Depressionen Wie Schlafentzug gegen das Seelentief hilft

Stromstöße ins Gehirn, Schrittmacher für Hirnnerven oder Schlafentzug - die Methoden muten grausam an, doch bei schweren Depressionen können sie helfen, wenn Psychotherapien und Medikamente versagen. Einige der Alternativen sind umstritten - versprechen aber großen Erfolg.
Verzweifelt und ohne Antrieb: Schwere Depressionen machen das Leben zur Last

Verzweifelt und ohne Antrieb: Schwere Depressionen machen das Leben zur Last

Foto: Corbis

Wenn eine schwere Depression zur Dauerqual wird, und wenn die üblichen Medikamente und Psychotherapien nicht helfen, greifen Ärzte manchmal zu sehr drastisch anmutenden Methoden: Von der Elektrokrampftherapie bis hin zum Schrittmacher für Hirnnerven - oftmals sind diese Verfahren der letzte Hoffnungsschimmer für Menschen, die dem Dauertief nicht entkommen können.

Aber auch bei leichten Symptomen probieren Mediziner mitunter scheinbar ungewöhnliche Maßnahmen aus. Manche von ihnen sind erfolgversprechend, andere müssen noch genauer überprüft werden.

SPIEGEL ONLINE stellt die wichtigsten alternativen Therapien gegen Depressionen vor und erklärt, wie wirksam sie wirklich sind.

Elektrokrampftherapie: Von Krampf keine Spur

Netzwerke im Gehirn: Mediziner versuchen vieles, um Depressionen zu lindern

Netzwerke im Gehirn: Mediziner versuchen vieles, um Depressionen zu lindern

Foto: Corbis

Stromimpulse in den Kopf? Allein bei der Wortkombination formen sich vor dem inneren Auge Szenen eines gequälten Menschen, der sich vor Schmerzen krümmt. Die Realität ist heute aber harmlos: Wer sich für eine Elektrokrampftherapie (EKT) entscheidet, wird in acht bis zehn Sitzungen in eine Kurznarkose versetzt, erhält ein Mittel zur Muskelentspannung und Elektroden an den Kopf. Nach zehn Minuten ist die schmerzlose Prozedur vorbei.

Zu spüren ist von den Stromimpulsen, die durch das Gehirn strömen, nichts. "Die Ärzte lösen zwar einen Krampfanfall aus, doch das geschieht nur im Kopf und führt nicht zu Verkrampfungen der Muskeln", erklärt Michael Grözinger, Psychiater am Universitätsklinikum Aachen. Er bevorzugt daher den Begriff Elektrokonvulsionstherapie, denn die Zeiten des schmerzhaft krampfenden Patienten sind seit Jahrzehnten vorüber.

Leichtfertig wird die Therapie trotz des Fortschritts nicht verschrieben, vielmehr wird sie nur Depressiven mit besonders schweren Symptomen vorgeschlagen. Die Mehrheit von ihnen leidet schon seit Jahren, ist stark selbstmordgefährdet und deshalb Dauergast in Psychiatrien. Weder Medikamente noch Psychotherapie haben sie aus dem dunklen Loch holen können. Die EKT ist ihr Hoffnungsschimmer. Experten halten sie für die wirksamste Methode gegen schwere Depressionen. Mindestens jedem Zweiten geht es nach der Therapie besser. Im Jahr 1985 wurden in Deutschland nur 800 Patienten mit EKT behandelt, heute sind es bis zu 5000 Patienten jährlich.

Juristisch gesehen eine Körperverletzung

Das Verfahren ist trotz der Erfolge umstritten. Gegner werfen der Methode vor, Hirnschäden zu verursachen und ein Akt der Gewalt zu sein. "Wie die Blinddarm-Operation ist auch die EKT juristisch gesehen eine Körperverletzung, die vom Patienten oder dessen gesetzlichen Betreuer schriftlich erlaubt wurde", sagt Grözinger. In Vorgesprächen informiert er die Patienten und deren Angehörige über Nebenwirkungen. "Nur etwa einer von zehn Patienten lehnt dann die Behandlung ab", berichtet Grözinger.

