleichzeitig ist die Unsicherheit, ob der Arbeitsplatz überhaupt Bestand hat, eine große psychische Belastung", sagt Dietrich. Allerdings würden Depressionen immer durch viele Faktoren bedingt. "Etwa auch durch familiäre Probleme oder erbliche Anlagen."

Nach Angeben von Dietrich kann eine Arbeit, die Spaß macht und weder über- noch unterfordert, das beste Antidepressivum sein. Ihm zufolge leiden etwa vier Millionen Menschen in Deutschland unter Depressionen. Aber nur circa zehn Prozent von ihnen würden langfristig betrachtet adäquat behandelt. "Teilweise erkennen sie selbst oder auch Hausärzte nicht, dass hinter körperlichen Beschwerden wie Rückenschmerzen eine psychische Erkrankung steckt."

Die volkswirtschaftlichen Kosten in Europa schätzen die von der EDA zitierten Quellen auf 92 Milliarden Euro im Jahr 2010 innerhalb der Europäischen Union. Verursacht werden sie durch Fehlzeiten und die Symptome der Krankheit. Die vollständigen Ergebnisse will die EDA 2013 vorlegen.

Für die Umfrage wurden vom 30. August bis zum 19. September 7065 Menschen in Europa online befragt. Die European Depression Association ist eine Allianz aus Organisationen, Patienten, Forschern und medizinischen Fachkräften aus 17 Ländern in ganz Europa.

cib/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.