Eltern mit Depressionen Wenn Kinder die Rolle von Vater oder Mutter übernehmen müssen

Kinder depressiver Eltern fühlen sich oft schuldig - manche leiden bis ins Erwachsenenalter. Teenagerin Katja hat ihrem Vater nach seinem Suizidversuch Briefe geschrieben und so ihre Gefühle verarbeitet.

Kinder depressiver Eltern leiden oft massiv unter der Krankheit ihres Elternteils (Symbolbild)
Kniel Synnatzschke/ Westend61/ Getty Images

Kinder depressiver Eltern leiden oft massiv unter der Krankheit ihres Elternteils (Symbolbild)

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Als Uwe Hauck beschließt, sein Leben zu beenden, ist seine 13-jährige Tochter Katja gerade in der Schule. Sie ist neu in der Klasse. Zusammen mit einer Mitschülerin raspelt sie Karotten, die Schüler wollen Flammkuchen backen. Sie erinnert sich noch genau daran, wie ihre Mutter plötzlich hereinkommt und leise mit der Lehrerin spricht.

"Ich habe gedacht, ich habe irgendwas angestellt", sagt sie vier Jahre nach dem Tag, den sie nie vergessen wird. Erst zu Hause erklärt die Mutter, warum sie Katja und ihre zwei Brüder so plötzlich aus dem Unterricht geholt hat: Der Vater sei "umgekippt". Zu viel Stress. Er sei nun im Krankenhaus, die Kinder bräuchten sich keine Sorgen zu machen, sagt sie.

"Die Erklärung habe ich von Anfang an nicht geglaubt", sagt Katja. Dennoch fragt keines der Geschwister nach. Sie spüren, es ist nicht der richtige Zeitpunkt, die Mutter ist angespannt, sogar die Großeltern sind gekommen. Der Vater bleibt in der Klinik, es vergehen Wochen.

Erst viel später sagen die Eltern Katja und ihren Brüdern die Wahrheit. Wieder rufen sie alle ins Wohnzimmer, wieder denkt Katja, sie hätte etwas angestellt. Stattdessen erfährt sie, dass ihr Vater versucht hat, sich das Leben zu nehmen. Aus einer Panikattacke heraus hatte Uwe Hauck seiner Frau noch eine Abschiedsnachricht per WhatsApp geschickt. So hatte sie ihn noch rechtzeitig gefunden.

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"Wir waren natürlich geschockt", sagt Katja. "Und gleichzeitig wollte ich sofort herausfinden, was eine Depression überhaupt ist und ob ich irgendwas damit zu tun habe." Sie hat so viele Fragen: Warum sollte man sich umbringen wollen? Kann es wieder passieren? Sie recherchiert im Internet, ist erleichtert, als sie liest, dass eine Depression gut therapierbar ist - ihr Vater ist ja nun in Behandlung. Endlich.

Betroffene neigen zu Schuldgefühlen

Jahrelang litt der 51-Jährige unter Depressionen und Angstzuständen, ohne es zu wissen. "Ich dachte immer, ich bin halt so", sagt Uwe Hauck. "Ich dachte, es ist ein Teil meiner Persönlichkeit, dass ich melancholisch und nachdenklich bin, oft unkonzentriert oder dass mich die Arbeit übermäßig stresst." Er hatte zunehmend das Gefühl, seine Familie sei ohne ihn besser dran. Bis zum Tag des Suizidversuchs.

"Das ist typisch für eine Depression," sagt Ulrich Hegerl, Psychiater und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Betroffene neigten in der Erkrankungsphase dazu, sich selbst die Schuld zu geben. "Sie erleben die Depression nicht als eigenständige Erkrankung, die jeden treffen kann", so Hegerl, "sondern sich selbst als Versager, als Jemanden, der seine Probleme nicht aufarbeitet oder mit Arbeitsbelastungen nicht fertig wird." Der Schritt zur Erkenntnis, dass es sich um eine Krankheit handle, sei sehr schwer für die meisten. "Manche brauchen Jahre", sagt Hegerl. "Für die Angehörigen ist das extrem belastend, sie fühlen sich oft hilflos."

Auch Katja weiß zunächst nicht, wie sie mit ihrem Vater umgehen soll. "Rückblickend ist mir bewusst geworden, dass die Depression an Vielem schuld war", sagt die heute 17-Jährige. "Er war zum Beispiel oft abwesend, seine Antworten passten gar nicht zu meinen Fragen." Wenn er von der Arbeit nach Hause kam, mussten die Kinder erst mal in ihre Zimmer, um den Vater nicht zu stressen. Dennoch habe sie eine schöne Kindheit gehabt, sagt Katja. Auch das wollte sie ihrem Papa sagen: 'Du musst dich nicht schlecht fühlen.'

