Hunde im Drogenentzug Tierisch hilfreich

47 Patienten, 25 Hunde und zwei Hauskatzen: In einer Klinik in Mecklenburg-Vorpommern dürfen Suchtkranke ihre Tiere mit zur Therapie bringen. Die Vierbeiner sind oft ihr letzter Halt im Leben - und helfen, Vertrauen aufzubauen.

DPA

Püppy hüpft im Kreis. Die junge Mischlingshündin freut sich sichtlich auf das Lauftraining in der Drogenklinik von Tessin, einem kleinen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern. Besitzerin Jacqueline lebt seit einem halben Jahr zur Entwöhnung in der Schloss-Klinik der evangelischen Suchtkrankenhilfe. Püppy sei ihr ein und alles, ohne ihren Hund wäre sie nicht hier, sagt die 25-Jährige. "Der Hund begleitet mich, er schenkt mir Vertrauen, ist immer da, wenn man mal Schwierigkeiten hat."

Das 200 Jahre alte Mecklenburger Schloss gelte bundesweit als die erste Suchtklinik, die Tiere der Patienten mit im Haus wohnen lasse und in die Entwöhnungsbehandlung einbeziehe, erzählt Therapeutin Kerstin Milewski. Die Tiertrainerin nimmt Sky, einen vierjährigen Husky-Mix, an die kurze Leine und zeigt seinem Herrchen Robert das korrekte Laufen bei Fuß. Auch der 26-Jährige geht fast keinen Schritt ohne seinen vierbeinigen Freund. "Mein Hund ist mein Lebensinhalt und mein künftiger Beruf." Nach der Therapie wolle er eine Ausbildung zum Tierpfleger beginnen.

Seit mehr als zehn Jahren gibt es in Tessin tiergestützte Therapien. Zwar hatten auch davor schon einige Patienten ihre Hunde dabei, damals waren die Tiere jedoch nur draußen im Zwinger geduldet. Jetzt seien die Vierbeiner integriert, erzählt Verwaltungschefin Silvia Nierath. Damit das funktioniert, wurde das Schloss extra für die tierischen Mitbewohner umgebaut. In die Patientenzimmer kamen Hochbetten, die die Hunde nicht erreichen konnten. Die Vierbeiner wiederum schlafen direkt unter ihren Herrchen oder Frauchen.

Der Hund als letzter Halt im Leben

Psychiater Alf Kroker, Chefarzt im Schloss Tessin, sieht große Vorteile in der engen Beziehung seiner Patienten zu ihren Tieren. "Viele Suchtkranke haben alle sozialen Kontakte abgebrochen", sagt er. Im Mittelpunkt ihres Lebens stand bisher der Konsum illegaler Drogen, alles drehte sich darum, wie für Heroin, Kokain, Haschisch, Crystal oder Speed Geld zu beschaffen ist. Beziehungen zu Freunden und Familien gingen kaputt. "Die Bindung zum Hund blieb oft als einzige bestehen, das Tier gibt den letzten Halt im Leben."

Letztlich würden sich Suchtkranke gegen eine Entwöhnung entscheiden, wenn sie sich dafür von ihrem Hund trennen müssten, weiß der Neurologe. "Dem Tier wird bedingungslos vertraut, es ist wie ein eigenes Kind, ein kompetenter Beschützer", sagt Kroker. Oft fänden Therapeuten über die Beschäftigung mit dem Hund auch leichteren Zugang zum Patienten.

"Das Tier hungert nie, es wird immer gut versorgt", fügt Kerstin Milewski hinzu. Die tiergestützte Langzeittherapie im Schloss sei letztlich "Beziehungsarbeit". Der Patient lerne, nicht nur für den Hund, sondern auch wieder für sich und die eigene Gesundheit Verantwortung zu übernehmen, zu arbeiten, den Alltag zu meistern.