Dabei umfassen die möglichen Nebenwirkungen eine weite Spanne: Leichte Kopfschmerzen, Übelkeit, ein Gefühl wie Muskelkater, Gedächtnisverlust, sogar Tod. "Ja, das stimmt. Alle 75.000 Behandlungen stirbt statistisch gesehen ein Patient durch die EKT. Das darf man nicht verheimlichen", sagt Here Folkerts, Psychiater und Chefarzt am Reinhard-Nieter-Krankenhaus in Wilhelmshaven. Todesfälle gebe es aber eigentlich nur bei falschen Anwendungen oder wenn Herzprobleme bei der Voruntersuchung übersehen wurden.

Inzwischen hat sich der Erfolg der Therapieform herumgesprochen. Manche Patienten haben riesige Erwartungen an die EKT. Doch Grözinger warnt: "Dieses Verfahren ist keine Wunderheilung. Das vergessen viele." Nicht alle Patienten würden gleich gut darauf ansprechen. In allen Fällen müssten die Betroffenen weiterhin Medikamente nehmen und die Psychotherapie nutzen.

Einige rutschen trotz erfolgreicher EKT wieder zurück in die Depression. "Nicht verwunderlich", sagt Folkerts. "Schließlich sind Menschen, denen wir eine EKT anbieten, schon lange und schwer erkrankt, sie hatten meist schon mehrere stark depressive Phasen. Das verschlechtert generell die Prognose für eine dauerhafte Heilung."

Vagusnerv-Stimulation: Schrittmacher für die Psyche

Alle fünf Minuten ein Impuls: Der Schrittmacher hält das Emotionszentrum auf Trab

Alle fünf Minuten ein Impuls: Der Schrittmacher hält das Emotionszentrum auf Trab

Foto: DAVID J. PHILLIP/ ASSOCIATED PRESS

Bei der Behandlung von Epilepsiepatienten entdeckten Mediziner in den neunziger Jahren eine interessante Nebenwirkung: Eine Art Schrittmacher, der den sogenannten Vagusnerv im Hirn anregt und auf diesem Weg epileptische Anfälle unterbindet, hellt gleichzeitig die Stimmung der Patienten auf. Könnte das eine neue Therapiemöglichkeit für schwer depressive Menschen sein?

Die Vagusnerv-Stimulation (VNS) funktioniert nur über eine Operation. Ärzte setzen eine Elektrode im Halsbereich ein, die mit einem Draht zum Nerv verbunden ist. An der Achsel wird ein Impulsgeber unter der Haut platziert, der alle fünf Minuten aktiv wird. Bei Stimulation sendet der Nerv dann ein Signal an das Emotionszentrum im Gehirn, das limbische System. Dort wird die Stimmung reguliert. Alle paar Jahre muss dann die Batterie gewechselt werden - auch wieder mit einer Operation. Die Methode kommt Grözinger zufolge daher im Praxisalltag kaum vor.

"Auch die Erfolge sind insgesamt überschaubar", sagt Here Folkerts. Die Erfolgsquoten liegen demnach bei 20 bis 30 Prozent. Nicht sehr viel, wenn man bedenkt, dass so ein Gerät etwa 15.000 Euro kostet, OP-Kosten nicht einberechnet. Zudem mangelt es an handfesten Studien zur Wirksamkeit des Schrittmachers bei Depressionen. "Das ist nicht wie bei der Elektrokonvulsionstherapie, wo wir auf Jahrzehnte lange Forschung zurückblicken", erklärt der Psychiater. "Die VNS steht noch auf wackeligen Füßen."

Dennoch gibt es Menschen, die von der Methode profitieren. "Eine meiner Patientinnen zeigte sieben lange Jahre schwere Symptome und hatte alles dagegen ausprobiert", erzählt Folkerts. "Nun trägt sie seit fast acht Jahren das Gerät und ist beschwerdefrei." Die Betroffenen haben aber in der Regel eine noch längere Leidensgeschichte mit unzähligen Klinikaufenthalten und tiefdepressive Phasen hinter sich als etwa EKT-Patienten.

Transkranielle Magnetstimulation: Kopf im Magnetfeld

Starke Magnetfelder: Die Stimulation soll den Stoffwechsel im Gehirn anregen

Starke Magnetfelder: Die Stimulation soll den Stoffwechsel im Gehirn anregen

Foto: Princeton University

Ein leichtes Kribbeln am Kopf ist das einzige Anzeichen für den Patienten, dass gerade ein starkes Magnetfeld auf ihn einwirkt. Mit Hilfe der sogenannten Transkraniellen Magnetstimulation (TMS) sollen Depressive mit besonders schweren und anhaltenden Symptomen Besserung verspüren. "Bei 20 bis 30 Prozent aller Behandelten klappt das", schätzt Here Folkerts. Durch die Stimulation soll der Hirnstoffwechsel angeregt werden, mehr Botenstoffe auszuschütten.