Sie entscheidet sich, ihm Briefe zu schreiben. Ein Jahr lang schreiben Vater und Tochter einander, teilen ihre Gefühle mit. In diesem Jahr haben sie den Briefwechsel in dem Buch "Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?" veröffentlicht.

Katja und Uwe Hauck: "Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?"
Uwe Hauck

Katja und Uwe Hauck: "Lieber Papa, bist du jetzt verrückt?"

Der Umgang von Uwe und Katja Hauck ist liebevoll, es gibt keine Vorwürfe, keine verbitterten Worte. Dabei leiden gerade Kinder depressiver Eltern besonders unter der emotionalen Belastung. "Wenn Mutter oder Vater traurig sind, haben Kinder schnell das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben", sagt Michael Franz, Ärztlicher Direktor des Vitos-Klinikums für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik Gießen-Marburg. "Dann haben sie oft das Bedürfnis zu helfen oder etwas wiedergutzumachen."

Das größte Problem sei die sogenannte Parentifizierung, eine Rollenumkehrung, die entsteht, wenn ein Elternteil aufgrund der Krankheit nicht mehr richtig für sich sorgen kann. Besonders bei alleinerziehenden Elternteilen übernehmen Kinder dann Aufgaben, die eigentlich nicht kindgerecht sind, "um die Balance in der Familie wiederherzustellen", erklärt Franz, der spezielle Coachings für Kinder psychisch kranker Eltern anbietet. "Sie helfen im Haushalt, gehen einkaufen oder betreuen sogar das erkrankte Elternteil, ermuntern es etwa zum Einnehmen von Medikamenten oder trösten."

Gleichzeitig tun die Kinder nach außen so, als sei alles in Ordnung - wegen des Stigmas, das immer noch auf Depressionen liegt. "Kinder lieben ihre Eltern, egal, was diese sagen oder tun und ob diese gesund oder krank sind", so Franz. "Das kann zu Loyalitätskonflikten führen."


"Wenn meine Mutter wieder ins Krankenhaus muss, denke ich immer, dass ich das bewirkt habe." (Lukas, 17 Jahre*)

"Statt in die Schule zu gehen und Hausaufgaben zu machen, sollte ich bei ihr bleiben, wie sie da täglich traurig und allein im dunklen Haus sitzt. Ihr Bild sehe ich immer vor mir, selbst in der Schule." (Elisa, 13 Jahre*)

"Ich war letztens sogar einmal frech. Ich dachte danach: Hoffentlich bringt sie sich nicht um." (Ben, 11 Jahre*)

*Aussagen von Teilnehmern aus der psychiatrischen Beratungsstelle der Vitos-Kliniken in Gießen-Marburg. Namen und Alter wurden von der Redaktion geändert.


Dadurch ergebe sich bei Kindern häufig das Gefühl, kein Recht auf ein eigenes Leben zu haben. "Solche Menschen sind als Erwachsene oft Burn-out-gefährdet, weil Selbstfürsorge für sie schwierig ist - sie bekommen dabei schnell ein schlechtes Gewissen", sagt Franz. "Ihre Erfahrungen können aber auch eine Chance sein und sie stärker machen."

Die Stille beenden

Katja Hauck fängt nach dem Suizidversuch ihres Vaters selbst eine Therapie an. Dort lernt sie nicht nur, was die Krankheit ihres Vaters bedeutet - sondern auch, offen damit umzugehen. "Meine Mitschüler hatten so viele Fragen, daran habe ich gemerkt, dass darüber viel zu wenig gesprochen wird", sagt sie.

Auch Uwe Hauck empfindet den offenen Umgang mit seiner Depression als Befreiung. "Ich habe früher so oft erlebt, wie Leute gesagt haben 'Das wird schon wieder' oder 'Reiß' dich mal zusammen'", erzählt er. "Das hilft in solchen Momenten gar nicht und gab mir noch mehr das Gefühl, ein Versager zu sein."

Während seines Klinikaufenthalts twittert der IT-Fachmann unter dem Hashtag #ausderklapse. "Auf einmal bekam ich viele Nachrichten von allen möglichen Menschen, die sagten: Mir kommt das bekannt vor, ich glaube, ich gehe auch mal zum Therapeuten." Es überrascht ihn, wie viele es sind. Daher sei es wichtig, die Stille um die Depressionen zu beenden.