25 Hunde und drei Hauskatzen

Etwa jeder zweite der 47 Schlossbewohner, die aus ganz Deutschland nach Tessin kommen, hat einen oder zwei Vierbeiner dabei. Insgesamt 25 Hunde leben derzeit in der Drogenklinik sowie drei Hauskatzen. "Wir hatten schon mal eine Würgeschlange hier, einen Python", sagt Kroker. Zur Klinik gehören außerdem zwei Kaltblutpferde, die eine speziell ausgewählte Pferde-Crew während der Arbeitstherapie füttert, pflegt und reitet.

Der Aufwand für einen solchen Klinikbetrieb sei hoch, die Regeln müssten sehr streng sein und penibel eingehalten werden, sagt Schlossleiterin Nierath. Hundehaltung im Patientenzimmer, Maulkorbpflicht im Haus, Leinenzwang im Park, freies Toben nur in eingezäunten Geländen, Training in kleinen, aufeinander abgestimmten Gruppen. Bisher hätten sich weder Hunde noch Menschen in Tessin ernsthaft verletzt, auch größere Probleme mit tierischen Ausreißern im Dorf gebe es nicht, meint die Chefin.

Auch Außenstehende loben das Tessiner Modell. Drogenabhängigen sei das Tier oft als einziger Sozialpartner geblieben, sagt Ingrid Stephan, Leiterin des Instituts für soziales Lernen mit Tieren in Lindwedel bei Hannover. Nach Ansicht der Sozialpädagogin bringt der eigene Hund Vorteile für den Patienten einer Drogenklinik. "Das Tier strukturiert den Tagesablauf, der Betroffene kommt in eine positive Versorgerrolle."

von Grit Büttner, dpa



insgesamt 10 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pflanzenfresser 16.12.2014
1.
---Zitat--- Im Mittelpunkt ihres Lebens stand bisher der Konsum illegaler Drogen, alles drehte sich darum, wie für ..., Haschisch, ... Geld zu beschaffen ist. ---Zitatende--- Nicht, dass das irgendetwas mit der Kernaussage des Artikels zu tun hat - jeder, der eine Beziehung zu Tieren hat, weiss um die Bedeutung der Beziehung.... Haschisch hier in der Liste der schwer abhängig machenden harten Drogen zu finden, lässt tief auf die Qualität des Artikels schliessen....
my50cents63 16.12.2014
2. Dazu eine schöne Geschichte aus dem Tierschutz,
die ich vor ein paar Wochen gefunden habe! http://www.hunde-poesie.de/tierschutz/sheila.html
mcpoel 16.12.2014
3. Überschrift
"Hunde im Drogenentzug": Legt eine solche Überschrift nicht die Frage nahe, wonach die Hunde wohl süchtig sind, daß sie in den Entzug müssen? Und was was wohl kostet...
Greyjoy 16.12.2014
4.
Zitat von pflanzenfresserNicht, dass das irgendetwas mit der Kernaussage des Artikels zu tun hat - jeder, der eine Beziehung zu Tieren hat, weiss um die Bedeutung der Beziehung.... Haschisch hier in der Liste der schwer abhängig machenden harten Drogen zu finden, lässt tief auf die Qualität des Artikels schliessen....
Naja es ist schon so, dass viele die von harten Drogen abhängig sind, auch nebenher kiffen. Dafür gibt es sicherlich diverse Gründe. Wobei jeder mit ein bisschen Verstand heute weiß, dass es nicht an dem Märchen von der Einstiegsdroge liegt. Viele kiffen auch um runter zu kommen. In diesem Sinne ist es nicht ganz falsch auch Cannabis in die Liste der konsumierten Stoffe aufzunehmen. Generell finde ich die Idee sehr gut. Haustiere gehören aus meiner Sicht zur Familie und geben Halt. Allerdings verfallen Sie nicht in Co-Abhängigkeit.
tzyschologe 16.12.2014
5. In unserer Einrichtung...
Sind regelhaft Menschen die alleine von Thc abhängig sind und nicht ohne Hilfe davon wegkommen. Manchmal sind psychische Erkrankungen für "Normale" nicht immer verstehbar d.h. aber im Umkehrschluss nicht das es nicht möglich ist, oder es etwas nicht gibt. Das gilt nicht nur für den Suchtbereich...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.