Wie erfolgreich die TMS tatsächlich ist, zeigen bisher nur wenige Studien. "Die Wirkung ist insgesamt eher dürftig belegt", sagt Michael Grözinger. Dennoch wurde die TMS bereits 2008 in den USA offiziell für therapieresistente Depressionen zugelassen, also für jene Patienten, denen Medikamente, Psychotherapien und auch eine EKT nicht helfen konnten. Auch in Deutschland ist die Magnetbehandlung diesen besonders betroffenen Personen vorbehalten.

"Im deutschen Klinikalltag spielt die TMS bei der Behandlung von Depressiven derzeit eine eher untergeordnete Rolle", sagt der Aachener Psychiater Grözinger. Das mag auch daran liegen, dass die Behandlung recht aufwendig ist. Über drei bis vier Wochen müssen die Patienten täglich die 30-minütige Prozedur über sich ergehen lassen, bei der zwei handtellergroße Magnetspulen über ihrem Kopf fixiert werden.

Die Nebenwirkungen der schmerzfreien Magnetbehandlung sind noch unklar. "Manche Patienten verspüren nach den Sitzungen ein Drücken am Kopf. Doch das geht wieder weg", berichtet Folkerts. Bekannt ist aber auch, dass in Einzelfällen epileptische Anfälle auftreten können. Ebenso bleibt bisher offen, ob das Gehirn durch die Veränderungen auf lange Sicht zu Schaden kommt.

Wachtherapie: Kochen statt Schlafen

Kochen, um die Zeit zu vergessen: Mit gemeinsamen Aktionen halten sich die Patienten wach

Kochen, um die Zeit zu vergessen: Mit gemeinsamen Aktionen halten sich die Patienten wach

Foto: Corbis

Was als Foltermethode verschrien ist, kommt im klinischen Alltag als gemütliche Gruppenbehandlung daher. Schlicht und mit wenig Aufwand bewirkt Schlafentzug, auch Wachtherapie genannt, sogar kleine Wunder.

Denn: Schon am nächsten Tag steigt die Stimmung der Depressiven. "Das ist bei manchen wie ein Schalter, der umgelegt wird: Abends noch depressiv, am nächsten Tag gut gelaunt", sagt Grözinger. Der Schlafentzug ist eine Routinemaßnahme, die ein- bis zweimal pro Woche mit wenig Aufwand viel bewirkt. Keine andere Therapie bringt so schnell einen Erfolg. Immerhin knapp 60 Prozent aller Patienten sprechen auf die Behandlung an. Profitieren können von dem Effekt alle, Menschen mit leichten gleichsam wie mit besonders schweren Depressionen.

Die meisten Patienten jedoch scheuen es, ihren Schlaf zu unterbrechen oder gar darauf zu verzichten. "Die meisten haben eben Schlafstörungen und fürchten zu sehr um ihre nächtlichen Ruhestunden", sagt Folkerts. Dabei läuft die Wachtherapie harmlos ab. "Stellen Sie sich einen Flug in den Urlaub vor: Morgens um 6 Uhr geht der Flieger, um 3 Uhr müssen sie aufstehen. So ähnlich läuft der Schlafentzug ab", erklärt Folkerts.

Wie auf einer Silvesterparty

Und: Niemand muss allein da durch. Mehrere Patienten bleiben entweder die ganze Nacht wach oder werden morgens um 2 Uhr geweckt. In diesen späten Stunden unternehmen sie gemeinsam etwas: frühstücken, kochen, spielen oder spazieren gehen. "Das ist wie zu Silvester. Mit Freunden kann man die ganze Nacht durch hellwach bleiben", sagt Grözinger. Die Patienten dürfen dann aber erst am darauffolgenden Abend wieder zu Bett gehen, nicht am Ende der Nacht.