Heute weiß Uwe Hauck, dass die Grübeleien kein Teil seiner Persönlichkeit sind. Gegen Panikattacken trägt er immer einen Chili-Bonbon bei sich: "Die Schärfe lenkt meinen Körper von der Panik ab", sagt er. "So bekomme ich Angstzustände in den Griff." Er nimmt Antidepressiva, die ihn stabilisieren, hat alte Hobbys wiederbelebt und macht viel mit seinen Kindern. "Der Klinikaufenthalt ist das Beste, was uns passieren konnte", sagt er. "Die depressiven Phasen können wieder kommen. Aber ich habe gelernt, damit umzugehen."



insgesamt 8 Beiträge
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ich61 03.10.2019
1. Depression
Auch ich seit Jahren in Behandlung wegen Depressionen. Mein Vater war Alkoholiker, meine Mutter hat immer gearbeitet. Ich übernahm die Rolle der Mutter, kochte für die Familie kümmerte mich um den betrunkenen Vater. Erst im Alter wurde mir gesagt ich sei depressiv. Ich selbst hab das immer alles für normal gehalten. Keine Freunde sich immer um die Familie kümmern ich kannte ja nichts anderes.Nur wenn man jemanden sagt dass man Depressiv ist ist das ein Stigma . Alle glauben dass man den ganzen Tag irgend welche Pillen schluckt das man mit seinem Leben nicht zurechtkommt. Doch das stimmt nicht. ich nehme keine Pillen bin 58 hab zwei wunderbare Söhne. Nur in der Nacht wenn alles Ruhig ist dann kommen meine Probleme zu Tage. Ich bin jedoch dankbar meinem Therapeuten und ich habe viel gelernt.
franxinatra 03.10.2019
2. Es scheint heutzutage ein allgemein reiferer Umgang mit den Erkrankten
eingekehrt zu sein, das ist ein wenig beruhigend. Für mich war es normal der Tröster meiner Mutter zu sein, in den 70ern. Die Wechselwirkung auf meines schulischen und beruflichen Werdegänge begriff ich erst fiel später, und nach Irrfahrten durch die unterschiedlichsten therapeutischen Qualitätsstufen, bis hin zu einer Psycho-Sekte. Bis dahin sah ich die Schuld an allem in mir. Nun, bald 60, kehrt ein angenehmer Friede ein. Auch, weil meine Mutter inzwischen verstorben ist: bis zuletzt war sie so auf ihre Unheilbarkeit fixiert, dass ihr nur noch Alkohol 'Trost' verschaffte. Wie gesagt, gegenwärtig schein ein offenerer Umgang mit der Problematik möglich. Das sollte unbedingt wenigstens so bleiben...
widower+2 03.10.2019
3. Leider!
Leider geht das nicht immer so relativ gut aus und selbst wenn die Betroffenen den Willen aufbringen, sich um eine Therapie zu bemühen oder Angehörige das tun, wird man oft vertröstet und muss monatelang warten. Da bleibt dann manchmal nur der direkte Weg in die Klinik. Ob freiwillig oder per Zwangseinweisung. Und dort wird dann hauptsächlich und auf Teufel komm raus medikamentös therapiert. Oft ohne positive Wirkung und direkt in eine weitere Abwärtsspirale führend. Wie das bei meiner Frau ausgegangen ist, kann man mit nur wenig Phantasie aus meinem Nick schließen.
ellibelli65 03.10.2019
4. Depressionen? Stigma?
Wenn es um psychische Erkrankungen geht, wird fast zu 100 % über die Depression gesprochen. Vieles, was eigentlich eine andere psych. Erkrankung ist, wird von den Betroffenen selbst und von der Außenwelt allzugern so bezeichnet, weil das Stigma, an einer Depression erkrankt zu sein, im Vergleich zu anderen Erkrankungsformen noch relativ gering ist. Ist jemand psychisch erkrankt, hat er Depressionen. Punkt. So ist das bei weitem nicht. Der Protagonist des Artikels mag wohl eindeutig als depressiv diagnostiziert worden sein. Dass er dann unter dem ironisch gemeinten hashtag #ausderklapse Tagebuch führt, zeigt nur, wie sehr er sich selbst von den anderen Patienten, die er in der "Klapse" wohl auch getroffen haben mag, abgrenzen möchte. Diese Patienten sind vielleicht nicht so eloquent und geistesgegenwärtig, haben Ticks, sprechen manchmal wirr, sind in Zwangshandlungen verstrickt, verweigern Nahrung, verletzen sich, hören Stimmen etc etc... Stigmatisierung ist Teil ihres täglichen Lebens und berichtet wird relativ selten. Aus Scham. Aus Angst.
flightlessbird17 03.10.2019
5. #3
Danke, ich kann Ihnen aus ganzem Herzen zustimmen. Es stimmt bei Weitem nicht, dass schwere Depressionen gut therapierbar sind und zu einer Behandlung in einer stationären Psychiatrie kann ich niemandem guten Gewissens raten. Der ewige Satz davon, man müsse sich nur professionelle "Hilfe" suchen und Medikamente nehmen oder sich in Therapie begeben, dann würde das schon wieder werden, steht für mich auf einer Stufe mit "reiß dich mal zusammen, dann wird das schon wieder" oder "ich bin auch öfter depressiv, dann mache ich ganz viel Sport und Yoga und gehe mit Freunden weg und dann geht es mir besser, probier das doch auch mal!!".
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