Woher die Ausgelassenheit am nächsten Tag herkommt, was in Körper und Gehirn passiert, können Forscher bisher nur vermuten. Womöglich bringt das Wachbleiben den Hormonhaushalt und Botenstoffe im Gehirn in einen neuen Takt - leider nicht dauerhaft. Der Erfolg einer durchwachten Nacht verfliegt oftmals ebenso schnell, wie er gekommen ist. Nur bei 15 Prozent der Patienten hält der Effekt lange an. Die meisten fallen schon nach dem nächsten Nachtschlaf zurück ins Tief. Schon ein Mittagsnickerchen kann den Effekt mindern.

Dennoch: Manche beflügelt das Gefühl nach einer durchwachten Nacht nachhaltig. "Die persönliche Erfahrung, dass die Stimmung tatsächlich auch wieder besser sein kann, ist für die meisten Patienten bahnbrechend. Sie schöpfen daraus Hoffnung und erkennen, dass sie ihre Erkrankung selbst beeinflussen können. Ein Gefühl, das sie bei Medikamenten weniger haben", sagt Grözinger. Folkerts hat sogar schon Patienten erlebt, denen der Schlafentzug so guttat, dass sie ihn später auch zu Hause durchführten, um der mentalen Tristesse vorzubeugen.

Mittelmeerkost: Fisch und Nüsse gegen die Schwermut

Olivenöl, Nüsse und Fisch: Eine mediterrane Ernährung als Therapie

Olivenöl, Nüsse und Fisch: Eine mediterrane Ernährung als Therapie

Foto: Corbis

Ein bisschen mehr Fisch, viele Früchte und Nüsse und immer ein Schuss Olivenöl dazu: Die Mittelmeerkost hat schon lange den Ruf, besonders gesund zu sein. Seit einiger Zeit mehren sich auch die Studien, die auf einen Zusammenhang zwischen mediterraner Ernährung und einem geringeren Risiko für Depressionen hinweisen.

Ein spanisches Forscherteam veröffentlichte 2009 eine Untersuchung , bei der man über einen Zeitraum von vier Jahren die Gesundheit und den Lebensstil von 10.000 Spaniern beobachtete. Jene Teilnehmer, die sich konsequent mediterran ernährten, erkrankten um bis zu 50 Prozent seltener an einer Depression als jene Probanden, die sich normal ernährten.

Eine weitere Studie der spanischen Forscher nähert sich dem Phänomen von der anderen Seite. Nicht was eine Depression verhindert, sondern was sie auslösen kann, haben sie an über 12.000 Studienteilnehmern untersucht. Wie sie im Fachjournal "PLoS One" berichten , durchlebten 657 der Testpersonen in einem Zeitraum von mehr als zehn Jahren eine Depression.

Dabei hatten Teilnehmer, die viele Transfettsäuren zu sich nahmen, ein um 48 Prozent erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken. Diese Substanzen finden sich häufig in industriell hergestellter Nahrung wie etwa Margarine oder frittierten Produkten.

Leckeres macht glücklich

Die Studien suggerieren: Eine durchdachte Ernährung habe Therapiecharakter. Der Chefarzt Ulrich Voderholzer von der Schön Klinik Roseneck am Chiemsee sieht das kritisch: "Falsche Ernährung löst keine Depression aus. Allein durch richtige Ernährung kann man diese schwere seelische Erkrankung nicht heilen."

Ganz absprechen möchte er den Effekt von Essen jedoch nicht: "Dass Nahrungsmittel die Stimmung aufhellen, weiß jeder aus seinem Alltag. Durch Schokolade zum Beispiel wird der Serotoninspiegel im Gehirn kurzzeitig erhöht." Der Botenstoff ist bei Depressiven zu wenig vorhanden. Eine kleine Süßigkeit nach der Hauptmahlzeit könne der Mediziner daher nur empfehlen.

Doch nicht nur Schokolade kann positive Gefühle auslösen. "Wenn man etwas Leckeres isst, dann fühlt man sich eben insgesamt auch wohler, als wenn man immer an trockenen Instant-Nudeln knabbert", sagt Gerd Kempermann vom DFG-Forschungszentrum für Regenerative Therapien in Dresden.

Wichtiger erscheint Voderholzer weniger was die Patienten essen, sondern wie. "Viele essen nicht mehr regelmäßig, weil ihnen der Antrieb dazu fehlt. Im Klinikalltag beobachten wir, dass geregelte Mahlzeiten die Stimmung verbessern können."

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.